Forschung

Künstliche Intelligenz: Hamburg soll zum Leuchtturm werden

Sie wollen das Thema Künstliche Intelligenz in Hamburg voranbringen: NXP-Chief Technology Officer Lars Reger (v. l.), Petra Vorsteher, Alois Krtil vom Aric, Ingo Hoffmann, Ragnar Kruse und Wirtschaftssenator Michael West­hagemann (v.l.)

Sie wollen das Thema Künstliche Intelligenz in Hamburg voranbringen: NXP-Chief Technology Officer Lars Reger (v. l.), Petra Vorsteher, Alois Krtil vom Aric, Ingo Hoffmann, Ragnar Kruse und Wirtschaftssenator Michael West­hagemann (v.l.)

Foto: Michael Rauhe

KI gilt als das Wachstumsfeld der Zukunft. In der Stadt haben sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft positioniert.

Hamburg. Die Zukunft, so heißt es dieser Tage, entscheidet sich in der Krise. In schlechten Zeiten werden oft die entscheidenden Weichen gestellt. Die Frage lautet: Investiert man in untergehende Branchen oder setzt man lieber auf das Neue? Krisenzeiten sind disruptive Zeiten, in denen ein „weiter so“ nicht mehr funktioniert, in denen sich das Neue Bahn bricht. Zeiten, in denen der Gründereifer wächst.

Ein Thema, dessen Dimension sich heute erst erahnen lässt, ist die künstliche Intelligenz (KI). Sie wird unser Leben radikal ändern. Schon jetzt hat sie Einzug gehalten in unseren Alltag, beispielsweise über Alexa, den intelligenten Lautsprecher von Amazon, über Suchmaschinen im Internet, Google Maps oder Gesichtserkennung auf dem Handy. Und während wir noch darüber nachdenken, ob KI für uns bald simultan übersetzt, eigenständig den Kühlschrank auffüllt oder autonomes Fahren übernimmt, geht die Entwicklung rasant weiter.

Sämtliche Studien sehen enormes Wachstumspotenzial – einer Studie von Price Waterhouse Coopers zufolge dürfte das deutsche BIP allein aufgrund KI-basierter Lösungen bis 2030 um mehr als elf Prozent steigen. In der Studie heißt es: „Dank KI wird es in naher Zukunft viele Dinge geben, die wir uns noch nicht vorstellen können und die weit über simples Automatisieren und Beschleunigen hinausgehen. Es werden innovative Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entstehen.“ Und es würden Unternehmen als Marktführer entstehen, die heute noch unbekannt sind.

Neue Technologien werden meist außerhalb von Europa entwickelt

Das Problem bei den neuen Technologien ist, dass sie meist außerhalb von Europa entwickelt werden. Das Silicon Valley hat durch sein Ökosystem von Spitzenuniversitäten, Entwicklern, Großunternehmern, Wagniskapital und einem besonderen Geist einen unschlagbaren Vorteil: Kalifornien hat nicht nur Google, Apple, Facebook oder Amazon, sondern ist per se kreativ, weil es die klügsten Köpfe der Welt anlockt.

Zuletzt haben China und Südostasien aufgeholt. China will bis 2030 zur führenden Nation bei Forschung und Anwendung von künstlicher Intelligenz werden und investiert für dieses Ziel mehr als 150 Milliarden Dollar, um KI in Unternehmen, Verwaltung, Universitäten und schulische Einrichtungen zu bringen. Auch Deutschland hat das Thema endlich entdeckt, die Regierung will Forschung und Anwendung künstlicher Intelligenz bis 2025 mit drei Milliarden Euro unterstützen. Allein die Summe aber zeigt, wie groß der Abstand ist.

