Gastronomie

Lieferdienste in Hamburg suchen Hunderte Essensboten

Gastronomin Terry Krug und ihr Mann Jan-Ole Bauer bieten jetzt wieder einen Lieferservice a.

Gastronomin Terry Krug und ihr Mann Jan-Ole Bauer bieten jetzt wieder einen Lieferservice a.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Restaurantketten wie Peter Pane und Domino’s sowie einzelne Gastronomen bauen eigenen Bringservice im Lockdown auf oder aus.

Hamburg. Terry Krug reagierte blitzschnell. Nur einen Tag nach der Schließung aller Gastronomiebetriebe in der Hansestadt war die Webseite mit dem neuen Bestellservice online und ihr Restaurant Krug an der Paul-Roosen-Straße auf St. Pauli damit eines der ersten in der Stadt, das im Corona-Lockdown einen eigenen Lieferdienst startete. Das Konzept: Wenn die Gäste nicht zum Essen ins Krug kommen dürfen, kommt das Essen aus dem Krug eben zu den Gästen nach Hause.

Das war von Mitte März bis Mai so. Jetzt, im zweiten Gastro-Lockdown, schwärmt ein Teil des im Gastraum erneut beschäftigungslosen Servicepersonals wieder abends im Umkreis von einigen Kilometern aus, um online bestellte Gerichte wie Gebratene Bergkäseknödel oder Involtini vom Kalbsrücken an die Haustür zu liefern. „Das macht uns bestimmt nicht reich, aber wir zeigen unseren Stammgästen, dass wir weiter da sind“, sagt Terry Krug. Sie sieht in dem Service ein gutes Mittel für die Kontaktpflege und ergänzt: „Wir wollen nicht in Vergessenheit geraten.“

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Bei Lieferando boomt das Geschäft

Der Aufwand in Küche und Lieferlogistik lohnt zwar nur freitags und sonnabends, dämmt aber die Kurzarbeit der Beschäftigten ein und sichert zumindest einen Teil des Umsatzes. „Im März waren es noch bis zu 40 Prozent der üblichen Einnahmen“, sagt Krug, derzeit seien es aber „weniger als 20 Prozent“. Der wichtigste Grund für den Rückgang: Die Konkurrenz ist inzwischen groß. Immer mehr Gastronomiebetriebe setzen auf solche Bringdienste, organisieren sie selbst oder suchen ihr Heil bei Lieferando, Deutschlands größtem Bestell- und Lieferdienst für Restaurantessen.

Dort boomt das Geschäft: „Schon im März hatten sich mehrere Tausend Restaurants bei uns gemeldet, um ins Liefergeschäft einzusteigen“, sagt Lieferando-Geschäftsführerin Katharina Hauke dem Abendblatt. Der Teil-Lockdown gibt nun weiteren Schub. „Seit Ende Oktober lassen sich erneut Hunderte Restaurants registrieren“, so Hauke.

„Viele Unternehmen haben in der Corona-Krise mit neuen Lieferservices ein weiteres Standbein gefunden“, weiß auch Axel Hildebrandt, Mitgründer und Geschäftsführer des Hamburger Jobnetzwerks Shjft. Das ist soziales Netzwerk – ähnlich wie Xing – für die Gastro- und Hotelbranche. Dort bieten Unternehmen derzeit ungewöhnlich häufig freie Jobs als Pizza- oder Burgerbote an. Lieferfahrer werden dringend gesucht.

Krug will keine Kooperation mit Lieferando – zu teuer

Für Terry Krug soll der Service ein Notbehelf bleiben. „Wir wollen nicht dauerhaft ins Delivery-Geschäft“, sagt sie. Bald nach der Wiedereröffnung des Krug im Mai hatte sie die Lieferungen eingestellt. Die Mitarbeiter wurden wieder im kleinen Gastraum mit 40 Plätzen gebraucht. Eine Zusammenarbeit mit Lieferando kommt für die Inhaberin nicht infrage. Zu teuer. In diesen Tagen gibt der Dienst seinen Firmenkunden zwar Rabatt und lockt Neueinsteiger, indem er in den ersten Wochen gar keine Provision berechnet. Doch für gewöhnlich müssen die Gastronomen schon für eine Bestellung über die Lieferando-Home­page 13 Prozent der Rechnungssumme an den Vermittler abgeben. Besorgt ein Lieferando-Bote die Zustellung, sind es sogar 30 Prozent. „Für uns würde praktisch nichts übrig bleiben“, sagt Krug.

Auch Gastro-Unternehmer Patrick Junge, der Gründer und Chef der Burger-Restaurantkette Peter Pane, lässt lieber eigene Angestellte die Bestellungen zum Kunden bringen. Der Lieferdienst namens Peter bringt’s startete im März genau am ersten Tag, an dem in den 40 Filialen (sieben davon befinden sich in Hamburg) Gäste nicht mehr Platz nehmen durften. Ein Glücksfall mit Vorgeschichte. „Die Auslieferung selbst in die Hand zu nehmen war schon vor der Pandemie geplant. Als sich abzeichnete, dass es zu Schließungen kommen könnte, haben wir das forciert und waren punktgenau startbereit“, sagt Junge.

