Hamburg

Helmut Schmidt – hier gibt es den Weltmann zum Anfassen

Auch als Bundeskanzler verbrachte Helmut Schmidt mit seiner Frau Loki Zeit an ihrem geliebten Brahmsee.

Auch als Bundeskanzler verbrachte Helmut Schmidt mit seiner Frau Loki Zeit an ihrem geliebten Brahmsee.

Foto: dpa Picture-Alliance / Wulf Pfeiffer / picture alliance / dpa

Dauerausstellung zeigt Leben des Kanzlers auf 280 Quadratmetern – von SPD-Mitgliedskarte bis zum selbstgeschnitzten Schachspiel.

Hamburg.  Geblieben ist eine Menge: Neben 3200 Aktenordnern, 25.000 Büchern aus der Privatbibliothek und 11.376 Dokumenten runden persönliche Erinnerungsstücke, Fotos und Filme, aber auch typische Verhaltensweisen und Meinungsäußerungen mit oft klarer Kante ein einmaliges Leben ab. Viele Hamburger denken gerne daran zurück. Fünf Jahre nach dem Todestag Helmut Schmidts startet am 10. November in der Innenstadt eine Dauerausstellung zu Ehren des knurrigen, unverwechselbaren Staatsmannes.

Das Motto ist Programm: „Schmidt! Demokratie leben.“ Zum Eröffnungsabend im Schmidts Tivoli am Spielbudenplatz werden 240 geladene Ehrengäste erwartet. Zum Rahmenprogramm mit der von Hamburgs Ehrenbürger gegründeten Big Band der Bundeswehr gehört ein Auftritt des ähnlich scharfzüngigen Schmidt-Widersachers Franz Josef Strauß, verkörpert vom Parodisten Thomas Freitag. Anschließend werden die Besucher mit Shuttle-Bussen zur Ausstellungseröffnung im Schmidt-Forum am Kattrepel 10 im Verlagsgebäude der „Zeit“ gefahren.

Schmidt posthum auf 280 Quadratmetern erleben

Auf 280 Quadratmetern können Hamburger und auswärtige Gäste in den kommenden Jahren Helmut Schmidt posthum erleben – jeweils mittwochs bis sonntags zwischen 11 und 17 Uhr. Der Eintritt ist frei; öffentliche Führungen und Workshops können über den Museumsdienst gebucht und bezahlt werden. Ziel der federführenden Bundesstiftung ist eine „kritische Würdigung“ des früheren Kanzlers – im Spiegel von fast einem Jahrhundert deutscher und internationaler Geschichte. Stichworte sind die Bedeutung der Demokratie, europä­ische Ideale und Verantwortung für das politische Gemeinwesen, unseren Staat.

Entwicklung, Aufbau und Organisation der auf etwa ein Jahrzehnt angelegten Dauerausstellung kosten 750.000 Euro. Aufgrund eines Bundestags­beschlusses finanziert das Kanzleramt die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung mit 2,6 Millionen Euro jährlich. Weitere fünf Bundesstiftungen widmen sich Konrad Adenauer, Friedrich Ebert, Willy Brandt, Theodor Heuss und Otto von Bismarck. Die Stiftung in der Hamburger Innenstadt beschäftigt 16 Mitarbeiter, überwiegend Wissenschaftler. Es soll gezeigt werden, dass brennende Probleme vergangener Jahre unverändert im Fokus der Neuzeit stehen. Das betrifft ebenfalls die Prinzipien freiheitlicher Politik und die Haltung dahinter.

Herzstück der Ausstellung sind zehn bis zu vier Meter breite „Thementische“. Sie beinhalten Utensilien eines langen Lebens unter Glas, Monitore, Dokumente und Informationsmaterial.Aktuell werden die Tische von einer Spezialfirma für Messe- und Ausstellungsbau in Südtirol hergestellt. Zu Herbstbeginn kommen sie nach Hamburg.

