ZDF-Zweiteiler

"Altes Land" im Film: Hamburger treten Bauern auf die Füße

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Behrens
Altes Land – der Film im ZDF, schon ab Sonnabend in der Mediathek: Vera Eckhoff (Iris Berben) erfüllt ihrem Stiefvater Karl (Milan Peschel) auf der weißen Bank vor dem Haus einen langgehegten Wunsch in einer Szene des zweiten Teils des Zweiteilers "Altes Land - Bleiben"

Altes Land – der Film im ZDF, schon ab Sonnabend in der Mediathek: Vera Eckhoff (Iris Berben) erfüllt ihrem Stiefvater Karl (Milan Peschel) auf der weißen Bank vor dem Haus einen langgehegten Wunsch in einer Szene des zweiten Teils des Zweiteilers "Altes Land - Bleiben"

Foto: Georges Pauly/ZDF/dpa

Nun in der Mediathek: Regisseurin Sherry Horman über Iris Berben, einsilbige Bauern und den Einfluss von Dörte Hansen.

Hamburg. Vor fünf Jahren veröffentlichte Dörte Hansen ihren Debütroman „Altes Land“ und hielt sich damit lange in den Bestsellerlisten. Das Generationenporträt aus einem norddeutschen Dorf lebt von den Konflikten der alten und jungen Bewohner. Die Deutschamerikanerin Sherry Hormann hat daraus einen Zweiteiler gemacht, den das ZDF am Sonntag und Montag zur besten Sendezeit zeigt. In der Mediathek kann man ihn schon von Sonnabend an sehen. Der vielschichtige Film ist hochkarätig besetzt: Iris Berben, Nina Kunzendorf, Milan Peschel, Peter Kurth, Karoline Eichhorn sind zum Teil in für sie ungewöhnlichen Rollen zu sehen.

Hamburger Abendblatt: Kannten Sie den Roman, bevor man diesen Film an Sie
herantrug?

Sherry Hormann: Nein. Er löste bei mir aber gleich viel Fantasie aus und sprach Probleme an, die ich spannend finde.

Wussten Sie gleich, dass Sie auch das Drehbuch schreiben wollten?

Ich wusste sofort, dass ich den Film in einer assoziativen Erzählform umsetzen würde. Die Auflösung von Gegenwart und Vergangenheit. Deshalb habe ich das Drehbuch geschrieben.

"Altes Land" als Film: "Es geht ums Menschsein"

Was hat Sie am Buch interessiert?

Es geht bei Hansen mehr ums Menschsein als um Plots. Gerade bei einem Bestsellerroman spielen für die Leser ja auch Teile ihrer eigenen Biografie eine Rolle, vor deren Hintergrund sie das lesen. Insofern kann man gar nicht die gesamte Leserschaft abdecken. Ich habe zum Produzenten und der Redaktion gesagt: Das hier ist meine Interpretation. Wenn ihr die gut findet, arbeiten wir weiter daran. Wenn nicht, müsst ihr nach jemand anderem Ausschau halten.

Aber es gibt natürlich eine Erwartungshaltung durch die vielen Leser. Haben Sie das auch als Druck empfunden?

Ja, klar. Es gab einen engen Austausch mit Dörte Hansen, die für den Film ihr Baby loslassen musste. Sie war da sehr offen. Es ist wirklich eine gute Zusammenarbeit gewesen. Als wir im Alten Land waren, um Motive zu suchen, habe ich in fast jedem Regal dieses Buch stehen sehen. Da wurde mir der Druck erst wirklich bewusst. Man kommt im Bahnhof oder Flughafen an, geht noch schnell eine Zeitung kaufen – da steht dieses Buch. Das habe ich ja schon einmal erlebt, als ich Waris Diries „Wüstenblume“ verfilmt habe.

"Hier kommen die Hamburger und treten den Bauern auf die Füße"

An Änderungen kommt man bei Literaturverfilmungen nicht vorbei. Haben Sie da viel machen müssen?

Natürlich. Mein einer Fokus lag auf den drei Frauen, der andere auf der Frage: Was macht Vergangenheit, über die nicht gesprochen wird, mit uns? Das Dreieck zwischen Iris Berben, Nina Kunzendorf und Svenja Liesau hat interessiert. Und dass Erinnerungen plötzlich wieder aufploppen können, die man schon längst abgedeckelt hatte. Wir sind ja aus ihnen aufgebaut. Es geht auch darum, wie man mit dem Älterwerden umgeht. Der Aspekt: „Hier kommen die Hamburger und treten den Bauern auf die Füße“ hat mich weniger interessiert.

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, Iris Berben schon einmal in einem Film reiten gesehen zu haben. War es schwer, die 70-Jährige aufs Pferd zu bekommen?

Im Gegenteil. Sie sagte: Wo ist mein Pferd? Ich will endlich reiten! Sie hat ein Cowgirl in sich und liebte es, den Stall auszumisten und Holz zu hacken. Sie hat sich mit Haut und Haaren in diese Rolle begeben und sieht darin ja auch ganz anders aus als sonst. Iris hat auch zwei Tage mit einem Jäger verbracht, der ihr gezeigt hat, wie man ein Reh ausnimmt. Sie ist im Übrigen eine gute Reiterin.

Die Bauern aus dem Alten Land trugen zum Film bei

Die Kriegsheimkehrer haben Sie offenbar besonders interessiert, oder?

Wir drehen uns politisch im Kreis, wenn über Geflüchtete und unsere Flüchtlingspolitik gesprochen wird – die „anderen“. Und wenn man dann mal recherchiert, wie viele Menschen bei uns aus Ostpreußen, Böhmen und Schlesien kommen und selbst solche Geschichten erlebt haben!

Wie sind Sie denn im Alten Land begrüßt worden?

Mit offenen Türen. Wir hatten zwei Bauern, die uns so unterstützt haben. Wir hatten ja nur eine bestimmte Drehzeit, aber viele spezielle Wünsche. Die Äpfel sollten blühen, aber die Bäume sahen damals ganz anders aus, weil anders geerntet wurde. Wir haben viele gute Tipps bekommen und die Bauern waren froh, dass man sich genau damit beschäftigt. Muss ja nachher alles stimmen. Ich kann doch als Mensch, der zwischen Berlin und Amerika pendelt, nicht wissen, wie so ein Baum aussieht.

Wie hat es Ihnen im Alten Land gefallen?

Ich musste erst einmal mit der Einsilbigkeit der Leute klarkommen und fragte mich immer: Kommt da noch etwas? Manchmal kam ich mir vor wie Bill Murray in „Lost In Translation“. Aber dann habe ich mich daran gewöhnt. Am Ende haben wir beide den Mund aufbekommen. Ich habe in Amerika lange auf dem Land gelebt, da waren nur Bären und Elche. Das war in den Wäldern von Massachusetts, westlich von Boston. Auch einsilbig.

Offenbar haben Sie jetzt so richtig Serienblut geleckt, oder? Sie bereiten gerade „Torstraße 1“ vor.

Das wird eine große Serie. Erst einmal sind zwölf Folgen geplant. Die Handlung beginnt 1929. Es ist eine große Liebesgeschichte. Ohne „Bella Block“ hätte ich übrigens viele andere Filmprojekte gar nicht erst ausprobiert.

„Altes Land – Ankommen“ So, 20.15 Uhr, „Altes Land – Bleiben“ Mo, 20.15 Uhr, ZDF. Beide Teile ab Sonnabend in der ZDF-Mediathek

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