Lieferdienst soll dazu beitragen, den staatlichen Hilfskredit abzuzahlen

Auch bei Peter Pane waren es anfangs die Servicekräfte der Restaurants, die zu Essensboten wurden. „Deshalb mussten wir niemandem kündigen“, sagt Junge. „Bis zu 70 Prozent des normalen Umsatzes“ spielte der Service im Frühjahr ein, im November-Lockdown komme man auf etwa 50 Prozent. Peter bringt’s ist auf Dauer angelegt, die Zusammenarbeit mit Lieferando hat Junge weitgehend zurückgefahren. „Es kommen noch Bestellungen rein, aber wir liefern selbst und können das besser.“

Die Auslieferung durch Lieferando war ohnehin nur für die Hälfte der Peter+Pane-Filialen möglich. Für Junge besonders wichtig: Selbst in den Spitzen-Bestellzeiten des Tages seien Burger und Pommes nun schnell an der richtigen Adresse. „Wer nur einmal lange warten musste, ist als Kunde verloren“, weiß der Gastro-Unternehmer.

Sogar im Sommer, als die Restaurants geöffnet waren, trug der Lieferdienst immer noch gute 15 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Junge stellte 250 Fahrer ein, investierte einen hohen sechsstelligen Eurobetrag in E-Bikes und beheizte Lieferboxen im Peter-bringt’s-Design sowie die persönliche Ausstattung der Boten. Der Lieferdienst soll dazu beitragen, den staatlichen Hilfskredit abzuzahlen, den das Lübecker Unternehmen wegen der Corona-Krise hatte aufnehmen müssen.

„Aktuell suchen wir eine vierstellige Anzahl von Fahrern bundesweit"

Zusätzliches Personal wird jetzt allenthalben rekrutiert. „Aktuell suchen wir eine vierstellige Anzahl von Fahrern bundesweit, in Hamburg rund 100“, sagt Lieferando-Deutschlandchefin Katharina Hauke. Es sind deutlich mehr Aufträge abzuarbeiten. Im Frühjahr sei die Zahl der Essensbestellungen über Lieferando um annähernd 50 Prozent gestiegen, und dieser Trend sei im Sommer relativ stabil geblieben, so der Marktführer.

Corona in Deutschland und weltweit – die interaktive Karte

Aber auch die großen Pizzaketten, die ihre Kunden seit jeher zumeist durch eigene Fahrer an der Haus- und Wohnungstür beliefern, melden jetzt größeren Personalbedarf. Das ist im Herbst zwar immer so, wird durch die wegen Corona größere Nachfrage und den zweiten Lockdown aber zusätzlich befeuert. Das bietet gute Chancen etwa für Studierende, die jetzt insbesondere in Hamburg nur noch schwer einen Job finden.

Der Pizzadienst-Marktführer Domino’s gab unlängst bekannt, man sei auf der Suche nach 1700 neuen Mitarbeitern für die deutschlandweit 339 Filialen (davon liegen 40 in Hamburg). „Gesucht werden insbesondere Lieferfahrer, der Bedarf ist so groß wie lange nicht“, heißt es aus der Firmenzentrale in der HafenCity. Und Deutschland-Chef Stoffel Thijs betont: „Wir stärken unsere Teams gerade jetzt in Zeiten von Corona, um unsere Kunden wie gewohnt beliefern zu können.“ Einer der Gründe: Mittlerweile lassen sich etwa 85 Prozent der Kunden in Hamburg die Pizza an die Tür liefern, der Anteil der Selbstabholer ist spürbar gesunken.

Smiley’s will Umsatz auch 2020 erneut steigern

Bei der Smiley’s Franchise GmbH in Hamburg mit 63 Filialen (19 davon in der Hansestadt) und gut 71 Millionen Eu-­
ro Umsatz registriert man größere Schwankungen im Orderverhalten der Kunden. Teils gebe es ein unvorhersehbar hohes Bestellaufkommen, dann wieder deutlich weniger, heißt es bei der im Jahr 2019 fünftgrößten Pizzakette im Land. Daher sei die Personalplanung aktuell eine große Herausforderung. Gut zu tun hat man bei Smiley’s in jedem Fall: „Wir haben schon 2019 ein Umsatzplus von 12,5 Prozent erreicht und gehen davon aus, dass wir das in diesem Jahr mit Sicherheit toppen können“, sagt Mitgründer und Geschäftsführer In­go Graetz.

Lieferando wirbt derweil auch mit mehr Geld um Job-Bewerber. Man stelle alle Fahrer fest an und zahle über die „rund 10,50 Euro Stundenlohn“ hinaus aktuell drei statt zwei Euro Bonus pro Auslieferung. Gleichwohl ist die Personaldecke offenbar dünn. Das Unternehmen teilt mit: „Wir ermutigen unsere Restaurantpartner, eigene Lieferungskapazitäten aufzubauen.“

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