Typische Gegenstände aus dem Wohnhaus von Loki und Helmut Schmidt

In einer großen Vitrine werden typische Gegenstände aus dem Wohnhaus von Hannelore und Helmut Schmidt am Neubergerweg in Langenhorn präsentiert. Dazu gehören ein von Helmut Schmidt in der Kriegsgefangenschaft geschnitztes Schachspiel, eine von ihm unterschriebene Menükarte des ersten Weltwirtschaftsgipfels 1975, eine SPD-Mitgliedskarte von 1946, aber auch Emil Noldes 110 Jahre altes Aquarell „Dampfer mit dunkler Rauchwolke“. Erinnerungsstücke wie eine Helgoländer Lotsenmütze und ein mechanisches Metronom des Modells „Piccolo“ für Schmidts Einsätze am Flügel symbolisieren private Leidenschaften. Klar, dass einer seiner favorisierten Schleuderaschenbecher mit Druckknopf nicht fehlen darf.

„Wir informieren sachlich, stellen Zusammenhänge dar und begründen auch jüngeren Besuchern die Dimension einer hanseatischen Persönlichkeit“, sagt Ulfert Kaphengst im Namen der Schmidt-Stiftung. „Wir wollen Helmut Schmidt nicht in Stein meißeln und wie ein Denkmal behandeln“, hatte Dr. Meik Woyke als Vorstandsvorsitzender der Stiftung schon vorher formuliert. Das Schmidt-Forum und die in gut zwei Monaten startende Dauerausstellung solle sich als „Ort lebhafter Diskussion“ etablieren. Entsprechend entwickelte das Stiftungsteam Möglichkeiten interaktiver Besucherbeteiligung. Beispiele sind Umfragen, ein Zeitstrahl mit persönlichen Erinnerungen der Gäste, ein Wissensquiz und ein digitales Puzzle mit originellen Titelseiten.

Film, Familienalbum und Kanzlerschaft

Inhaltlich gliedert sich „Schmidt! Demokratie leben“ in vier Abschnitte. Den Auftakt bildet ein mit Filmporträts angereicherter Schwerpunkt: Schmidt als Mensch und starke Persönlichkeit. Sektion zwei umfasst ein Familienalbum des Ehepaars und die Zeitspanne zwischen Zweitem Weltkrieg und Beginn der Kanzlerschaft 1974. Es geht um Pflicht und Gehorsam in Uniform, den politischen Spagat zwischen Hamburg und der damaligen Hauptstadt Bonn, die Premiere als Bundesminister und den Ausklang des Wirtschaftswunders.

Der Kernbereich der Ausstellung behandelt die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten aus Langenhorn. Die Thementische drehen sich um Innenansichten der Macht, um Krisenpolitik und Strukturwandel, um wirtschaftliche Stabilität, um Terrorgefahr und militärische Nachrüstung, Europa und die Welt. Der Ausklang widmet sich Schmidts Schaffen im Anschluss an die aktive Politik.

In Erinnerung bleiben mehr als 1000 teilweise weitläufige Reisen „außer Dienst“. Nachempfunden werden Regale mit Ordnern und eine Bücherwand à la Neubergerweg. Schmidts Vermächtnis umfasst 170.794 Seiten Papier. Diese wurden komplett gesichtet, in säurefeste Kartons umgelagert und in einer Datenbank gesammelt. Demnächst sollen sie eingescannt werden. Reich Arbeit wartet also.

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Apropos: In einer Glasvitrine innerhalb der Dauerausstellung werden acht von Helmut Schmidt bis zum Schluss aufbewahrte Arbeitstaschen in Szene gesetzt. Auch in diesem Falle konnte sich der Staatsmann schlecht von lieb gewonnenen Gegenständen trennen. Die Taschen sind viel genutzt, zerschlissen, aber einsatzbereit. Sie demonstrieren einen Charakterzug, der gleichfalls nicht in Vergessenheit geraten soll: Helmut Schmidt als „Arbeitstier“.