Hamburg

Tobi Schlegl: „Ich mache mir Sorgen um den Rettungsdienst“

Der Musiker, Moderator und  Autor Tobias Schlegl (43) ist  Notfallsanitäter geworden. Sein Buch „Schockraum“ stand sechs Wochen auf der „Spiegel“- Bestsellerliste). Nun spricht er mit dem Abendblatt über die Zukunft.

Der Musiker, Moderator und Autor Tobias Schlegl (43) ist Notfallsanitäter geworden. Sein Buch „Schockraum“ stand sechs Wochen auf der „Spiegel“- Bestsellerliste). Nun spricht er mit dem Abendblatt über die Zukunft.

Foto: picture alliance

Notfallsanitäter und Moderator Tobias Schlegl spricht mit dem Abendblatt über seinen Job im Blaulichtmilieu zwischen Leben und Tod.

Hamburg. Die Corona-Krise ändert alles – unsere Art zu leben, unsere Gesellschaft, unser Gesundheitswesen. Der Hamburger Tobias Schlegl entschied sich 2016, nicht mehr länger das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ zu moderieren, sondern Notfallsanitäter zu werden.

Sein im Herbst erschienenes Buch „Schockraum“ (Piper) wurde ein Bestseller und bislang 25.000-mal verkauft. Ein Gespräch über sein Leben als Retter in Zeiten der Pandemie, seltsame Einsätze – und eine Einladung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

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2016 haben Sie sich vom Fernsehen zurückgezogen, um etwas „gesellschaftlich Relevantes“ zu machen und Notfallsanitäter zu werden. Zuletzt haben wir Sie wieder häufiger in den Medien gesehen. Bricht sich da die Sehnsucht Bahn nach dem alten Job oder der Drang, vom neuen Job zu erzählen?

Tobias Schlegl: Beides. Um mich selbst zu schützen, habe ich meine Stelle im Rettungsdienst reduziert. Wenn ich diesen Job zwei, drei Jahre in Vollzeit durchziehen würde, wäre ich bald verfeuert. Ich möchte ihn aber länger machen. Gleichzeitig wuchs nach einem Jahr Ausbildung die Sehnsucht nach den Medien. Nebenbei habe ich ein bisschen was bei Extra3 und N-Joy gemacht. Nun habe ich mein Glück in der Kombination beider Welten gesucht und gefunden. Und parallel kam mein Buch hinzu, das mir als Art Therapie geholfen hat, meine Erlebnisse als Notfallsanitäter zu verarbeiten – da berühren sich auch beide Welten.

Wie hat die Pandemie Ihren Alltag als Notfallsanitäter verändert?

Der Job im Blaulichtmilieu zwischen Leben und Tod ist schon ohne Pandemie sehr stressig. Corona hat unseren Job zusätzlich erschwert: Bei jedem Schritt, bei jeder Bewegung müssen wir den Selbstschutz bedenken, bei Corona-Verdachtsfällen sind wir mit Vollschutz unterwegs. Das ist nicht nur im Sommer mühsam, weil man darunter schnell ins Schwitzen gerät. Hinzu kommen zusätzliche Belastungen. Wenn wir Corona-Patienten transportieren, müssen wir den Innenraum des Rettungswagens im Vollschutz danach mit kleinen Tüchern komplett desinfizieren, alle Flächen reinigen und auswischen. Das dauert gut eine Stunde. In meiner letzten Schicht mussten wir den Wagen gleich dreimal desinfizieren.

Haben Sie selbst Corona-Notfälle erlebt?

Ja, es waren auch Fälle dabei, bei denen die Atmung der Patienten schon sehr beeinträchtigt war. Ein lebensbedrohlicher Fall war bislang Gott sei Dank nicht darunter – und auch kein Fall, der das Horrorszenario aller Rettungskräfte ist: Fälle, die sich während des Transports vor unseren Augen lebensbedrohlich verschlechtern.

Die Angst fährt mit – haben sich schon Kollegen infiziert?

Bei uns noch nicht. Grundsätzlich wird jeder Sanitäter vor seiner Vertragsunterschrift aufgeklärt, dass er sich des Risikos bewusst sein muss, sich im Job mit Krankheiten anzustecken. Das ist eine Grundgefahr im Rettungsdienst. Bei Corona kommt aber das Problem hinzu, dass sich manchmal erst bei der Fahrt oder danach bei einigen Patienten der Corona-Verdacht ergibt, auch weil die Symptomatik so unterschiedlich ist. Wir tragen seit Corona stets FFP2-Masken, aber wir können nicht vorbeugend zu allen Einsätzen im Vollschutz fahren. Das liegt auch daran, dass wir sparsam mit der Schutzausrüstung umgehen müssen. Die ist immer noch ein knappes Gut.

