Stadtgeschichte

Als die Hamburger Straßenbahn zum Postboten wurde

Mönckebergstraße mit Straßenbahnen.

Mönckebergstraße mit Straßenbahnen.

Foto: picture alliance

Früher spielte der öffentliche Nahverkehr in Hamburg bei der Annahme und Verteilung von Sendungen eine wichtige Rolle.

Hamburg. Die postgelbe Blechbox ist 40 Zentimeter hoch, 30 Zentimeter breit und zwölf Zentimeter tief. Durch den Schlitz passen auch dicke Sendungen, doch ist der auffällige Behälter ebenso für Telegramme da. Wer allerdings zu spät kommt, den bestraft eine ungewöhnliche Konsequenz.

Denn bei dem neuen System, das in Hamburg vor 100 Jahren startet, gehen nicht nur die Briefe auf Reisen: Die Briefkästen fahren gleich mit! Sie sind nicht an eine Hauswand geschraubt, sondern hängen am Perronblech der Straßenbahn, an Schlaufen, abnehmbar. Und wer sie verpasst, der muss auf die nächste Abfahrt warten.

Trotzdem sind die im September 1920 eingeführten Mobilbriefkästen vier Jahrzehnte lang eine der beliebtesten Errungenschaften der gewerblichen Beförderung und Verteilung von Sendungen in der Hansestadt. Denn bequemer geht’s kaum: Eilbriefe und Telegramme können an jeder Haltestelle eingeworfen werden, die Kästen werden an Knotenpunkten von Dauerposten geleert und die Sendungen dann in Zweitbehältern „für den Dienstgebrauch“ im Ortsschnellverkehr nach Hamburg, Altona und Wandsbek weitergeleitet.

Im Jahr 1842 hat Hamburg erst 155.000 Einwohner

Schon nach kurzer Zeit werden, so Rolf-Fredrik Matthaei vom Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn, auf diese Weise täglich rund 600 von Postkunden eingeworfene Telegramme, 900 eingeworfene Eilbriefe und bis zu 5000 Sendungen im Austausch zwischen Postanstalten an Alster und Elbe befördert.

Es ist der Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits im Jahr 1842 beginnt. Damals nimmt der Basson’sche Pferdeomnibus zwischen Steinstraße und Palmaille die ersten Postsäcke mit. Zu dieser Zeit hat Hamburg mit den Vorstädten St. Georg und St. Pauli knapp 155.000 Einwohner und ist doch längst eine Weltstadt mit internationalen Handelsverbindungen und entsprechendem Bedarf an schnellen, zuverlässigen Postdiensten. 1868 ist die Bevölkerung auf 262.000 angewachsen, und die Sendungen reisen mit der Pferdebahn auf Schienen vom Rathausmarkt zum Wandsbeker Zollamt.

Bis 1884 sind auch Barmbek, Horn, Hamm, Eppendorf, Fuhlsbüttel, Uhlenhorst und Pöseldorf an das neue Pferdepostnetz angeschlossen. Einige Bahnen fahren schon mit Dampf, andere stehen bald unter Strom. Gegen Ende des Jahrhunderts tauchen erste Benzinkutschen auf, doch hafergetriebene Pferdestärken bleiben noch lange das Hauptelement des Großstadtverkehrs.

Transport zum Pauschalpreis von 10 Pfennig pro Beutel

„Die Straßenbahnen übernahmen den Transport der maximal zehn Kilogramm schweren Postbeutel zum Pauschalpreis von 10 Pfennig pro Beutel“, berichtet Matthaei. „Ein Postler gab den Beutel dem Fahrer. Durch das verzweigte Straßenbahnnetz gelangte der Beutel – gegebenenfalls mit Umladen auf andere Linien – zur Bestimmungspostanstalt. Auch für den Post-Inspector, der die Fernsprech-Aufsicht führte, war die Straßenbahn von Nutzen. Er bediente sich einer verbilligten Netzkarte.“

Um die Jahrhundertwende zählt Hamburg mehr als 700.000 Einwohner, auf den Straßen wird es immer enger. Über den Glockengießerwall etwa rollen jeden Tag 204 Straßenbahnen. Im Ersten Weltkrieg müssen auch die Pferde an der Front: Sie galoppieren als Kavallerie ins Gefecht oder ziehen schwere Geschütze über die Schlachtfelder. Hamburgs Post beschließt, sich unabhängig zu machen, und kauft 1915 der Straßenbahn zehn ältere Motorwagen ab, jeder mit knapp 14 PS. Dazu kommen zwei Jahre später noch sieben aus „Altstoffen“ hergestellte Packwagen.

