Hamburg

„Ein Albtraum“: Wie ein Schanzenwirt unter Corona leidet

Gastronom Gerrit Lerch betreibt seit 2013 den „Galopper des Jahres“ am Schulterblatt, der für seine Craftbier-Spezialitäten bekannt ist.

Gastronom Gerrit Lerch betreibt seit 2013 den „Galopper des Jahres“ am Schulterblatt, der für seine Craftbier-Spezialitäten bekannt ist.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Gerrit Lech spricht über Auflagen, Sperrstunde und halben Umsatz im „Galopper des Jahres“. Warum Außengastronomie kaum hilft.

Hamburg. Gemessen an dem rasanten Wandel im Schanzenviertel ist Gerrit Lerch schon fast so etwas wie ein Urgestein. Seit 22 Jahren ist er Gastronom im Viertel, seit 2013 betreibt er den „Galopper des Jahres“ – neben der Roten Flora – und hat schon manche Stürme auf der Schanze erlebt. Aber so heftig wie jetzt war es noch nie.

Lerch, dreifacher Familienvater, sieht sich selbst als Optimisten. Doch auch ihm fällt es schwer, derzeit nicht den Mut zu verlieren. „Was mich traurig macht: Der Spaß ist weg“, sagt er. Mit jeder neuen Auflage, mit jedem weiteren Ansteigen der Infektionszahlen ändert sich seine Geschäftsgrundlage, müssen Konzepte wieder angepasst werden – und die Aussichten werden immer trüber.

„Da wird es schwieriger, bei den Gästen gute Laune und bei den Mitarbeitern Zuversicht zu verbreiten“, sagt Lerch. Der 48-Jährige sitzt am Dienstagnachmittag bei einem Cappuccino in seinem Laden, und je länger er erzählt, desto mehr scheint die Verzweiflung durch seine Worte.

Wegen Corona ist das Jolly Jumper im Haus 73 geschlossen

Der „Galopper des Jahres“ am Schulterblatt vis à vis der Piazza, ein bisschen Kneipe, ein wenig Bar, im als Kulturzentrum bekannten Haus 73, ist ein großer Laden. Wohl an die 300 Qua­dratmeter hat der „Galopper“, hinzukommt der Tanzclub Jolly Jumper im hinteren Bereich mit weiteren rund 150 Quadratmetern. Der Club, der sonst ein Viertel bis ein Drittel des Umsatzes bringt, ist seit dem Frühjahr geschlossen.

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Bis März dieses Jahres – mittlerweile erscheint es wie ein anderes Zeitalter – da brummte auch das Geschäft im „Galopper“. Hier schenkt Lerch Craftbier-Spezialitäten aus und veranstaltet unter der Woche ein Kneipenquiz und Konzerte. Am Wochenende stehen die Menschen sonst dicht gedrängt um die Bar, und der Zapfhahn steht nicht still.

Jetzt sitzen die Gäste an weit auseinanderstehenden Tischen und werden von Servicekräften bedient. Lerch, mit Maske über Mund und Nase, empfängt sie an der Tür und drückt jedem ein Klemmbrett mit Kontaktformular in die Hand.

Personalkosten fast wie früher bei der Hälfte des Umsatzes

Im August, so erzählt er, hat er die Hälfte seines üblichen Umsatzes gemacht. Sagen wir mal, es wären 40.000 Euro gewesen, wären für Personal und Lohnnebenkosten bereits 20.000 Euro draufgegangen, auch wenn er statt 40 Angestellten, darunter viele Minijobber, jetzt nur 25 Mitarbeiter beschäftigt. Der Wareneinsatz macht in der Gastronomie normalerweise ein Viertel des Umsatzes aus, das wären weitere 10.000 Euro.

Und die Miete für das Lokal in exponierter Lage auf der Schanze ist beachtlich. So übersteigen die Mietkosten das, was nach Abzug von Personalkosten und Wareneinsatz vom Umsatz übrig bleibt, bei Weitem, berichtet Lerch.