Das soll sich nun ändern: Zwei bekannte Köpfe der internationalen Gründerszene bringen das Thema KI in Hamburg voran: Die Smaato-Gründer Petra Vorsteher und Ragnar Kruse haben zu Jahresbeginn die Initiative „AI for Hamburg“ (AI.Hamburg) gegründet, um internationale KI-Expertise für die Wirtschaft in die Hansestadt zu bringen. Ihr Ziel ist es, „die Adaption von künstlicher Intelligenz in Unternehmen und Start-ups zu beschleunigen, Ausbildung und Weiterbildung zu fördern und ein führendes Ökosystem für die Anwendung künstlicher Intelligenz aufzubauen.“

Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Universitäten

Kruse und Vorsteher sehen den Standort Hamburg deutlich positiver, als das verbreitete Wehklagen über Zukunftstechnologien erahnen lässt. „Hier passiert schon viel“, sagt Kruse. „Wir sind stark in der Lehre, stark im Transfer – die zentrale Frage ist jetzt, wie wir diese Leistungen auch in die Öffentlichkeit bekommen.“ Mit 12.000 Studenten, die an den Hochschulen an oder mit der KI arbeiten, sei reichlich Talent vorhanden. „Wir müssen ihnen Möglichkeiten geben – das ist für uns volkswirtschaftlich relevant. Der Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Universitäten bringt viele Verbesserungen ins tägliche Leben.“ Zugleich kritisiert Kruse aber, dass Wagniskapital in Hamburg wie in Deutschland unterrepräsentiert sei. Er regt an, die Vergabe von Aktienoptionen (Stock-Options) zu erleichtern und Venture Capital steuerlich besserzustellen.

Geschäftsführer der neuen Initiative AI.Hamburg ist seit April Ingo Hoffmann, der eine 30-jährige Erfahrung in Software- und Technologieunternehmen mitbringt, unter anderem bei SAP und IBM, wo er IBM Watson Health, ein KI-Computersystem für den Gesundheitssektor, mit aufbaute. Hoffmann hat in den vergangenen Jahren führende KI-Initiativen in Deutschland unterstützt. Nun wurde er von der Bundesregierung in das Expertengremium der neu gegründeten Global Partnership on Artificial Intelligence (GPAI) berufen.

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann drückt aufs Tempo

Auch Wirtschaftssenator Michael Westhagemann drückt aufs Tempo: „Das Thema KI beschäftigt uns schon länger. Wir haben es als strategisches Themenfeld definiert“, sagt der Senator im Gespräch mit dem Abendblatt. Hamburg habe sehr gute Voraussetzungen, in dieser Zukunftstechnologie vorne mitzuspielen. „Wir haben fast 10.000 IT-Unternehmen, 70 Start-ups in diesem Bereich und sieben Forschungseinrichtungen.“ Im September 2019 hat sich das Artificial Intelligence Center Hamburg (ARIC) gegründet.

Das Kompetenzzen­trum soll im Bereich Künstliche Intelligenz das Wissen disziplin- und branchenübergreifend bündeln und das KI-Ökosystem in Hamburg voranbringen. Das ARIC versteht sich dabei als Bindeglied zwischen anwendungsorientierter Forschung und praxisbezogener Anwendung. Westhagemann verweist darauf, dass in der Stadt zudem große Player das Thema voranbringen: „Wir haben hier mit NXP ein Ankerunternehmen. Aber auf der internationalen Bühne sind wir noch nicht angekommen.“

NXP, die frühere Philips-Halbleitertochter, zählt zu den weltweit führenden KI-Unternehmen. In Lokstedt arbeiten rund 850 Beschäftigte an Chip-Technologien, die vom Auto bis zum Telefon Geräte klug vernetzen können. Lars Reger, Chief Technology Officer von NXP, beschreibt es so: „Ohne unsere Lösungen würde ein Airbus nicht fliegen, ein BMW sich nicht öffnen lassen und der Reisepass oder Mobile Payment nicht funktionieren.“ In Zukunft aber würden viel stärker als heute die Endgeräte Informationen und Daten an Ort und Stelle verarbeiten.

