Hamburger Stadtgeschichte

Als vor 65 Jahren ein neues Hafengesetz in Kraft trat

Tote Seevögel an der Nordseeküste nach der Tanker-Havarie 1955.

Tote Seevögel an der Nordseeküste nach der Tanker-Havarie 1955.

Foto: COP / AP

Mit dem Gesetz begann der moderne Umweltschutz. Eine Öltanker-Havarie in der Elbmündung ließ die letzten Kritiker verstummen.

Hamburg. Das Schiff ist steuerlos, die Lage verzweifelt, die Gefahr für Hamburg riesengroß: Ein fürchterlicher Schneesturm reißt am 16. Januar 1955 in der Elbmündung den dänischen Tanker „Gerd Mærsk“ mit. Ladung: fast 20.000 Tonnen Rohöl! Anker und herbeigeeilte Schlepper können das Unglück nicht aufhalten. Mit gebrochenem Ruder prallt der Havarist in das Scharnhörnriff. Dort steckt er rasch zweieinhalb Meter tief im Sand.

Damit das 170-Meter-Schiff nicht auseinanderbricht, pumpen die Seeleute 7000 Liter Rohöl in die tobende See. Bald treibt der Orkan einen schwarzen Fleck von 1600 Quadratkilometern vor sich her. Flugzeuge und Schiffe versuchen die Katastrophe aufzuhalten. Chemikalien sollen das Öl auflösen, Benzin den tödlichen Teppich abfackeln …

Das drohende Desaster bringt nun auch die letzten Kritiker einer Entscheidung zum Schweigen, mit der Hamburg kurz zuvor einen einzigartigen Paradigmenwechsel eingeleitet hat: Zehn Jahre nach Kriegsende steht nicht mehr der Wiederaufbau, sondern plötzlich der Umweltschutz ganz oben auf der Prioritätenliste. Denn am 1. Januar 1955 tritt ein neues Hafengesetz, das erste seit 1930, in Kraft.

Ökologie bisher nur ein Fachbegriff für Biologen

Bis dahin ist Ökologie nur ein Fachbegriff für Biologen. Bis in die 1960er-Jahre interessieren sich fast ausschließlich Akademiker für die junge wissenschaftliche Disziplin. Und zum neuen Politikfeld wird der Umweltschutz erst 1969 unter dem damaligen FDP-Innenminister Hans-Dietrich Genscher.

Hamburg hat besonders unter dem Gift und Dreck des Industriezeitalters zu leiden. Schon 1905 klagt ein Reisender, dass man an der Alster meine, die ganze Welt sei von Wolken bedeckt, doch „kaum erreicht man die Stadtgrenze Richtung Bergedorf, scheint die Sonne klar und hell“. Zwei Jahre später beschreibt ein Chronist eine Dunstwolke über der Stadt, unter der „die Straßenlaternen auch mittags angezündet bleiben“. Mit 130 Smogtagen pro Jahr zählt Hamburg damals zu den Orten mit der schlimmsten Luftverschmutzung in Deutschland. Deshalb dürfen etwa Dampfer immer nur bis zu den Landungsbrücken fahren.

1950 galten viele Speisefische aus der Elbe als zu gefährlich

Nach dem Zweiten Weltkrieg geht es erst mal ums Überleben. Im Hafen sind 90 Prozent der Schuppen, 80 Prozent der Kräne, 68 Prozent der Gleise, 58 Prozent der Landungsanlagen und 43 Prozent der Brücken zerstört. In den Hafenbecken und in der Elbe liegen 2900 Wracks, und außerdem werden Indus­trieanlagen aller Art von den Engländern demontiert.

Trotzdem geht es bald wieder aufwärts. Tier-, Natur- und Umweltschutz sind dabei allerdings Nebensache. 1949 etwa lässt der griechische Milliardär Aristoteles Onassis in der deutschen Fettkrise einen Tanker zum Walfangmutterschiff für 16 Fangschiffe umbauen. Mitgefühl mit den Großsäugern spielt ebenso wenig eine Rolle wie das Verbot, Fische aus der Elbe zu verzehren: Brasse, Aal und Zander aus dem öl- und chemikalienverseuchten Wasser gelten 1950 endgültig als zu gefährlich für die Gesundheit.