Mit diesem Fuhrpark richtet die Post den ersten regelmäßigen Straßenbahnpostverkehr ein. Noch im Dezember 1917 bekommt das Postamt 7 am Hühnerposten dafür sogar einen eigenen Gleisanschluss. 1918 führen Schienen zum Postamt Wandsbek, 1919 zum Postamt Altona 1 und 1920 auch zum Postamt Wilhelmsburg Nord 5.

Immer mehr Postler müssen an die Front

Die Straßenbahnführer kommen von der 1911 gegründeten Hamburger Hochbahn. Für Sonderfahrten aber werden 15 Postler ausgebildet – nicht ohne Hintergedanken: Sie können jederzeit einspringen, falls gestreikt wird. Für Eilbriefe treten zusätzlich Radfahrer in die Pedale. Telegramme sausen auch per Rohrpost von den Stadtpostämtern zum Telegrafenamt an der Ringstraße, dem heutigen Gorch-Fock-Wall. Die Kartuschen sind nur 65 Millimeter dick. Außerdem wird fleißig gemorst.

Der Krieg stört auch diese Techniken nachhaltig: Als das Militär die Gummivorräte beschlagnahmt, fällt die Fahrradpost flach, und die Boten steigen in die Straßenbahn um. Bald müssen auch immer Postler an die Front, und weil nun das Fachpersonal fehlt, bricht der Morsedienst zusammen.

Als nächste Methode wird das „Schloßbeutelverfahren“ eingeführt. Der Inhalt der 40 mal 50 Zentimeter großen Segeltuchsäcke ist mit einem Sicherheitsschnappschloss um ein Lederhalsband geschützt. Die Nummer des Postamts steht auf einem Schild aus Eisenblech. 1400 Beutel kommen zum Einsatz.

1958 ist es mit dem Einwerfen und Ausleeren vorbei

Die endgültige Lösung des Transportproblems, der Straßenbahnbriefkasten, wird in Belgien erfunden. Die gelben Metallbehälter hängen seit September 1920 am jeweils letzten Wagen der Züge, die über Stephansplatz und Hauptbahnhof rollen. In Hamburg wohnen jetzt mehr als eine Million Menschen. 1921 übersteigt auch die Zahl der Eilbriefe und Telegramme die Millionengrenze. Erst als sich das Telefon durchsetzt, geht diese Zahl langsam zurück.

Eine Zeit lang ist die Handvermittlungsstelle Hamburg mit 44.000 Anschlüssen sogar die größte der Welt. Doch die Geschäftswelt braucht das Schriftliche und setzt noch lange auf Papier.

Hamburg 1920:

  • 13. März: Als Reaktion auf den rechtsradikalen Kapp-Putsch in Berlin legen Hamburger Arbeiter mit einem Generalstreik die Stadt lahm.
  • 6. Juni: Bei der ersten Wahl zum Deutschen Reichstag holt die SPD in Hamburg 53,4 Prozent.
  • 26. Juni: In Klein Flottbek startet das erste Deutsche Springderby.
  • 28. Oktober: Die Hamburg-Amerika-Linie stellt den ersten Dampfer der Nachkriegszeit in Dienst.

Seit Januar 1922 dürfen die Hamburger auch ganz normale Privatbriefe an der Straßenbahn einwerfen – für fünf Pfennig Zuschlag. „Mit dem Briefkasten an den Straßenbahnwagen ist Gelegenheit gegeben, im Orts- wie im Fernverkehr eine bedeutende Beschleunigung in der Beförderung von Briefsendungen herbeizuführen“, freut sich im Jahr 1926 ein Werbetext im „Hamburger Adressbuch“.

1943 wird der Dienst nach schweren Bombenangriffen vorübergehend eingestellt. 1949 bietet Hamburg den Sonderservice wieder an, dann als einzige Stadt der Bundesrepublik. Erst 1958 ist es damit vorbei: Der Verkehr ist zu dicht, das Einwerfen und Ausleeren zu gefährlich geworden.