Hamburg

Einblicke in den Anglo-German Club an der Außenalster

Der Anglo-German Club an der Außenalster

Der Anglo-German Club an der Außenalster

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Das Abendblatt durfte hinter die Kulissen von Hamburgs vornehmsten Club gucken – erstmals in dessen 72-jähriger Geschichte.

Hamburg. Er gilt als Hamburgs feinster Club, und eines seiner Markenzeichen ist unbedingte Diskretion. Der Anglo-German Club bietet seinen Mitgliedern ein zweites, exklusives Wohnzimmer: Traumlage mit Alsterblick, exzellente Küche und tiefschürfende Gespräche, von deren Inhalt nichts nach außen dringt. Obwohl man sich hier schon länger nicht mehr so zugeknöpft gibt wie noch vor ein paar Jahrzehnten, ist das Innenleben der gelb-weißen Villa am Harvestehuder Weg für die meisten Hamburger nach wie vor unbekanntes Terrain.

Fotos von Kaminzimmer, Lounge und Restaurant wurden bereits häufiger veröffentlicht, und der Club präsentiert sie auch offensiv auf seiner Homepage. Doch wie sieht es in den vielen anderen Räumen der 1860 erbauten Villa aus? Gibt es dort goldene Wasserhähne und Perserteppiche auch noch im Keller, wie gelegentlich gemunkelt wird?

Noch nie durften Medien das komplette Haus uneingeschränkt besichtigen. Für das Hamburger Abendblatt machte Clubpräsident Claus-Günther Budelmann jetzt eine Ausnahme. Erstmals in der 72-jährigen Clubgeschichte war der uneingeschränkte Blick hinter die Kulissen möglich. „Keine Tür bleibt verschlossen“, versprach Budelmann vorab – und er hielt natürlich Wort.

Toleranz gepaart mit höflicher Gelassenheit

Es ist nicht übertrieben, Claus-Günther Budelmann als die gute Seele des Clubs zu bezeichnen. Dessen Präsident seit 1997, versteht er unter britischer Lebensweise vor allem Toleranz, gepaart mit höflicher Gelassenheit. Und genau diese Eigenschaften hat er auch selbst verinnerlicht. Die lange Geschichte des Clubs kann Budelmann, auf der weitläufigen Terrasse sitzend, wie kein Zweiter erzählen. Wichtig ist ihm dabei: Die Gründung des Clubs entspringt keinem Spleen anglophiler Kaufleute, wie manchmal kolportiert wird. Die Gründung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand im Zeichen der Völkerverständigung zwischen Deutschland und Großbritannien – eine Agenda, der man sich hier heute noch genauso verpflichtet fühlt wie damals.

Falsch ist auch die Vorstellung, der Club sei etwas für Angeber oder Müßiggänger mit zu viel Geld auf diversen Konten. In der Tat werden in den hohen Ledersesseln im Kaminzimmer zwar nach wie vor Whiskygläser geschwenkt und teure Zigarren gepafft. Doch um überhaupt Mitglied werden zu können, muss man gesellschaftspolitisches Engagement vorweisen.

Der Club unterstützt eine Fülle von Einrichtungen und Projekten: Die Englische Kirche und die Hamburg Players gehören dazu, und zahlreiche Stipendien, Sport-und Kulturveranstaltungen sowie Studienreisen würde es ohne den „Anglo“ gar nicht geben. Hinzu kommen noch die vielen inoffiziell angeschobenen Hilfsprojekte, die hier bei Gesprächen quasi nebenbei eingefädelt und nicht selten per Handschlag besiegelt werden. An die große Glocke hängt das freilich niemand – das wäre weder britisch, noch hanseatisch.

Claus-Günther Budelmann macht auch beim Blick hinter die Kulissen keine halben Sachen

Wenn Claus-Günther Budelmann einen Blick hinter die Kulissen zugesagt hat, dann macht er keine halben Sachen. Gezielt steuert er beim Rundgang durch das weitläufige Haus sofort auch die versteckten Ecken an, die selbst viele langjährige Mitglieder bislang kaum kennen dürften. Gegenüber der Garderobe öffnet Budelmann eine kleine, unscheinbare Tür mit rundem Fenster: „Hier war vor ewigen Zeiten mal der sogenannte Münzfernsprecher – da konnte man sich zum Telefonieren in Ruhe zurückziehen.“ Eine Etage höher an der Treppe das gleiche Spiel: In einem kleinen Zimmer stapelt sich jede Menge Tisch­decken, Kisten, zusammenklappbare Tische und andere Möbel. Ein ganz normaler Lagerraum, der einst das Clubbüro war. Hier saß, so ist zu erfahren, der erste Clubpräsident Heinrich Baron von Berenberg-Gossler, gerne zur Entspannung und rauchte mit der damaligen Sekretärin eine Zigarette. Nicht selten waren es auch ein paar mehr.

