Zahngesundheit

Hamburgs Kinder haben bundesweit die schlechtesten Zähne

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind wichtig für die Zahngesundheit – nicht nur die der Milchzähne (Symbolbild).

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind wichtig für die Zahngesundheit – nicht nur die der Milchzähne (Symbolbild).

Foto: Lacheev / Getty Images/iStockphoto

Kontrolluntersuchungen werden zu oft versäumt. Kinderzahnärztin appelliert an Eltern: Schutz der Zähne ernst nehmen.

Hamburg. Der Mittwoch war wieder einer dieser Tage, an denen Yasmin Lucks „das Herz blutete“, wie sie sagt. Den ganzen Tag operierte die leitende Kinderzahnärztin der Praxis Hamburger Wackelzähne an der Lübecker Straße kleine Patienten in Vollnarkose.

Nun gehören Schmerz und Leid zum Wesen der Medizin, gerade bei Kindern. Doch im Gegensatz etwa zu einem entzündeten Blinddarm oder einem Leistenbruch wären diese Eingriffe in den meisten Fällen vermeidbar gewesen. Wenn die Eltern besser auf die Zahnpflege ihrer Kleinen geachtet hätten.

Kinderzähne: Hamburg im bundesweiten Vergleich auf dem letzten Platz

„Jeden Tag kommen mindestens zehn Kinder in unsere Praxis mit mehreren kariösen Zähnen“, sagt Yasmin Lucks. Ihr trauriger Rekordhalter ist ein Vierjähriger, dem 17 von 20 Milchzähnen gezogen werden mussten.

Ist es mit Zahngesundheit unserer Kinder doch nicht so gut bestellt, wie man gemeinhin glaubt? Laut Barmer-Zahnreport, der auf Datenmaterial von 2018 basiert, haben in Hamburg 39,1 Prozent der Zwölfjährigen mindestens einen kariösen Zahn im bleibenden Gebiss. Damit ist die Hansestadt im bundesweiten Vergleich (33,2 Prozent) Schlusslicht.

Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher – Kontrollbesuche oft versäumt

Wahrscheinlich liegt die Dunkelziffer noch deutlich höher, da nur Kinder erfasst wurden, die überhaupt einen Zahnarzt aufsuchen. Wie schlecht es um die Teilnahme an den regelmäßigen Kontrolluntersuchungen bestellt ist, zeigt eine andere Zahl: Nur etwa jeder dritte Drei- bis Sechsjährige (34,1 Prozent) hat eine zahnärztliche Früherkennungsuntersuchung wahrgenommen. (Bund: 35,2 Prozent).

Tipps zur Zahnpflege bei Kindern von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:

  • Verringern Sie die Gefahr, Kariesbakterien auf Ihr Kind zu übertragen, indem Sie Flaschennuckel, Schnuller oder Babylöffel nicht ablutschen.
  • Beginnen Sie bereits beim ersten Milchzahn mit einer sorgfältigen und regelmäßigen Zahnpflege­.
  • Bleiben Sie dabei, wenn sich Ihr Kind ab etwa drei, vier Jahren selbst die Zähne putzt, und putzen Sie alle Zahnflächen bis zum Schulalter immer noch mal nach, vor allem abends.
  • Vor allem nach Süßem sollten die Zähne möglichst sofort gereinigt oder der Mund zumindest mit Wasser ausgespült werden.
  • Vermeiden Sie, dass Ihr Kind ständig an der Saugerflasche oder Schnabeltasse nuckelt und trinkt.
  • Achten Sie darauf, dass zwischen den Mahlzeiten Pausen eingehalten werden, in denen die Zähne mithilfe des Speichels wieder die notwendigen Mineralstoffe einbauen können.
  • Gewöhnen Sie Ihr Kind möglichst erst gar nicht an süße Getränke, und geben Sie ihm lieber Wasser oder unge­süßten Tee zu trinken.
  • Geben Sie Ihrem Kind nur selten Süßigkeiten, und wenn, dann möglichst­ nur im Zusammenhang­ mit den Mahlzeiten­

