Geheimpapier

Hafenbesucher in Hamburg in tödlicher Gefahr?

Der Deutsche Radiopreis wird fast jedes Jahr im beliebten Schuppen 52 verliehen, hier anno 2015.

Der Deutsche Radiopreis wird fast jedes Jahr im beliebten Schuppen 52 verliehen, hier anno 2015.

Foto: picture alliance

Behörde warnt in Geheimpapier vor Folgen eines Chlorgas-Unfalls nahe dem beliebten Schuppen 52 und der „Peking“.

Hamburg.  Es ist ein wahres Horrorszenario, das in dem Papier aus der Umweltbehörde beschrieben wird. Wenn es im benachbarten Containerpackbetrieb CPS zu einem Unfall mit Chlorgas komme, das dort gelagert werden darf, seien im schlimmsten Fall „beim nur 50 Meter entfernt liegenden Schuppen 52 erhebliche Todesfälle anzunehmen“, steht in dem Vermerk, der bereits im Mai 2019 im Amt für Immissionsschutz formuliert wurde und der dem Abendblatt in weiten Teilen vorliegt. Das Problem: Der Schuppen 52 ist nicht irgendein Lagerschuppen – sondern einer der angesagtesten Veranstaltungsorte der Stadt. Hier finden, kaum einen Steinwurf von der möglichen Chlorgaslagerung entfernt, seit Jahren Messen und andere Großveranstaltungen mit bis zu 3000 Menschen statt – auch der Deutsche Radiopreis.

„Beim Schuppen 52 erreichen Gase bereits nach 17 Sekunden das Gebäude“, heißt es in dem Papier der Experten aus dem Senat weiter, in dem der schlimmste denkbare Fall eines Gasunfalls angenommen wird. „Aufgrund der Nähe sind hier in kürzester Zeit tödliche Folgen zu erwarten.“ Und damit nicht genug. Denn auch das etwas weiter entfernte Hafenmuseum im Schuppen 50 würde schnell von einer Giftwolke erreicht, heißt es in dem Papier. Dort ist das Hafenmuseum untergebracht und daneben liegt derzeit die „Peking“, die demnächst ebenfalls für Besucher geöffnet werden soll.

Deutliche Warnungen

Erschreckend an der Sachlage ist aber nicht nur die Vorstellung, ein solcher Unfall könne passieren, während zusammen Tausende Besucher in den Schuppen oder auf der „Peking“ zu Gast sind. Irritierend wirkt es auch, dass der aufrüttelnde Vermerk aus dem Mai 2019 bisher offenbar zu keiner Reaktion der Stadt geführt hat. Trotz der sehr deutlichen Warnungen durfte auf der einen Seite weiter Giftgas gelagert werden, und keine 100 Meter weiter wurde auf der anderen Seite weiter mit Tausenden von Menschen gefeiert. Das liegt daran, dass die Stadt über die Jahre allen Beteiligten gültige Genehmigungen erteilt hat.

„Sowohl für den Schuppen 52, als auch für den Betrieb des Unternehmens CPS liegen jeweils bestandskräftige Genehmigungen vor“, sagte Wirtschaftsbehördensprecher Christian Füldner auf Abendblatt-Anfrage. „Beide Genehmigungen haben Bestandskraft. Im Wissen, dass diese Genehmigungen in einer Zeit erteilt wurden, als der störfallrechtliche Genehmigungsrahmen noch ein anderer war, gilt es zu prüfen, inwieweit die aktuellen Sicherheitsvorkehrungen ausreichen oder sie gegebenenfalls angepasst werden müssen.“ Deswegen führe man Gespräche mit den Beteiligten. Die für die 64 in Hamburg mit gefährlichen Stoffen arbeitenden „Störfallbetriebe“ zuständige Umweltbehörde bestätigte dem Abendblatt die Existenz des Vermerks, wollte aber „Papiere aus der senatsinternen Kommunikation“ nicht kommentieren.

Beim Veranstalter wusste man bisher nichts von der Dramatik

„Für Störfallbetriebe und ihre Umkreisradien gelten strenge gesetzliche Vorgaben“, sagte Behördensprecher Jan Dube. „Auf diese Vorgaben haben wir frühzeitig hingewiesen. Betrachtet wurde ein sogenanntes Dennoch-Szenario: Dieses würde nur dann eintreten, wenn alle Vorsorgemaßnahmen nicht greifen. Bei der Lagerung und beim Umschlag der Gefahrenstoffe im benachbarten Störfallbetrieb des Schuppens werden gesetzliche Vorgaben eingehalten und durch die Umweltbehörde überwacht.“

Beim Veranstalter und Caterer Gerresheim, der Schuppen 52 betreibt, wusste man bisher nichts von der Dramatik der Warnungen in dem Vermerk. Man führe Gespräche mit der Stadt und suche nach gemeinsamen Lösungen, sagte Marco Dilger, einer der Gerresheim-Geschäftsführer, dem Abendblatt. Derzeit gebe es aufgrund der Pandemie keine großen Veranstaltungen im Schuppen 52.

Linken-Umweltpolitiker Stephan Jersch hatte das Pro­blem öffentlich gemacht

Öffentlich gemacht hatte das Pro­blem der Linken-Umweltpolitiker Stephan Jersch, der in zwei Kleinen Anfragen an den Senat zielgenau nachhakte – und sich dabei auch auf die „Katastrophe im Hafen von Beirut“ bezog. Allerdings antwortete der Senat sehr ausweichend auf seine Fragen. Er bestätigte lediglich die Genehmigungen der Betriebe und die kleinen Distanzen. Und er teilte mit, dass bei der Überprüfung von Störfallbetrieben in Hamburg in den vergangenen zwei Jahren achtmal geringfügige Mängel festgestellt wurden – zweimal erhebliche und einmal schwerwiegende. Jersch wirft dem rot-grünen Senat nun vor, sich um die Antworten zu drücken, „um nicht die katastrophale Raumplanung am Hansahafen offenbaren zu müssen“. Auch die Antworten des Senats offenbarten „ein unberechenbares Risiko für Besucherinnen und Besucher, das lebensbedrohlich sein kann“, so der Linken-Bürgerschaftsabgeordnete.

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„Die gesamte Raumaufteilung mit ihren Auswirkungen zeigt, dass viel gründlicher im Vorfeld geplant werden muss. Das Wachsen der Stadt in den Hafen hinein ist mit viel zu viel Blauäugigkeit und Ignoranz der Risiken vonstattengegangen.“ Es müsse nun sichergestellt werden, „dass der Besuch des Hafenmuseums und der Schuppen nicht zur Falle für Hunderte Menschen werden kann“, so Jersch. Hamburg brauche eine Neuorganisation der Raumnutzung in diesem Bereich. „Die Gesundheit der Menschen geht vor – da müssen touristische Werbeeffekte zurückstehen.“