Gibt es weniger Einsätze, weil manche Patienten sich vor einer Infektion fürchten?

Nein, das ist seit Sommer nicht mehr so. In der ersten Welle sind wir tatsächlich manchmal zu spät zu akuten Notfällen wie Schlaganfällen oder Herzinfarkten gerufen worden, weil manche Patienten Hemmungen hatten, die 112 zu wählen. Dabei kommt es auf jede Sekunde an. Das hat sich inzwischen wieder normalisiert. Leider sind auch die Lappalien, die ein Hausarzt problemlos hätte behandeln können, wieder da. Und in Zeiten der Pandemie kommen nun die Corona-Einsätze und die Problematik der Desinfektion on top. Mein Gefühl ist, dass wir mehr denn je zu tun haben. Die Kollegen sind derzeit extrem belastet.

Wir stecken mitten in der zweiten Welle. Trifft sie auf ein Gesundheitssystem, das ohnehin schon auf der Felge fährt?

Corona hat schon in der ersten Welle alle Beschäftigten enorm gefordert. Viele haben damals über ihre Verhältnisse gearbeitet, und der Sommer der Erholung war kurz. Nun ist ein Ende trotz Impfstoffs erst einmal nicht abzusehen. Das macht es noch einmal deutlich schwieriger. Bei manchen Kollegen ist der Akku ziemlich leer. Ich habe mir schon vor Corona Sorgen um den Rettungsdienst gemacht, und die Situation hat sich seitdem noch verschlechtert. Unsere Personalnot ist so schlimm wie in der Pflege.

Immer wieder bekommt man Mails, die zeigen, wie viele Rettungswagen morgen und übermorgen noch Personalmangel haben und besetzt werden müssen. Das System läuft nur noch, weil Kollegen trotz ihrem Berg an Überstunden immer wieder kurzfristig einspringen. Das kann so nicht weitergehen. Denn der Rettungsdienst steht am Anfang der Rettungskette und ist von elementarer Wichtigkeit. Trotzdem haben wir bislang keine Lobby. Deshalb übernehme ich das jetzt mal. Ich hoffe aber, dass noch viele andere dazukommen und ihr Gesicht zeigen.

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Zu Beginn der Corona-Krise haben viele Menschen den Mitarbeitern im Gesundheitswesen von ihren Balkonen geklatscht ... Wie fanden Sie das?

Die Menschen wollten Danke sagen und haben das aufrichtig gemeint. Es ärgert mich aber, dass sich politisch nichts verändert hat. Das frustriert das Personal im Gesundheitswesen ziemlich. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn manche irgendwann desillusioniert aufgeben.

Ihr Buch „Schockraum“ erzählt in Romanform vom Rettungswesen. Im Mittelpunkt steht der Notfallsanitäter Kim, der eine posttraumatische Belastungsstörung hat. Diese wird nicht erkannt und lässt ihn immer weiter entgleisen. Ist das auch Ihre Geschichte?

In dem Buch stecken viele persönliche Beobachtungen und Einblicke, auch die geschilderten Einsätze sind sehr real. Der Protagonist ist im Gegensatz zu mir aber falsch abgebogen und hat einen traumatischen Einsatz nicht aufgearbeitet. Auch ich habe mehrere traumatische Einsätze erlebt. Mir wurde geholfen, der Figur Kim nicht. Er ist also ein Retter, der gerettet werden muss. Ich fand es spannend, mich literarisch in dieser Melancholie und Düsternis auszutoben.

Der Leser spürt förmlich die Empörung nach, wenn jemand den Notruf wählt wegen Lappalien, etwa wegen Nasenblutens ...

Ja, diese Lappalien-Einsätze gibt es leider immer wieder in der Realität. Aber der Fall mit dem Nasenbluten war die Krönung. Da rief jemand den Notruf, der schlichtweg gepopelt hatte und Nasenbluten bekam. Als wir eintrafen, sagte er, es sei schon wieder besser und hätte längst aufgehört zu bluten. Das ärgert jeden Sanitäter wahnsinnig, weil solche Einsätze die Rettungswagen blockieren – auch wenn um die Ecke ein Kind angefahren wird.

Wie ist Ihr Buch bei den Kolleginnen und Kollegen angekommen?