Wie ist das zu erklären? An den Kosten für die Eltern kann es nicht liegen. „Solche Untersuchungen ab dem sechsten Lebensmonat gehören zur Regelversorgung der Kassen. Kinder und ihre Eltern können sich so frühzeitig mit Zahnpflege und zahngesunder Ernährung vertraut machen“, sagt Frank Liedtke, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hamburg. Die Kassen zahlen zudem zweimal im Jahr für Sechs- bis 18-Jährige die Zahnputzschule, wo die Kinder unter Anleitung spielerisch lernen, ihre Zähne richtig zu pflegen.

Schlechte Zähne? Oft sind die Eltern schlechtes Vorbild

Warum bleibt dennoch der in jedem Kindergarten propagierte Kampf gegen „Karius und Baktus“ so oft vergebens? Manchmal genügt Yasmin Lucks ein kurzer Blick in das Gebiss der Mutter oder des Vaters, um zu sehen, wie schlecht es insgesamt in der Familie um das Thema Zahngesundheit bestellt ist. Und oft genug sieht sie beim zweiten und dritten Geschwisterkind das gleiche Problem in Sachen Zahnpflege.

Der Zustand der Zähne ist am Ende eben auch eine soziale Frage, obwohl die Behandlung selbst nichts kostet. „Je geringer das Einkommen sei, desto häufiger sind die Therapieleistungen bei Heranwachsenden“, heißt es im Zahnreport der Kasse.

Kinderzahnärztin ärgert sich über manche Kinderärzte

Yasmin Lucks versucht dann Aufklärungsarbeit zu leisten, etwa zu erklären, wie wichtig der Schutz der Milchzähne ist. Ein entzündeter Milchzahn kann auch den noch verborgenen bleibenden Zahn angreifen. Muss der Zahn sehr früh gezogen werden, können Fehlstellungen im Gebiss entstehen. „Wer schon im Milchgebiss Karies hat, wird oft auch Karies und Folgeschäden im bleibenden Gebiss haben“, warnt Studienautor Prof. Michael Walter von der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der TU Dresden. Und dennoch ist mitunter das Desinteresse der Eltern so groß, dass in der Praxis Hamburger Wackelzähne selbst die kostenlose Zahnputzschule abgelehnt wird: „Das brauchen wir nicht“, sagen manche Eltern.

Die Zahnärztin ärgert sich zudem über manche Kinderärzte: „Es gibt immer wieder Fälle, wo bei der Vorsorgeuntersuchung das Gebiss nicht ausreichend kontrolliert wird.“ Dankbar ist sie dagegen den Schulzahnärzten, die trotz Zeitdrucks und der oft eher schlechten Lichtbedingungen viele kariöse Zähne entdecken würden: „Die machen einen wirklich wichtigen und guten Job.“

Ernährung: Auch Fruchtzucker greift die Zähne an

Oft redet sie mit den Eltern über das Thema Ernährung. Der Zucker versteckt sich in Getränken wie der beliebten Apfelschorle. Aber auch der Fruchtzucker in Säften und Obst greift die Zähne an. „Vor allem wenn Kinder Süßes über den Tag verteilt trinken oder essen, haben Kariesbakterien ein leichtes Spiel. Die Furchen und Rillen der Zähne sind dann über einen längeren Zeitraum belegt“, sagt Yasmin Lucks.

Ihre Appelle, dem Kind stattdessen Wasser zu reichen, bleiben oft vergebens. „Unser Kind will nun mal Saft trinken. Wir trinken den ja auch lieber“, hört sie dann oft von den Eltern. „Dann müssen Sie eben auch auf Saft verzichten“, entgegnet Yasmin Lucks in diesen Fällen. Vorbild sein. Im Interesse der Zahngesundheit.