Evotec-Vorstandschef

Wahrscheinlichkeit für Corona-Impfstoff "extrem hoch"

Dr. Werner Lanthaler, Vorstandsvorsitzender von Evotec. Das unternehmen forscht an Covid-19-Impfstoffen und Medikamenten.

Dr. Werner Lanthaler, Vorstandsvorsitzender von Evotec. Das unternehmen forscht an Covid-19-Impfstoffen und Medikamenten.

Foto: Roland Magunia

Hamburger Biotechunternehmen Evotec ist Teil einer Allianz zur Erforschung von Covid-19. Chef Lanthaler über große Chancen.

Hamburg. Evotec ist eine Perle der Hamburger Wirtschaft, die im Verborgenen glänzt. Derzeit ist das Biotechunternehmen in ein Konsortium eingebunden, das Wirkstoffe gegen Covid-19 entwickelt. Gegründet wurde das Unternehmen unter anderem von dem Nobelpreisträger Manfred Eigen, der Name Evotec besteht aus den Bestandteilen Evolution und Technologies. Seit 2009 führt der Österreicher Werner Lanthaler die Firma.

Hamburger Abendblatt: Wird unser Leben nach Corona so, wie es vor Corona war?

Werner Lanthaler: Ich denke, nach Corona wird unser Leben in den allermeisten Bereichen ganz schnell wieder zur Normalität zurückkehren. Wenn wir das Virus unter Kontrolle haben, bekommen wir beispielsweise unsere alte Bewegungsfreiheit zurück. Wir werden aber hoffentlich aus der Pandemie lernen, wie wir überlegter reisen oder bewusster Menschen treffen. Dann könnten wir unter dem Strich sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.

Wann wird „nach Corona“ sein?

Lanthaler: Wir wissen noch nicht, wann und wie Covid-19 genau vorbei ist. Aber ich bin im Camp der Optimisten. Der Glaube an die Kraft von Wissenschaft und Biotech war noch nie so groß: Jetzt haben wir erkannt, wie wichtig unsere forschungsintensiven Unternehmen sind. Zugleich hat unsere Industrie in den vergangenen sechs Monaten einen unglaublichen Fortschritt im Erkennen, Analysieren und Lösen eines Problems erzielt. Wir haben heute schon mehr als 400 mögliche Produkte gegen Covid-19 in der klinischen Erprobung. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir erfolgreiche Impfstoffe, therapeutische Antikörper und neue antivirale Moleküle sehen werden, ist extrem hoch.

Wann rechnen Sie denn mit einem Impfstoff? Oder mit einem Medikament?

Lanthaler: Ich bin mir sicher, dass wir innerhalb der nächsten sechs Monate Daten aus klinischen Phase-III-Studien erhalten werden, die die Wirksamkeit von mindestens einem Impfstoff belegen. In dieser Zeit werden wir auch positive Ergebnisse bei therapeutischen Antikörpern sehen und neue antivirale Stoffe entwickeln.

Sind Sie heute optimistischer als vor einem halben Jahr?

Lanthaler: Ja, ich bin viel zuversichtlicher. Die große Lockdown-Angst war ja, dass wir diese Krankheit wissenschaftlich eben nicht unter Kontrolle bekommen. Obwohl wir seit 50 Jahren forschen, stehen wir bei manchen Krankheiten immer noch ratlos da: Bis heute haben wir weder bei Alzheimer noch bei vielen Krebserkrankungen klare Ursache-Wirkungs-Erkenntnisse. Das ist bei Corona anders. Und die Herausforderung dieser Pandemie ist so groß, dass wir das Problem nur gemeinsam lösen können. Schon im Februar ist es erstmals gelungen, 26 Unternehmen in einer Allianz zu bündeln und unsere Forschungsergebnisse zu teilen. Damit werden wir alle viel schneller, weil keiner die Fehler der anderen wiederholen muss. Das ist in der Geschichte der Forschung einzigartig.