Außengastronomie kostet auch viel Personal

Im Sommer konnte er erstmals die Terrasse neben dem Haus nutzen – Dank an das Bezirksamt! Aber: „Das bringt Umsatz, kostet jedoch viel Personal“, sagt er. Weil jetzt am Tisch bedient werden muss, hat er bei der Hälfte des Umsatzes dennoch fast so hohe Personalkosten wie vor Beginn der Corona-Misere. So läuft jeden Monat derzeit ein Minus auf.

In der Rückschau war der Lockdown im Frühjahr fast noch die beste Zeit. Von Mitte März bis Mitte Mai war der „Galopper“ komplett geschlossen. Die Mitarbeiter, für die sich der Gastronom verantwortlich fühlt, bekamen Kurzarbeitergeld und waren zumindest einigermaßen versorgt. Und für Lerch fielen die Kosten für Personal und Waren weg.

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Im Sommer erholte sich das Geschäft etwas. Die Menschen gingen wieder aus, die Schanze war ziemlich belebt – auch wenn Lerch, der sich streng an die Corona-Auflagen hielt, vielleicht weniger Umsatz machte als andere Gastronomen, in deren Bars sich die Gäste drängten. Dann gab es Berichte über Corona-Ausbrüche in der Schanze.

Corona-Ausbruch und Sperrstunde haben die Lage verschlimmert

Lerch nennt es nicht beim Namen, aber es ist klar, was gemeint ist: Die infizierten Kellner in der „Katze“ gegenüber, wo Abstände nicht eingehalten wurden und Kontaktlisten mit Fantasienamen ausgefüllt wurden, brachten die Feiermeile in Verruf. Es wurde ruhiger in der Schanze. „Der Sommer ist vorbei, die Menschen haben weniger Lust auszugehen“, sagt Lerch.

Und jetzt noch die Sperrstunde. An den ersten Tagen der Woche fällt sie nicht so sehr ins Gewicht. „Aber donnerstags, freitags und sonnabends schmerzt es schon sehr, wenn man den Gästen um halb elf Uhr sagen muss: Letzte Runde.“ In der Vor-Corona-Zeit hat er im „Galopper“ freitags und sonnabends 80 Prozent des Umsatzes gemacht – den größten Teil davon nach 23 Uhr. Davon konnte schon vor Einführung der Sperrstunde keine Rede mehr sein – jetzt sind die Aussichten trist.

Lerch hat seine Altersvorsorge angetastet

Schon im Frühjahr hat Lerch staatliche Hilfe bekommen, 25.000 Euro als Subvention und später eine anteilige Übernahme der Fixkosten. Jetzt wartet er, wie andere Gastronomen auch, gebannt auf die Freigabe der Mittel aus dem Konjunkturpaket II. Bis dahin hat ihm sein Vermieter die Hälfte der Mietkosten gestundet, die will Lerch aus der staatlichen Hilfe zurückzahlen.

Und er hat seine Altersvorsorge angetastet, die er als Gastronom angelegt hat, weil er keine gesetzliche Rente bekommt. Er findet es ungerecht, dass die Mehrzahl der Gastronomen, „die wir uns mit viel persönlichem, personellem und finanziellem Einsatz an die Auflagen gehalten haben“, jetzt darunter leiden müssen, dass „einige schwarze Schafe die ganze Branche in Verruf gebracht haben“. Wenn die Regierung ihn durch Restriktionen daran hindere, wie früher sein Geld zu verdienen, dann müsse der Staat mit Hilfen einspringen, sagt er.

Der 48-Jährige will nicht darüber streiten, ob einzelne Corona-Auflagen sinnvoll oder notwendig sind. „Es kann keiner etwas für diese Pandemie, aber ich habe genug“, sagt er. Ihm geht es nur noch darum, dass er, seine Kollegen und die Mitarbeiter wirtschaftlich einigermaßen gut durch diese Pandemie kommen. „Und dann soll man mich irgendwann aus diesem Albtraum aufwecken.“