Ich war extrem unsicher, wie sie reagieren, eben weil ich keine Heldensaga erzähle, keinen Werbeflyer für den Rettungsdienst geschrieben habe. 99,9 Prozent der Reaktionen waren positiv, die Menschen haben es verstanden: Es ist ja eine versteckte Liebeserklärung an die Kollegen und den Beruf. Ich hätte nie gedacht, dass das Buch so viele Menschen berührt. Aus den zwei Promo-Wochen für „Schockraum“, die ich mir vorgenommen hatte, sind zwei Monate geworden, weil das Interesse so groß war. Als ich das Buch in der St. Pauli Kirche vorgestellt habe, wusste ich nicht, ob überhaupt jemand es kaufen würde. Kurz darauf standen wir auf Platz 19 der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Sie verstehen Ihren Roman auch als „politisches Buch“. Wie fielen dort die Reaktionen aus?

Bislang wurde über den Rettungsdienst kaum gesprochen. Auch deshalb habe ich ein Exemplar unserem Gesundheitsminister Spahn geschickt, mit der Widmung „Lass uns mal quatschen“. Vor wenigen Tagen kam die Antwort: Das Büro Spahn hat mitgeteilt, der Minister habe es gelesen und suche nach einem Termin, sich mit mir zu treffen. Das hätte ich nicht für möglich gehalten.

In Ihrem Podcast haben Sie immer eine Art „Wünsch dir was“ gespielt. Was werden Sie dem Minister sagen?

Mein Hauptwunsch ist, dass der Bund an das Arbeitszeitgesetz herangeht. Wir Rettungskräfte bilden da die große Ausnahme: Wir arbeiten um die 200 Stunden im Monat und mehr, was viele nicht wissen. Wir haben vier Zwölfstunden-Schichten, also in der Regel eine 48-Stunden-Woche. Früher mag das wegen der geringeren Zahl von Einsätzen und längerer Ruhephasen in Ordnung gewesen sein. Aber das ist heute angesichts der physischen und psychischen Belastung nicht mehr tragbar. Es gibt kaum noch Ruhezeiten. Und dann werden wir für den Einsatz zu schlecht bezahlt, wir müssen die Arbeit der Sanitäter endlich aufwerten.

Viele halten nur ein paar Jahre durch und steigen mit Ende 20 aus. Es gibt nur wenige Kollegen, die über 40 Jahre alt sind. Die Personalsituation ist akut. Alle halten den Rettungsdienst für selbstverständlich – aber wenn es so weitergeht, wird er in einigen Jahren nicht mehr selbstverständlich sein. Dann fahren wir gegen die Wand. Das alles würde ich Herrn Spahn gern sagen. Und ihn fragen, ob er unsere Welt überhaupt kennt – anders als in Krankenhäuser kann man ja schlecht in den Rettungsdienst reinschauen.

Wenn man das so hört – haben Sie es doch bereut, aus der Komfortzone als Fernsehmoderator auszubrechen und Notfallsanitäter zu werden?

Nein, auch wenn ich nun manches beklage. Ich habe diesen Schritt nie bereut; vielleicht hat ihn mein Konto bereut. Aber ich wollte eine Erfüllung finden, indem ich Menschen helfe. Das ist ein großartiges Gefühl, das man sehr selten in seinem Job findet und in einem Büro wohl nie. Wir Sanitäter können jeden Tag etwas konkret verändern und Menschen helfen. Es ist nur extrem schade, dass man immer gegen die Widrigkeiten im Rettungsdienst anarbeiten muss.

Das können Sie als Journalist. Sie haben für den NDR elf Folgen des Podcasts „Fighting Corona“ gemacht. Warum pausiert er seit Ende Juni?

Wir hatten das Gefühl, dass Corona damals – nach der ersten Welle – nicht mehr so eine große Rolle spielte. Wir sind gerade am Basteln, wie wir wiederkommen können. Es wird eine Podcast-Rückkehr in anderer Form geben. Denn wir müssen über das Thema sprechen – gerade mit Leuten aus dem Gesundheitswesen und den Rettungsdiensten. Diese Menschen haben generell eine regelmäßige Plattform verdient.

Schreiben Sie auch schon wieder ein Buch?

Ich habe schon Blut geleckt. Mein Ventil ist es, schnell durch Hamburg zu laufen, meistens durch Wälder. Da ist mir neulich eine Idee gekommen, welchen Aspekt mein Buch noch nicht behandelt hat. Es geht um den medizinischen Bereich. Diese Roman-Idee habe ich aber noch niemandem erzählt, nicht mal meinem Verlag. Erst einmal müssen wir alle diese Pandemie überwinden.