Ihr Unternehmen ist Teil dieser öffentlich-privaten Partnerschaft zur Erforschung und Herstellung von Impf- und Wirkstoffentwicklung. Was kann Evotec beisteuern?

Lanthaler: Evotec ist eine Übersetzungsplattform für die Genauigkeit und Präzision der Aussagekraft der Daten von diesen 26 Playern in der Industrie. Wenn wir gemeinsam forschen, müssen wir einen Standard definieren. Bislang gab es verschiedene Standards, die Labore definiert haben. Nun wacht Evotec über die Qualitätskriterien viraler Forschung. Es geht jetzt nicht um Publikationen in Wissenschaftszeitschriften, sondern die schnellstmögliche Bekämpfung einer Pandemie. Unsere Plattform, die 250 Industrieplayer permanent verwenden, hilft, den nötigen Zug zum Tor zu entwickeln. Diese Rolle im Konsortium hat fantastisch funktioniert.

Es geht also nicht ums Geldverdienen, sondern darum, schnellstmöglich einen Wirkstoff zu bekommen?

Lanthaler: Ich arbeite seit 25 Jahre in der Biotechbranche. In diesem Moment steht das Geldverdienen für alle an zweiter Stelle. Das wird irgendwann kommen für diejenigen, die erfolgreich sind. Wenn wir jetzt aber der Welt zeigen, dass unsere Industrie Lösungen für die Gesellschaft erbringt, werden wir am Ende alle profitieren. Welche andere Industrie schafft das jetzt? Das ist unser Moment der Wahrheit, jetzt zeigt die forschende Industrie, was sie kann.

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Ist das eine Stunde Null für die Biotechbranche?

Lanthaler: Viele in Deutschland mögen das so erleben. Aber eigentlich erlebten die USA diese Stunde null schon vor mehr als 25 Jahren. Dort hat man viel früher erkannt, dass man mit forschungsintensiver Industrie Geschäfte aufbauen kann. Dort gibt es längst viele hochkapitalisierte Unternehmen, die zu den großen Beschäftigungstreibern zählen. Sie haben bei der Bekämpfung von Krankheiten schon Großes geleistet. Covid-19 hat geschafft, was zuletzt der Computer geschafft hat: Plötzlich hat die Weltbevölkerung ein neues Medium entdeckt und spricht eine Sprache. Als die Computer die Welt revolutionierten, redeten die Menschen plötzlich über Bits und Bytes. Heute sprechen sie über Viruslast und Antikörper, T-Zellen und B-Zellen. Das alles sind Begriffe, die vor wenigen Monaten im Abendblatt kaum vorgekommen wären. Wir erleben die Demokratisierung des Verständnisses von Biotech. Dafür müssen wir dankbar sein: Physik, Molekularbiologie und Chemie werden damit für viele interessanter.

Werden Molekularbiologen die neuen Piloten, wird das ein Traumberuf?

Lanthaler: Das hoffe ich. Jetzt erkennen hoffentlich auch die Eltern, dass Forschungsberufe keine brotlose Kunst sind, sondern sie sehr Sinnvolles leisten. Dieses neue Bewusstsein, dieser neue Stolz auf Wissenschaft ist sehr wichtig. Evotec hat in den ersten sechs Monaten unabhängig von Covid 350 neue Mitarbeiter eingestellt, ein Fünftel davon in Hamburg. Nennen Sie mir eine weitere Firma, die in der Pandemie Personal aufgebaut hat.

Evotec ist eine der erfolgreichsten Neugründungen der Hamburger Gegenwart. 1993 in einem Fahrradkeller gegründet, ist Evotec heute der viertgrößte Börsenwert der Stadt. Wie schafft man das?

