Hamburg

Was die CDU und der HSV gemeinsam haben

Der Schock ist ihm ins Gesicht geschrieben: CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg am Wahlabend.

Der Schock ist ihm ins Gesicht geschrieben: CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg am Wahlabend.

Foto: Thorsten Ahlf

Stimmenanteil in 16 Jahren auf weniger als ein Viertel geschrumpft. Es könnte eng für Ex-Unions-Spitzenkandidat Weinberg werden.

Hamburg.  Der HSV ist ein Fußballverein, der seit 1945 viermal die deutsche Meisterschaft gewonnen hat: 1960, 1979, 1982 und 1983. Gut, das ist schon etwas länger her. Die CDU ist eine Partei, die viermal nach einer Wahl den Ersten Bürgermeister gestellt hat: 1953 war es Kurt Sieveking, das liegt richtig lange zurück. Danach war es dreimal Ole von Beust: 2001, 2004 und 2008. Dem HSV und der CDU ist gemeinsam, dass es in der letzten Zeit nicht besonders gut lief.

Die „Rothosen“ sackten in der Bundesliga-Tabelle von Jahr zu Jahr weiter ab und konnten den Klassenerhalt immerhin zweimal über die Relegation retten. Dann sind sie doch abgestiegen und haben den Wiederaufstieg nun schon zweimal verpasst. Mit anderen Worten: Der HSV ist zweitklassig.

Stimmenanteil der CDU auf weniger als ein Viertel geschrumpft

Der Absturz der CDU ist noch heftiger: Der Stimmenanteil der Partei ist im Laufe von 16 Jahren auf weniger als ein Viertel geschrumpft. Die Ergebnisse der vergangenen fünf Bürgerschaftswahlen: 47,2 Prozent (2004), 42,6 Prozent (2008), 21,9 Prozent (2011), 15,9 Prozent (2015) und in diesem Jahr 11,2 Prozent. Erstmals ist die CDU in der Bürgerschaft nicht einmal mehr zweitstärkste Kraft. Ohne die Vergleiche zwischen Sport und Politik überstrapazieren zu wollen, lässt sich etwas zugespitzt sagen, dass die CDU drittklassig ist – ein Schicksal, das den HSV noch nicht ereilt hat.

Es gibt einen weiteren Punkt, der zwischen dem HSV und der CDU auffallend ähnlich ist bei allen sonstigen Unterschieden: der Umgang mit Misserfolgen. Der Fußballverein pflegt in schneller Folge Trainer und weiteres Führungspersonal zu entlassen, und auch bei der Union rappelt es nach jeder Wahlklatsche heftig in der Kiste.

Abgeschoben auf ehrenvollen, aber machtlosen Posten

Vor neun Jahren wurden der abgewählte Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus und der damalige CDU-Landesvorsitzende und -Bürgerschaftsfraktionschef Frank Schira in die politische Wüste geschickt. Beiden gelang kein politisches Comeback mehr. Vor fünf Jahren musste der damalige Unions-Spitzenkandidat Dietrich Wersich nach der Wahl als Bürgerschafts-Fraktionsvorsitzender zurücktreten. Wersich wurde auf den Posten des Ersten Vizepräsidenten der Bürgerschaft abgeschoben – ehrenvoll, aber politisch machtlos.

Und auch der damalige Landesvorsitzende Marcus Weinberg übernahm die politische Verantwortung und trat zurück. Weinberg ist allerdings ein Phänomen und in gewisser Hinsicht die Ausnahme von der Regel: Während Wersich der Bürgerschaft mittlerweile nicht mehr angehört, wurde Weinberg 2017 erneut in den Bundestag gewählt und sogar Spitzenkandidat bei der Bürgerschaftswahl am 23. Februar dieses Jahres, wenngleich nach der besonderen Vorgeschichte, dass die designierte Spitzenkandidatin Aygül Özkan aufgrund einer schweren Erkrankung absagen musste.

Nach dem schlechtesten CDU-Ergebnis aller Zeiten bei einer Bürgerschaftswahl hat nun in bewährter Manier Parteichef Roland Heintze seinen Rücktritt erklärt, und auch Fraktionschef André Trepoll musste seinen Posten räumen und ist nun – Vizepräsident der Bürgerschaft. Bleibt allein Ex-Spitzenkandidat Marcus Weinberg – doch für ihn könnte es nun auch eng werden.

Im CDU-Kreisverband Altona/Elbvororte rumort es

Es rumort in Weinbergs politischer Heimat, dem CDU-Kreisverband Altona/Elbvororte, dessen Vorsitzender er ist. Am 4. September wählt die Mitgliederversammlung des Kreisverbandes einen neuen Vorstand. Weinberg tritt wieder als Vorsitzender an, aber er hat relativ kurzfristig zwei Gegenkandidaten bekommen: Johann Riekers, wiedergewählter Vorsitzender der CDU Blankenese, und Albrecht Gundermann, gerade als Vorsitzender der CDU Groß Flottbek/Othmarschen neu ins Amt gekommen.

