Corona

Krise als Chance: Neue Konzepte für die Hamburger Innenstadt

Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing.

Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing.

Foto: Michael Rauhe

Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing im Interview: Die Stadt muss sich der wachsenden Konkurrenz aus dem Umland stellen.

Hamburg. Die Corona-Krise ändert alles – unsere Wirtschaft, unsere Städte, unser Leben. Franz-Josef Höing ist seit 2017 Oberbaudirektor der Freien und Hansestadt Hamburg. Seit Jahren zieht die Stadt neue Bewohner an, die Bevölkerungszahl wuchs – bis zur Pandemie. Ein Gespräch über die Grenzen des Wachstums, die Renaissance des Landes und die Zukunft der Innenstädte.

Hamburger Abendblatt: Wird nach Corona die Welt wieder so, wie sie vor Corona war?

Franz-Josef Höing: Ich glaube nicht, dass sich die Welt so radikal verändern wird, wie derzeit einige vorhersagen. Die Sehnsucht nach unserer alten Normalität ist sehr groß. Doch auch die könnte trügerisch sein: Ich denke, die Wahrheit liegt in der Mitte. Covid-19 wird die Welt weder aus den Angeln heben, noch wird alles so bleiben, wie es war. Keiner kann das derzeit verlässlich sagen.

Wie verändert die Pandemie denn die Arbeit Ihrer Behörde – und die Arbeit auf dem Bau?

Höing: Wie überall haben auch wir unsere Arbeit digitalisiert. Wer hätte vor einem Jahr geglaubt, dass große Teile der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ins Homeoffice ziehen? Auch große Verfahren wie etwa zum Grasbrook laufen digital weiter, als große hybride Veranstaltungen. Das klappt gut, bedeutet aber einen hohen Aufwand und stößt natürlich mitunter auch an Grenzen. Was in der Pipeline ist, wird systematisch abgearbeitet. Wir müssen aber auch dafür sorgen, dass die Pipeline für die kommenden Jahre gut gefüllt ist. Zugleich sehen wir, dass die Baustellen sehr gut funktionieren und reibungslos weiterlaufen – trotz der Herausforderungen der Pandemie.

Stadtentwicklung ist immer auch durch Epidemien oder Pandemien beeinflusst worden – die Cholera 1892 hat dem Gängeviertel den Garaus gemacht. Wird Corona das Stadtbild auch verändern?

Höing: Die Stadt von heute kann man nicht mit den desaströsen hygienischen Zuständen im Gängeviertel des 19. Jahrhunderts vergleichen. Wir werden jetzt sicherlich nicht bilderstürmerisch Stadtstrukturen abräumen. Warum auch? Hamburg ist im Vergleich zu vielen anderen Metropolen weniger dicht besiedelt. Das war immer ein Vorteil und gilt jetzt erst recht. Aber auf jeden Fall werden die Debatten durch Corona befeuert – wie sehen die Arbeitswelten von morgen aus, wie die Büroflächen? Große Nutzer denken da sehr um. Die großen Gewissheiten sind weg, weil niemand mehr weiß, wie Büros in 50 Jahren aussehen werden. Flexibilität, die Fähigkeit zum schnellen Umbau, wird wichtiger.

Der Elbtower kommt also?

Höing: Davon gehe ich aus. Dort wird offensiv mit den Vorhabenträgern weitergearbeitet, die nach wie vor von dem Projekt und von dem Bedarf an diesem Ort sehr überzeugt sind: Das Quartier an den Elbbrücken ist ja hoch zentral. Es kann sein, dass das eine oder andere Projekt am Stadtrand innehält, aber an diesem Knotenpunkt bleibt Dichte ein berechtigtes Thema.