1955 ist der Wiederaufbau des Hafens fast abgeschlossen

1951 werden neue Schiffe, danach bald auch neue Schuppen gebaut. 1952 löst der Gabelstapler die Sackkarre ab. Tausende Schauerleute haben wieder Arbeit, und 1955 ist der Wiederaufbau des Hafens fast abgeschlossen. Nun schlägt die Stunde des FDP-Politikers Johannes Büll. Seit 1946 hat sich der Senator für die SPD-Bürgermeister Max Brauer und Paul Nevermann um den Wohnungsbau und dann um die gesamte Baubehörde gekümmert. Damit ist er auch für die Abfallbeseitigung zuständig. Das bleibt er 1953 auch unter dem neuen CDU-Bürgermeister Kurt Sieveking. Die FDP-Jungdemokraten verpassen ihm den Spitznamen „Müll-Büll“, und bald nennt er sich auch selber so.

Hamburg 1955

  • 1. Mai Im Nordwestdeutschen Rundfunk startete Peter Frankenfeld seine Karriere mit dem Quiz „1:0 für Sie“. Sein Markenzeichen ist die groß karierte Jacke.
  • 1. August Gustaf Gründgens übernahm die Leitung des Deutschen Schauspielhauses.
  • 4. September In Planten un Blomen begann die Messe „Schau für die Frau“, aus der später „Du und Deine Welt“ wird. 180.000 Besucher machen sie zur größten Familienmesse der Republik.
  • 11. Oktober Im Hauptbahnhof nahmen Tausende Hamburger 50 Spätheimkehrer in Empfang, die zehn Jahre nach Kriegsende als Letzte aus russischer Gefangenschaft entlassen wurden.

Am neuen Hafengesetz arbeiten noch viele andere aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit. Es ist das erste Gesetz, das wirksame Bestimmungen gegen die zunehmende Verschmutzung der Becken und Kais enthält. Am wichtigsten ist Paragraf 54: Er regelt, dass „Öl, Ölrückstände, stark ölhaltige Bilgenwässer sowie Asche, Schlacken und Abfall“ nicht mehr eingeleitet oder ins Wasser geworfen werden dürfen.

Die Frage der Entsorgung von Schadstoffen blieb offen

Die traditionsreiche Mineralölindustrie mit ihren vielen Tankern und den charakteristischen runden Behältern im Freihafen, die Hamburg zur deutschen Ölstadt Nummer eins machen, ist nicht das Problem. Das Gesetz zielt vielmehr auf die Rücksichtslosigkeit, mit der Kapitäne vieler Dampfer aus aller Welt immer wieder ölverseuchte Abwässer in die Elbe oder direkt in die Hafenbecken ablassen.

Nach dem neuen Hafengesetz sind beim „Löschen und Laden von Gütern, die den Hafen verschmutzen könnten“, bestimmte Vorkehrungen zu treffen. Außerdem reguliert es das Fahren und Liegen der Schiffe im Hafen sowie die Arbeit der Hafenlotsen. Perfekt ist es aber noch nicht. Zum Beispiel bleibt unbestimmt, wie und wohin die Öle, Chemikalien und anderen Abfälle entsorgt werden sollen. Giftmüll lässt in Georgswerder einen ganzen Berg wachsen. Hafenschlick wird noch viele Jahrzehnte in der Nordsee verklappt.

Tausende Seevögel verenden

Vom Öl der „Gerd Maersk“ bleibt Hamburg dann doch verschont, aber der schwimmende schwarze Teppich kostet Tausende Seevögel an den Stränden von Amrum, Föhr und Sylt sowie an den dänischen Inseln Rømø und Fanø bis nach Esbjerg das Leben. Die Reinigung der Küstenabschnitte kostet Millionen. Die „Gerd Mærsk“ kommt mithilfe der Schlepper frei und wird nach Hamburg gefahren, wo die Restladung gelöscht und der Schaden repariert wird. Der Weg des Öls durch die Deutsche Bucht aber wird Thema mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten über die Trift von Verschmutzungen an der Oberfläche der Nordsee.

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Am 1. Dezember 1978 übernimmt eine neue „Behörde für Bezirksangelegenheiten, Naturschutz und Umweltgestaltung“ die Aufgabe, Hamburgs Luft, Boden und Wasser noch besser vor Geldgier und Industriegift zu schützen. Erster Umweltsenator wird der SPD-Politiker Wolfgang Curilla. Im Juli 1979 sorgt ein neues Hafenverkehrs- und Schifffahrtsgesetz (HafenVSG) für einen noch besseren Schutz. Seit 1985 heißt das Amt „Umweltbehörde“, und 1987 übernimmt es auch die Bereiche Wasserwirtschaft, Energie und Stadtentsorgung aus der Baubehörde. Heute stehen vor allem die vielen Kreuzfahrtschiffe in der Kritik.