Nun ist der ehrenamtliche Posten eines Kreisvorsitzenden das eine und das gut besoldete Bundestagsmandat das andere. Man muss kein Prophet sein, um zu sagen, dass die Entscheidung über den Kreisvorsitz ein Präjudiz für die Bundestagskandidatur im Wahlkreis Altona/Elbvororte ist, für den Weinberg seit 2005 im Bundestag sitzt. Soll heißen: Wenn sich Weinberg nicht als Kreisvorsitzender durchsetzt, ist auch eine erneute Bundestagskandidatur sehr unwahrscheinlich. Es geht am 4. September also auch um seine politische Karriere.

„Wir müssen aus dem Desaster der Bürgerschaftswahl 2020 lernen und einen kompletten Neuanfang starten“, schreibt Riekers auf der Website der CDU Blankenese und sieht sich selbst als Teil des Neuanfangs. „Der Kurs von Marcus Weinberg war gut gedacht, aber die Anteilnahme der Leute war nicht so hoch. Nach dem krachenden Ergebnis ist ein Weiter-so nicht akzeptiert“, sagt Riekers im Gespräch mit dem Abendblatt.

Weinberg hat immer wieder Bundesprominenz in den Wahlkreis geholt

Riekers ist Abgeordneter der Bezirksversammlung Altona und engagiert sich gerade stark gegen die Vermüllung des Elbstrandes – ein Thema, das die Menschen sehr stark beschäftige, wie er sagt. „Wir brauchen mehr Disziplin und Ordnung, das ist Ur-DNA der CDU“, sagt Riekers, der mit den Altonaer Christdemokraten außerdem die Themen Wirtschaft und Hafen voranbringen will.

Weinberg dagegen ist Sozialexperte und als familienpolitischer Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion der einzige Hamburger Bundestagsabgeordnete in einer solchen Funktion. Außerdem gehört er als einziger Hamburger dem CDU-Bundesvorstand an. „Marcus Weinberg ist in Familienthemen versiert und anerkannt“, sagt Riekers und man hört mit, was er meint, aber nicht sagt.

Weinberg hat aufgrund seiner guten Berliner Kontakte Bundesprominenz immer wieder in den Wahlkreis geholt: Friedrich Merz, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer oder auch Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. Er sieht den Kreisverband auf einem guten Weg, weil nach Jahren der heftigen Auseinandersetzungen („Der wilde Westen der CDU“) tatsächlich Ruhe eingekehrt ist.

Es könnte sein, dass alte Rechnungen beglichen werden

„Die CDU muss jünger, weiblicher und migrantischer werden“, sagt Albert Gundermann, hält aber von der Einführung einer festen Quote für Frauen nichts. Auch Gundermann sieht Defizite des Kreisverbands im Bereich Hafen und Wirtschaft. Er macht sich „große Sorgen, wie die Partei erodiert“. Die CDU habe es nicht geschafft, „das bürgerliche Lager zu mobilisieren“. Bei dem Unternehmer klingt durch, was die Hamburger Union seit Jahren zermürbt. Dass die Partei unter Ole von Beust im schwarz-grünen Bündnis die sechsjährige Primarschule einführen wollte, hat den konservativ-bürgerlichen Teil der Union nachhaltig verstört und ins Mark getroffen.

Und: Die Flüchtlingspolitik der Union unter Kanzlerin Angela Merkel in den Jahren des großen Zustroms 2015/16 trifft nach wie vor in weiten Teilen der Partei auf Kritik – trotz aller Wertschätzung für Merkels Leistung insgesamt. Weinberg war damals einer der wenigen konsequenten Verfechter der Primarschulidee in der CDU, und er hat Merkels Flüchtlingskurs immer entschlossen verteidigt. So könnte es sein, dass in Altona auch eine Gelegenheit gesucht wird, alte Rechnungen zu begleichen.

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Bei dem Thema Bundestagskandidatur halten sich Riekers und Gundermann vorerst ziemlich bedeckt. „Wenn man die Möglichkeit hat, es zu können, würde ich es machen“, sagt Riekers, verweist aber dann doch schnell auf sein berufliches Engagement bei einer Sparkasse. Gundermann schließt für sich eine Bundestagskandidatur zwar aus, lässt aber durchblicken, dass eine Frau als Direktkandidatin durchaus in seinem Sinne wäre. Für eine erneute Bewerbung Weinbergs spricht sich keiner der beiden aus.

Die Altonaer Binnensicht ist das eine. Politische Schwergewichte mit bundespolitischer Erfahrung und Kompetenz wie Weinberg sind sehr selten geworden in der Hamburger CDU. Es wäre auch falsch, ihm als Spitzenkandidaten allein die Wahlniederlage anzulasten. Eigentlich müsste die CDU dem Lehrer sogar in gewisser Hinsicht dankbar sein, dass er in ziemlich aussichtsloser Lage für seine Partei ins Rennen gegangen ist. Nur ist Dankbarkeit selten eine Münze in der politischen Währung.