Manche sehen deutlich größere Umwälzungen­ …

Höing: Ja, aber ich traue diesen großen Propheten nicht. Vor Kurzem hieß es noch, der Immobilienmarkt würde zusammenbrechen, Mieten würden dramatisch fallen, Projekte kollabieren. Das hat sich alles nicht bewahrheitet. Hamburg wird weiterhin als stabiler Immobilienstandort wahrgenommen, das Interesse ist ungebrochen, auch Geld ist weiterhin im Markt. Ein paar Player, die noch vor einem Jahr Grundstücke auf Vorrat gekauft haben, halten sich jetzt vielleicht zurück, manche kurzfristige Investoren warten ab. Andere langfristige Anleger bleiben optimistisch.

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Erwarten Sie denn einen Rückgang der Bautätigkeit?

Höing: Viele Planungsbüros haben noch gut zu tun, da gibt es noch keine Einbrüche. Aber wir nehmen eine veränderte Dynamik in der Stadtentwicklung wahr: Manche Segmente brechen derzeit regelrecht weg, etwa die Planung neuer Hotels. Vieles, was in Bau ist, wird noch fertiggestellt. Aber der Hotelbau wird in dieser Dynamik nicht mehr weitergehen: Corona wird die Frage, wie viele Hotels in der Stadt in den kommenden Monaten und Jahren neu gebaut werden, neu beantworten. Manches, was man noch vor einem Jahr euphorisch angekündigt hat, steht infrage. Da wurden einige Projekte von der neuen Realität eingeholt. Andere Segmente wie etwa der Wohnungsbau hingegen sind von Corona so gut wie nicht betroffen. Der Bedarf bleibt ja in Hamburg hoch.

Bleibt denn das Ziel von zwei Millionen Einwohnern realistisch?

Höing: Ich habe nie akribisch auf zwei Millionen Einwohner hingearbeitet. Das Wachstum kommt aber nicht zum Erliegen, es wird in bestimmten Segmenten höchstens etwas abgebremst. Es wäre total falsch, sich jetzt zurückzulehnen und den Wohnungsbau zu vernachlässigen. Unsere Zielzahlen gelten weiterhin.

Wiederholt sich die Geschichte der 70er-Jahre? Verlieren wie gerade die jungen Familien und wohlhabendere Menschen an das Umland?

Höing: Das ist in aller Munde. Es kann sein, dass sich das Verhältnis zwischen Stadt und Umland etwas verschiebt. Schon jetzt wachsen manche Städte im Umland schneller als Hamburg selbst. Die Dimension dieser Veränderungen aber lässt sich noch nicht absehen. Eine Renaissance des Lebens auf dem Lande sehe ich noch nicht. Die Stadt bietet ja auch in Pandemie-Zeiten sehr viel, etwa über funktionierende Nachbarschaften. Und noch etwas ist wichtig: In den Veränderungen, die wir erleben, stecken ja auch gute Nachrichten, etwa wenn das Homeoffice dazu beiträgt, die endlosen Pendlerströme zu verkleinern. Und es birgt die Chance, die Städte neu zu mischen – weg von reinen Schlafstädten oder Gewerbegebieten.

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Trotzdem wächst die Konkurrenz durch das Umland ...

Höing: Das mag sein – und ist doch etwas Gutes. Der Wettbewerb zwingt uns, noch attraktiver zu werden. Die Frage, was wir mit den öffentlichen Räumen in der Stadt machen, wird sicher wichtiger. Freiräume waren immer wichtig, aber manchmal haben wir uns zu wenig um deren Gestaltung gekümmert. Da ist die Wahrnehmung jetzt eine andere.

Sind Nachverdichtungen in Pandemie-Zeiten überhaupt noch wünschenswert?

Höing: Wir werden den Bedarf nach neuen Wohnungen nicht nur an den Rändern der Stadt bedienen können. Bei aller Wichtigkeit von Freiräumen – es geht nicht nur um deren Größe, sondern vor allem um deren Qualität.

Werden sich auch die Wohnungen selbst ändern?

Höing: Davon gehe ich aus, die Grundrisse zum Beispiel könnten sich ändern. Sicher werden Architekten jetzt noch intensiver überlegen, ob es in den Wohnungen Raum für ungestörtes Arbeiten gibt. Mehr kleinere Räume in den Wohnungen könnten ein Ergebnis sein.

