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Abendblatt-Hilfsaktion: Als Hamburg in St. Petersburg half

Bürgermeister Henning Voscherau (r.) und Senatsmitarbeiter schieben im Winter 1990/91 Hilfsgüter über den Rathausmarkt

Bürgermeister Henning Voscherau (r.) und Senatsmitarbeiter schieben im Winter 1990/91 Hilfsgüter über den Rathausmarkt

Foto: Ullstein

Vor 30 Jahren schickten Zehntausende Menschen Carepakete ins Not leidende Leningrad, wie die Partnerstadt damals noch hieß.

Hamburg. Das Paket ist gelb, die Freude riesig, der Inhalt alltäglich und dennoch außergewöhnlich, denn er macht Fremde und sogar ehemalige Feinde zu Freunden: „Ich danke allen guten Menschen in Hamburg, danke, danke“, sagt Matriona Antonowna Tschernikow (83) dem „Abendblatt“-Reporter Georg Pakschies im Haus der russischen Wohltätigkeitsorganisation „Barmherzigkeit und Gesundheit“.

In ihrer 37-Quadratmeter-Wohnung an der Narodnaja Opalschenija stellt die alte Dame dann die Spenden auf den Tisch: Eine Dose Rinderwürstchen, Kaffee, Nudeln, Nüsse, Schokolade, Kekse. Ihre Tochter Marina Nikojalewna liest ihr den ins Russische übersetzten Begleittext vor: „Wir Hamburger haben von der Not in Leningrad gehört.“ Ihre Stimme stockt, und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Beispiellose Abendblatt-Hilfsaktion „Ein Paket für Leningrad“

Die beispiellose Abendblatt-Hilfsaktion „Ein Paket für Leningrad“, gestartet im November 1990 gemeinsam mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), ist ein emotionaler Höhepunkt der neuen deutsch-russischen Freundschaft. Doch die Pakete aus Hamburg bezeugen nicht nur die große Hilfsbereitschaft der Hanseaten: Sie sind auch bewegende Boten einer neuen, besonders für Deutschland glücklichen Zeit.

1989 beendet Kremlchef Michail Gorbatschow den Kalten Krieg und macht den Weg zur Wiedervereinigung frei. Eine Modernisierung („Perestroika“) der Wirtschaft mit mehr Markt und eine neue Transparenz der politischen Entscheidungen („Glasnost“) sollen den Zusammenbruch des roten Riesenreichs aufhalten. Doch die neue Freiheit verschärft zunächst die alten Probleme: Die schwerfällige Planwirtschaft, die wuchernde Bürokratie und die mal heimliche, mal offene Obstruktion der Apparatschiks lassen Gorbatschows Wende fast scheitern.

Erste Folge ist eine schwere Versorgungskrise besonders in Leningrad. Aber auch in vielen anderen Städten werden hungernde Sowjetbürger zur Gefahr für Gorbatschows Reformen und damit auch für Deutschland: Noch steht die Rote Armee in der DDR, und ein Putsch in Moskau könnte die Wiedervereinigung gefährden, wie es dann im August 1991 auch tatsächlich geschieht.

Schon Anfang 1990 reagiert Bundeskanzler Helmut Kohl Kohl auf Gorba­tschows Hilferuf ohne jedes Zögern und schickt Hunderttausende Tonnen Fleisch, Butter und Käse aus der Nato-Reserve nach Russland, dazu Unmengen Kleidung und Schuhe. Doch als aus der wankenden Sowjetunion trotzdem immer mehr schlechte Nachrichten kommen, wollen viele Bundesbürger auch selbst etwas tun. Vor allem für Leningrad, das im Krieg besonders schwer unter den deutschen Angriffen gelitten hat. Und vor allem in Leningrads deutscher Partnerstadt Hamburg.

Freundschaft der beiden Städte schon 1957 besiegelt

Die Freundschaft der beiden größten Metropolen im Norden Europas wurde 1957 von einem CDU-Senat unter Bürgermeister Kurt Sieveking besiegelt. Erst zwei Jahre zuvor hatte die Bundesrepu­blik diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen. Doch schon mit dem brutalen Niederwalzen des ungarischen Volksaufstands ein Jahr später bricht eine neue Eiszeit an. Bundeskanzler Konrad Adenauer missbilligt die erste Städtepartnerschaft, aber die Hamburger halten die Beziehung zu den fernen Nachbarn an der Ostsee immer warm. 1990 dürfen sie dann beweisen, wie ernst es ihnen wirklich damit ist. Und sie tun es – mit Pauken und Paketen. Weil Post im maroden Riesenreich oft erst nach Monaten ankommt, sorgt die Arbeiterwohlfahrt für raschen und reibungslosen Transport der Hilfsgüter auch durch den sowjetischen Zoll. Bis Ende 1990 schwimmen 650.000 Pakete von der Elbe an die Newa. Die Würstchen für Großmutter Tschernikow reisen mit dem russischen Containerschiff „Insh. Bashkirow“. Als Absender wünscht die Familie Horst Pahl aus der Seerosenstraße 6 in Ellerbek Gesundheit und Segen.

Die Empfängerin hat alle guten Gedanken und Taten verdient. Ihr Ehemann ist 1941 bei der Verteidigung Leningrads gefallen. „Ich war mit drei kleinen Kindern allein und eingeschlossen“, erinnert sie sich. Die berüchtigte Belagerung („Blokada“) dauerte 900 Tage. Eine Million Menschen verhungerten oder erfroren damals.

Als nun auch noch eine Büchse Corned Beef auf dem Tisch steht, sagt die alte Dame: „Das kenne ich! Das haben uns die Amerikaner im Krieg geschickt!“ Sie musste ihre Kinder allein großziehen. Weil ihre Rente von nur 70 Rubeln 1990 unter dem Existenzminimum liegt, verdient sie als Putzfrau noch etwas dazu. Für ein paar Möhren muss sie stundenlang anstehen.

Hamburgs Beispiel macht Schule

„So viele Kostbarkeiten aus Hamburg“, strahlt sie in ihrer Plattenbauwohnung mit den undichten Fenstern. „Mein Enkel wird Augen machen, wenn er von der Arbeit kommt!“ Und auch die Hoffnung hat sie nicht verloren: „Morgen kann alles besser werden“, sagt sie zu dem Abendblatt-Reporter. „Charoscho? In Ordnung?“

Hamburgs Beispiel macht Schule: Überall in Deutschland sammeln Hilfsorganisationen private Nahrungsmittelspenden und werfen sie in die Schlacht gegen den russischen Hungerwinter. Im Dezember beginnt der Abtransport der Berliner Nahrungsmittelreserve nach Moskau mit sowjetischen, später auch deutschen Flugzeugen. Die Notvorräte, angelegt einst aus Furcht vor einer neuen sowjetischen Blockade der geteilten Stadt, retten nun russische Leben. Kohl und Gorbatschow teilen sich die Schirmherrschaft über die humanitäre, aber auch politisch entscheidend wichtige „Russlandhilfe“.

„Tausende von Dankschreiben älterer Leningrader, die oftmals noch die Jahre der Blokada erlitten hatten, zeugen von der emotionalen Wirkung der besonderen hamburgischen Außenpolitik“, schildert der früh verstorbene Hamburger Historiker Axel Schildt die schicksalhaften Wochen vom Winter 1990/91. 30 Jahre später, Matriona Antonowna Tschernikow ist lange tot, halten nur noch Jubiläen wie das jetzige die Erinnerung an die einzigartige Hilfsaktion wach. Doch manche der 50.000 Kontakte zwischen Menschen in beiden Städten, die damals entstanden, bleiben bis heute lebendig.