Die Gesellschaftsräume ganz oben im Haus kennen Besucher sonst nur von ihrer glanzvollsten Seite: perfekt „eingedeckte“ Tische, festliche Beleuchtung, bezaubernder Weitblick. Tagsüber ist es hier naturgemäß menschenleer, die Tische wirken nun nackt, einige aufgestapelte Stühle stehen an einer Wand. Auf der Alster ziehen Segelboote und Stand-up-Paddler vorbei, in die Bar – eine von zweien – fällt gleißendes Sonnenlicht, das sich in den vielen Flaschen mit Hochprozentigem bricht. Genau hier, so steht es in der Haus-Chronik, wurde dem Verleger Axel Springer 1948 die Lizenz mit der Erlaubnis zum Druck des Hamburger Abendblatts überreicht. Zurück geht’s ins Treppenhaus – und nun nach ganz unten. Das heutige Clubbüro liegt im Tiefgeschoss und wird über einen diskreten Seiteneingang erreicht, den man von der Frontseite nicht sehen kann. Dadurch ist das etwas profane Alltagsgeschäft aus dem Blickfeld der Mitglieder und Gäste verbannt – und bleibt trotzdem die zentrale Schaltstelle des Clubs.

Beim Gang von der Haustür nach draußen erzählt Budelmann ein Stück Architekturgeschichte. Was selbst viele Insider wohl nicht wissen: Die Villa wurde zwar schon 1860 erbaut und wirkt wie aus einem Guss, aber den markanten offenen Säulengang, der sich vom Eingang bis zum Fußweg erstreckt, ließ der zeitweilige Besitzer (von 1901 an), Konsul Gustav Müller, erst nachträglich nach Plänen des damaligen Stararchitekten Martin Haller anbauen. Müller kannte ähnliche Gänge aus Italien – und wollte offenbar ein wenig südliches Flair an die Alster holen. Das Club-Büro teilen Britta Döring und Harriet Wege, die den meisten Mitgliedern wohl nur vom Telefon bekannt sein dürften. Budelmann, blendend aufgelegt, scherzt mit „meinen Damen“, lobt ihr Wissen und Können. Dann ganz locker: „Macht fürs Foto doch bitte mal einen beschäftigten Eindruck.“

Der Weinkeller erfüllt die Erwartungen

Der Weinkeller in Hamburgs feinstem Club enttäuscht keine Erwartungen. Schmal und lang gezogen ist er unter­irdisch weit nach vorne in Richtung Harvestehuder Weg gebaut. Viel größer als erwartet wirkt er wie ein Gewölbe in einem Wallace-Krimi. Die Temperatur wird konstant auf 14 Grad gehalten, mehr als 400 Weinsorten lagern hier, und „selbstverständlich“ sind auch immer alle vorrätig, wie Gastronom Gerald Pütter betont. Schon seit 28 Jahren hat Pütter hier das Sagen, und 31 Mitarbeiter hören auf ihn. Die Küche ist ein Aushängeschild des Clubs – und dank Catering auch hamburgweit bekannt.

Grüne Pfeffersuppe mit Feigen ist die wohl markanteste Spezialität. Steinbutt und Seezunge gehören zu den Favoriten der Mitglieder, aktuell auch alles mit Pfifferlingen. Die wurden soeben in Körben angeliefert und sollen gleich geputzt werden. Da Corona alle gleich macht, tragen sämtliche Mitarbeiter selbstverständlich Masken, Gerald Pütter nimmt seine nur fürs Foto einmal kurz ab. „Vor 50 Jahren wurden nebenan noch Fasane gerupft“, weiß Pütter von seinem Vater, „aber so etwas ist schon lange verboten.“

Dieses Haus hat Stil – vor und hinter den Kulissen

Wer den Anglo-German Club in Richtung Alltag verlässt, fühlt sich etwas wehmütig – so ähnlich wie beim Aus­checken aus einem schönen Hotel.

Der Rundgang macht deutlich: Funktionelles und Dekoratives sind hier so geschickt aufeinander abgestimmt, dass auf den ersten Blick vor allem der Glanz wirkt, während das Profane dem Auge entzogen ist. Alles in allem wirkt der Club dabei weder protzig noch kalt. Im Gegenteil: Sein britischer Charme entspringt stilvoller Gemütlichkeit, gemixt mit Laisser-faire und einem überall aufblitzendem Humor.

Und ganz egal, ob das alles nun eher britisch oder hanseatisch wirkt: Dieses Haus hat Stil – vor und hinter den Kulissen.