Werden die Ergebnisse des Bauforums aus dem vergangenen Jahr, als es um die Neugestaltung der Magistralen ging, nun noch aktueller?

Höing: Ja, das Thema ist nun noch wichtiger. Wir haben im Bauforum ja sehr spielerisch den Blick auf die Ränder der Stadt geworfen. Es freut mich, dass immer mehr Menschen die Wichtigkeit dieser Räume erkennen und die Notwendigkeit, sich damit zu beschäftigen. Die Entwicklung der Magistralen ist ja nicht zu Unrecht ins Regierungsprogramm eingeflossen. Wir sammeln jetzt einige sogenannte Starterprojekte mit den Bezirken, um das Thema weiter zu forcieren.

Zum Beispiel?

Höing: Wir kümmern uns intensiv um den Bau der S 4 in Wandsbek – was kann da rund um die neuen Haltepunkte entstehen? Wir haben auch ein großes Verfahren rund um das Gebiet am Berliner Tor angestoßen. Noch zerfällt die Stadt dort durch die großen Verkehrsadern. Hier möchten wir die Stadt vernähen, also die Stadtteile besser verknüpfen und neue Dichte produzieren. Auch die Deutsche Bahn wird am Berliner Tor nennenswert investieren. An der Eiffestraße gibt es eine Menge von Projekten. Viele sind auf Lagen aufmerksam geworden, die vorher ein bisschen vergessen waren. Außerdem erhält das Thema des Stadteingangs an den Elbbrücken Priorität – die Anbindung von Rothenburgsort bekommt nun eine neue Wichtigkeit. Bislang haben wir da vor allem eine große Straße und etwas abgehängte Ränder. Ein weiterer Baustein wird die Entwicklung der Science City Hamburg Bahrenfeld an der Luruper Chaussee.

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Ist Oberbillwerder eine zeitgemäße Antwort auf Stadtplanung in Pandemiezeiten?

Höing: Das Konzept ist sehr stabil – ein Stadtteil mit moderater Dichte, vielen Freiräumen und der Idee einer Active City passt sehr gut in diese Zeit. In Oberbillwerder wird in den kommenden Jahren ein Stadtteil mit großen Grünflächen und öffentlichen Räumen, mit einer Vielzahl von Wohnformen, auch mit Garten, entstehen.

Eine große Baustelle tut sich auch direkt in der Innenstadt auf, weil mit der Schließung von Karstadt Sport und Kaufhof gleich zwei große Häuser ausfallen.

Höing: Das wird eine Herausforderung, und da sind alle Akteure gefragt: Immobilienbesitzer und Einzelhändler, Politik wie Zivilgesellschaft müssen helfen, Ideen zu entwickeln. Nur Wohnungsbau allein wird es nicht sein können.

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Höing: Auch das ist eine Idee, interessante Nutzung in die Stadt zu bringen. Kultur ist ein Baustein, der die Innenstadt interessanter machen kann. Aber die Häuser sind nicht ganz einfach – da ist die Diskussion noch lange nicht am Ende. Klar ist: Der Einzelhandel allein kann auf absehbare Zeit nicht mehr der Treiber von Immobilienprojekten sein. Da hat Corona eine Entwicklung beschleunigt, die schon vorher absehbar war. Eine zentrale Rolle kommt der Entwicklung der Mieten zu, die über Jahre nur eine Richtung kannten. Die interessanten Nutzungen, die wir in der Innenstadt suchen, könnten nun eine neue Chance bekommen. Manches könnte zurückkehren, was wir längst vermissen. Ich will jetzt nicht den gläsernen Manufakturen das Wort reden, aber hier kann Neues entstehen.

Was halten Sie denn von einem Naturkundemuseum an diesem Ort?

Höing: Auch diesen Standort wird man überprüfen. Historisch würde es ja gut passen, weil das alte Naturkundemuseum am Steintorwall beheimatet war. Man muss aber sehen, ob die Gebäude diese Funktionalitäten bieten.

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