Parteiwechsel

Frühere Landeschefin der AfD tritt der Hamburger CDU bei

Ulrike Trebesius mit dem AfD-Gründer Bernd Lucke im Jahr 2016.

Ulrike Trebesius mit dem AfD-Gründer Bernd Lucke im Jahr 2016.

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd Wüstneck / picture alliance / dpa

Ulrike Trebesius war Bernd Luckes Vertraute und trat 2015 aus. Unions-Chef Ploß: „Konservativen eine politische Heimat bieten.“

Hamburgs neuer CDU-Chef Christoph Ploß kann einen weiteren bekannten Neuzugang für die Hamburger Union vermelden. Nachdem kürzlich Philipp Schröder, der frühere Deutschland-Chef von Tesla, Start-up-Unternehmer und Fintech-Investor, der CDU beitrat, stößt nun eine ehemalige Landesvorsitzende und Europaabgeordnete zur Partei: Ulrike Trebesius. Diese Personalie könnte indes Kritik hervorrufen – denn erstmals überhaupt in der bundesrepublikanischen Politik tritt eine frühere hochrangige AfD-Politikerin der CDU bei.

Die 50-Jährige wurde kurz nach Gründung der AfD 2013 Mitglied und machte schnell Karriere. Die enge Vertraute des Parteigründers Bernd Lucke zog für die Partei 2014 ins Europaparlament, nachdem die AfD aus dem Stand 7,1 Prozent der Stimmen errang. Bis zum Sommer war die Bau-Ingenieurin, die damals noch in Horst lebte, AfD-Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein.

Früh stemmte sie sich gegen den Rechtsruck in der Partei, die sich bei ihrer Gründung noch als rechtsliberale Kraft verstand. Mehrfach forderte Trebesius eine deutlich Abgrenzung gerade gegenüber Björn Höcke. „Einige Mitglieder versuchen immer wieder, auszuloten, wie weit man da gehen kann“, kritisierte sie in einem Interview im März 2015. Ihr „Weckruf“ gegen den Rechtsruck verhallte.

„Ich bin entsetzt, wie sich die Partei entwickelt hat“

Als die Partei im Juli 2015 beim Essener Parteitag den Gründer und Vorsitzenden Bernd Lucke stürzte, verließ Trebesius wie andere moderate Kräfte die AfD. Danach war sie Mitgründerin der Partei „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ und kurzzeitig sogar Bundesvorsitzende der neuen Splitterpartei, trat aber 2018 wieder aus. Bis 2019 saß sie im Europaparlament als Mitglied des Ausschusses für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten. „Ich habe die AfD im Juli 2015 gemeinsam mit Hans-Olaf Henkel, Joachim Starbatty und Bernd Lucke verlassen, da ich mit der politischen Entwicklung dieser Partei nicht mehr einverstanden war. Ich bin entsetzt, wie sich die Partei entwickelt hat“, sagt Trebesius heute.

„Seit 2015 hat sich die AfD radikal verändert – sie hat mit den wirtschaftsliberalen Grundsätzen von damals nichts mehr zu tun.“ Inzwischen wohnt Trebesius mit ihrer Familie im Alstertal – dem Wahlkreis von CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß. Dort sprach sie den Bundestagsabgeordneten direkt an.

Ploß: "Die heutige AfD ist nur noch ein Sammelbecken von Rechtsradikalen und Rassisten"

„Es muss der Anspruch der CDU sein, Personen wie Ulrike Trebesius eine politische Heimat zu bieten“, sagt Ploß nun dem Abendblatt. „Die CDU war immer dann erfolgreich, wenn sie christlich-soziale, liberale und konservative Strömungen vereint hat.“ Ein solcher Ansatz habe die Demokratie in Deutschland gestärkt. Als Schritt in Richtung AfD will er die Aufnahme keineswegs verstanden wissen: „Die heutige AfD ist nur noch ein Sammelbecken von Rechtsradikalen und Rassisten in Deutschland. Deswegen ist für mich klar: Mit der AfD kann es für die CDU keinerlei Zusammenarbeit oder Kooperation geben.“

Er möchte aber, dass die Hamburger CDU für alle vernünftigen Ex-AfD-Mitglieder eine politische Heimat darstellt. „Wir müssen diese Menschen integrieren“, betont Ploß. „Wir können nicht jeden, der AfD gewählt hat, bis an seine Lebensende abstempeln. Ich freue mich über jeden, der zu uns zurückfindet.“ So funktioniere das Konzept einer Volkspartei.

Politische Ämter strebt Trebesius nicht an – vorerst

„Als politisch engagierter Mensch möchte ich politisch mitarbeiten und etwas für unsere Gesellschaft bewegen“, sagt die gebürtige Hallenserin Ulrike Trebesius zu ihrem Entschluss. Sorgen bereite ihr „der Rückgang an Rationalität und Fachkompetenz in der Politik“. Sie fordert einen Diskurs, der möglichst viele Menschen einbezieht. „Eine lebhafte Debatte mit Toleranz für andere Positionen ist ein elementarer Teil der Demokratie und das Gegenteil einer ,Spaltung der Gesellschaft’, die gelegentlich beklagt wird.“ Trebesius will sich mit Inhalten, etwa bei der Europapolitik, in die Union einbringen. Politische Ämter strebt sie nicht an. „Aber man sollte niemals nie sagen.“

Dem CDU-Beitritt gingen intensive Gespräche zwischen Trebesius und Ploß voraus. Die 50-Jährige ruft frühere Parteifreunde indirekt auf, es ihr gleich zu tun: „Es reicht nicht aus zu kritisieren. Wir müssen einen positiven Gesellschaftsentwurf formulieren und diesen linken und grünen Ideen gegenüberstellen“, sagt sie. Die CDU blicke nach vorn. „Ich weiß, dass wir Konservative und Liberale ausgezeichnete und fundierte Argumente haben. Wir müssen aber auch den Mut haben, diese offensiv nach außen zu vertreten.“