Explodierende Datenmengen

Das Internet der Dinge verlangt angesichts explodierender Datenmengen eine Verarbeitung der Informationen in Echtzeit. „Edge Computing wird zur unverzichtbaren Schlüsseltechnologie im Internet der Dinge“, sagt Reger. Ein Beispiel: Moderne Flugzeuge und Fahrzeuge sammeln mit Tausenden von Sensoren in Echtzeit Millionen Daten – viele davon werden nur zur Verarbeitung in dem Moment benötigt und können als „Wegwerfdaten“ anschließend gelöscht werden.

In der Entwicklung intelligenter Kleinstsysteme (Smart Devices) für die dezentrale Datenverarbeitung, das Edge Computing, liege eine Riesenchance für NXP, „aber auch für die Industriestandorte Deutschland und Europa“, sagt Reger. „Hamburg ist attraktiv und hat die Chance, die Pole Position zu bekommen.“ Ein Loblied auf den Standort singen auch Vorsteher und Kruse, deren altes Unternehmen, die Echtzeit-Werbeplattform Smaato, über Standorte in San Francisco, New York, China, Singapur und Hamburg verfügt. „Das Silicon Valley ist teuer, zuletzt gab es dort außerdem keine Visa mehr. Hamburg ist günstig, sicher – und hier fällt auch der Strom nicht aus“, sagt Kruse. „Hierzulande stützt die Politik sogar die Start-ups in der Corona-Krise“, so Vorsteher: „Hamburg hat das Potenzial, Leuchtturm zu werden.“ Und Kruse ergänzt. „Der Leuchtturm steht sogar schon. Wir müssen ihn nur noch zum Leuchten bringen.“

Viel beklagtes deutsches Problem

Genau dies ist ein viel beklagtes deutsches Problem. Hierzulande liegt man oft in der Forschung vorne, überlässt die ökonomischen Anwendungen dann aber ausländischen Konzernen. Das Küchenbeispiel beschreibt die deutsche Malaise: Die Forschung befindet sich durchaus auf Weltniveau – die Küchengeräte also sind in bester Qualität vorhanden, nur fehlt es an den Köchen, die daraus etwas machen. Mit Hoffmann, Vorsteher und Kruse hat Hamburg nun die Köpfe.

Die drei bringen ihre Kontakte ein. „Wer nach Deutschland guckt, muss nach Hamburg gucken“, formuliert Westhagemann den neuen Anspruch. Immerhin: Der attraktive Ballungsraum mit Hochschulen, Mittelständlern und Konzernen könnte die kritische Masse mitbringen, zu einem führenden KI-Leuchtturm zu werden, sagt der Senator: „Mit dem Hafen, der Grundstoffindustrie, der Logistik und dem Handel decken wir alle Anwendungsfelder für KI ab.“

Im Wege stehen Ängste vor der künstlichen Intelligenz, die als Bedrohung oder Jobkiller wahrgenommen wird. Hinzu kommt ein weiteres sehr deutsches Problem. Wer in der KI vorne sein will, benötigt vor allem den Zugriff auf viele Daten. Während die US-Konzerne diese Daten absaugen, ist Deutschland vor allem beim Datenschutz Weltklasse.

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Das muss nicht immer von Nachteil sein – gerade im Gesundheitsbereich hätte die Bundesrepublik mit ihrem funktionierenden Gesundheitswesen und dem Datenschutz beste Möglichkeiten, weltweit führend zu werden. Reger sagt, dass Vertrauen und Datenschutz zentrale Anforderungen sind. „Aber der hier herrschende Datenschutz macht Europa eben auch langsamer als die anderen.“ Er rät zu einem pragmatischeren Umgang mit Daten und fordert eine verbindliche Ethik für künstliche Intelligenz. Auch Ingo Hoffmann sagt: „Wir laufen Gefahr, Dinge überzuregulieren. Das kann Innovation abwürgen.“

Westhagemann definiert die Aufgabe, die vor uns liegt, folgendermaßen: „Die Politik muss den Rahmen setzen, den die Unternehmen dann nutzen können.“ Der Senator demonstriert Zuversicht, dass Hamburg zu einem führenden Standort in der künstlichen Intelligenz wachsen kann: „Krisen wecken Kreativität. Diese Chance müssen wir nutzen.“