Lanthaler: Indem man fokussiert arbeitet. Wir haben 2009 unsere Strategie geschärft. Wir wollten nicht mehr wie viele andere Unternehmen nur auf ein Produkt und dessen Markterfolg hinarbeiten, sondern haben stattdessen eine Plattformstrategie gewählt. Wir wollen die Autobahn für Forschung und Entwicklung sein, die wir anderen und uns selbst zur Verfügung stellen. Wir sind eine Art Sharing Economy für Forschung und Entwicklung. Wir bieten nicht eine Leistung für einen Partner an, sondern viele Leistungen für viele Forschungspartner. Selbst wenn etwas scheitert, wird unsere Plattform besser. Jeder, der mit uns arbeitet, kommt mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder. So kann man wachsen.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Als Sie kamen, war Evotec ein Pennystock, der weit unter einem Euro notierte. Heute sind es über 22 Euro, das Unternehmen ist in den MDAX aufgestiegen. Träumen sie manchmal nachts vom DAX?

Lanthaler: Nein, wir sind nicht von Eitelkeit getrieben. Das ist kein Ziel. Unser Ziel ist bestmögliche Forschung für die Partner. Wie sich das im Börsenwert widerspiegelt, ist mir nur langfristig wichtig.

Ob das die Anleger so gerne hören?

Lanthaler: Unsere Aktionäre kennen unsere langfristig angelegte Mission. Da ist der Börsenindex sekundär. Wir wollen Wissenschaft industrialisieren. Und ich bin mir sicher, dass das ein super Geschäft ist.

Ist Hamburg eine gute Heimat für ein Wachstumsunternehmen?

Lanthaler: Dass wir damals in Hamburg angefangen haben, war Zufall. Heute ist der Standort strategisch, weil wir hier den Leuchtturm für zellkulturbasierte Forschung aufbauen wollen. Wir wollen weltweit führend werden – das ist eine einzigartige Chance für uns und für Hamburg.

Wie ist denn Hamburg als Standort aufgestellt? Die Bayern waren uns lange voraus, die Engländer und Amerikaner sowieso.

Lanthaler: Evotec ist ein weltweites Netzwerk und hat einen Netzwerkknoten in der Hansestadt. Was hier nicht vorhanden ist, holen wir uns von einem anderen Netzwerkknoten. Wir müssen Hamburg nicht besser machen, das ist nicht meine Mission. Ich will Evotec besser machen. Aber Hamburg muss sich nicht verstecken, die akademische Forschung und das UKE sind zweifellos sehr gut. Aber ich gebe zu: Unsere Verbindung in die hiesige Wissenschaftscommunity ist dramatisch ausbaubar.

Evotec ist eine Erfolgsgeschichte des Neuen Marktes. Heute drängen deutsche Biotechunternehmen wie Curevac oder BioNTech gleich an die US-Börse. Ist für uns der Zug abgefahren?

Lanthaler: Man sollte niemals nie sagen. Aber aus heutiger Perspektive gibt es nur noch einen weltweit funktionierenden Markt für Biotechunternehmen, die im Wettbewerb stehen: Und das ist die Nasdaq. Nur hier kann man das nötige Risikokapital bekommen, zudem haben Versicherungsgesellschaften und Fonds längst ein besonderes Augenmerk auf die Gesundheitswirtschaft gelegt. Das ist in Deutschland leider anders – und deshalb weichen Firmen in die USA aus. Für uns ist das nicht so relevant: Evotec hat das Glück, als eines der ganz wenigen Biotechunternehmen profitabel zu sein. Es gibt weltweit rund 4400 Biotechunternehmen, weniger als ein Prozent davon erwirtschaftet Gewinne.

Wie kann Europa aufholen?

Lanthaler: Eine Wiederbelebung unserer Kapitalmärkte sollte sich an den USA orientieren. Wir haben hier so viel Geld – warum verschieben wir den Fokus nicht stärker auf Zukunftstechnologien? Es wäre vieles möglich in Europa, aber wir haben den USA den Vortritt gelassen. BioNTech beispielsweise forscht und entwickelt in Mainz einen Covid-19-Impfstoff, ist aber nun in den USA gelistet. Angefangen mit dem Börsengang wird dieses Unternehmen allein über die Eigentümer in Zukunft wahrscheinlich immer amerikanischer.

Kann man das zurückholen?

Lanthaler: Das kann man schon, ich weiß aber nicht, ob das nötig ist. Ich bin ein Anhänger der Globalisierung und finde internationale Zusammenarbeit wichtig.

Nun, Deutschland war einmal die Apotheke der Welt, heute wirkt diese Apotheke ausgeräumt.

Lanthaler: Sie ist nicht ausgeräumt, aber ausgedünnt. Deutschland hat ein Sichtbarkeitsproblem, aber kein fundamentales Problem. Die Apotheke der Welt hat nach wie vor ausgezeichnete Wissenschaftler, ausgezeichnete Unternehmen und Universitäten, hier finden Sie mehr verfügbares Talent als in den USA. Wir haben nur ein Problem, dieses Wissen in Geschäftsmodelle zu übertragen. Es gibt große Biotechkonzerne in den USA, die basieren zu 80 Prozent auf deutscher Grundlagenforschung. In der Grundlagenforschung und Ausbildung sind wir weiterhin absolut führend, wir bringen es nur nicht auf die Straße. Das aber können wir schnell verändern, wenn wir es wollen. BioNTech, Morphosys und Curevac zeigen ja, was möglich ist.

Blickt auch die Politik mit neuem Interesse auf Ihr Unternehmen?

Lanthaler: Ich hoffe es. Aber wir brauchen sicherlich keine Renationalisierung bei der Wirkstoffsuche, sondern eine Internationalisierung. Krankheiten machen nicht an einer Grenze halt. Corona hat alle bei null anfangen lassen, alle stehen an der gleichen Startlinie. Inzwischen hat Europa sogar einen Wissenschaftsvorsprung, weil wir bislang besser durch die Pandemie gekommen sind als Amerika. Darauf sollte die Politik schauen, aber nicht, wie sie noch schnell bei Impfstoff-Unternehmen einsteigen kann.

Wie groß ist eigentlich das Interesse der Hamburger Politik an Ihrer Arbeit?

Lanthaler: Die Politik tut sich nicht immer leicht, unser Geschäftsmodell zu verstehen. Unser Business kann man nicht anfassen oder zählen wie Container, und die Erfolge liegen oft erst in weiter Ferne. Ein Großteil der Wirkstoffe, die wir erforschen, wird nie marktfähig.

Müssen wir nun fürchten, dass wegen Corona die anderen Krankheiten aus dem Fokus geraten?

Lanthaler: Im Gegenteil. Corona zeigt die Chancen, die in der Zusammenarbeit der Forscher und in Konsortien liegen. Das ist unsere Hauptmission: Wir schauen auf alle 3300 Krankheiten, die heute nicht behandelbar sind. Und daran haben wir wegen Corona nicht eine Sekunde weniger geforscht.

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Bietet Corona die Chance, die Dinge zum Besseren zu wenden?

Lanthaler: Absolut. Endlich hinterfragen wir unser Tun, es gibt positive Lerneffekte. Wir fliegen nicht mehr ständig durch die Weltgeschichte, die Digitalisierung hat eine dramatische Beschleunigung erfahren, jede Industrie macht das durch.

Fliegen Sie denn wieder?

Lanthaler: Ja, aber noch nicht nach Amerika. Nur zu unseren europäischen Standorten.

Kann man eigentlich im Homeoffice forschen?

Lanthaler: Einen Teil können sie sehr wohl verlagern, etwa das Aufschreiben und Auswerten der Experimente. In den Labors haben wir einen Schichtbetrieb eingeführt und damit die Kapazitäten besser ausgelastet. Wir überlegen derzeit, wie wir auch nach Corona unsere Ressourcen flexibler nutzen können – etwa mit einem erweiterten Arbeitszeitkorridor. Das zeigt, wie kreativ Menschen in Krisen werden. Eine Krise sollte man nie ungenutzt vorbeigehen lassen.