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Neubau am Stintfang: Start nach fast 20 Jahren

Der Hang im Hintergrund ist ein Teil der historischen Wallanlagen. Bald wird hier am Hafentor ein 21 Meter hoher und 70 Meter langer Neubau den Blick darauf verstellen.

Der Hang im Hintergrund ist ein Teil der historischen Wallanlagen. Bald wird hier am Hafentor ein 21 Meter hoher und 70 Meter langer Neubau den Blick darauf verstellen.

Foto: Michael Rauhe

Grundstück am Hafentor zwängt sich zwischen denkmalgeschützten Hang und Tunnel. Warum das Projekt von Anfang an umstritten war.

Hamburg.  Langer Atem zahlt sich eben doch aus. Und so wird im kommenden Jahr – 20 Jahre nach den ersten Planungen und einem ebenso lange währenden Protest – der umstrittene Neubau am Stintfang fertig sein. Ein Erfolg für die Stadt, die zunächst an dieser Stelle selber bauen wollte, und den Investor, der das Grundstück 2007 übernommen hatte. 44 Wohnungen werden hier entstehen, davon mehr als 60 Prozent öffentlich gefördert. Doch der Neubau wird auch den Blick vom rondeelartigen Paula-Karpinski-Platz unterhalb der Jugendherberge beeinträchtigen, die einst wegen der einmaligen Aussicht genau dort errichtet wurde.

Damit möglichst wenig Blick verloren geht, bekommt der Neubau eine eigenwillige Form. Die unteren drei Geschosse, die die gesamte Fläche des 1500 Quadratmeter großen Grundstücks einnehmen, bilden die Basis. Die Stockwerke vier bis sechs, die nur ein Drittel dieser Fläche einnehmen, bilden eine Art Turm. Die Dächer sind überwiegend begrünt. An dem Entwurf hatte der Investor mit der Zeit viele Änderungen vorgenommen – teils, um auf Forderungen der Kritiker, aber auch auf die Nähe zu Hoch- und S-Bahn zu reagieren. So hatte er die Höhe um ein Geschoss reduziert und auf die geplante Tiefgarage verzichtet. Dennoch wird das Gebäude, das den S-Bahn-Ausgang Heuberg umschließt,
21 Meter hoch und 70 Meter lang.

Projekt war von Anfang an umstritten

Dass das Projekt von Anfang an umstritten war, liegt aber auch an seiner sensiblen Lage am Fuß der ehemaligen Bastion Albertus. Als diese ist der Stintfang Teil der um 1620 erbauten Hamburger Wallanlagen und gehört zum Denkmalensemble „Alter Elbpark“. Zwar soll nur ein Stück des geschützten Hangs dem Neubau zum Opfer fallen, doch das reichte aus, um Historiker und Denkmalschützer auf den Plan zu rufen. Der Baukulturexperte Professor Herrmann Hipp etwa hatte dem Abendblatt gegenüber einmal gesagt, der Bebauungsplan für diesen Ort sei „das Gedankenloseste, was man sich einfallen lassen kann“.

Für Bebauungsplan und Baugenehmigung waren von der Stadt etliche Befreiungen erteilt und Veränderungen vorgenommen worden. So wurden im Flächennutzungsplan „Grünflächen“ in „Wohnbauflächen“ geändert, im Landschaftsschutzprogramm das Milieu „Parkanlage“ in das Milieu „verdichteter Stadtraum“. Zudem darf das Gebäude die festgesetzten Baugrenzen um bis zu sechs Meter überschreiten.

Seit am Fuß des Hangs die Baugrube ausgehoben wurde, ist der Protest leiser geworden. Jetzt ist es vor allem der Baulärm, an dem sich die Nachbarn stören: Nach Abschluss der Baggerarbeiten wurden rund 200 Pfähle in den Grund eingebracht und im Grund verankert. Die größten Herausforderungen dabei waren laut Investor die äußerst beengten Verhältnisse auf dem Baugelände sowie die unmittelbar angrenzenden Gleise der Hochbahn und der in diesem Abschnitt unterirdisch verlaufende Tunnel der S-Bahn. „Es waren intensive Abstimmungen nötig“, sagt Karsten Horx, dessen Firma mittlerweile nicht mehr Euroland, sondern Comoodum heißt. „Wir hoffen, dass Ende des ersten Quartals 2021 der Rohbau fertig ist und wir dann mit dem Innenausbau und der Fassade beginnen können.“ Deren Gestaltung muss mit dem Denkmalschutzamt abgestimmt werden – denn auch wenn die Stadt hier einen Neubau zulässt, ist es eben doch ein denkmalgeschütztes Areal.

Mauerreste aus dem 17. Jahrhundert

So wurden bei den archäologischen Voruntersuchungen, die der Bauherr ebenfalls vornehmen musste, Mauerreste vorgefunden, die auf einem massiven Pfahlrost gegründet waren. Laut Bodendenkmalpflege gehörten diese zu einem Anfang des 17. Jahrhunderts errichteten Wallabschnitt des frühneuzeitlichen Festungsringes zwischen den beiden Bastionen Albertus (dort befindet sich heute die Jugendherberge) und Casparus (dort steht das Bismarck-Denkmal).

Als Die Linke 2016 einige kritische Fragen der „Anwohnerinitiative Hafentor“ aufgriff und vom Senat wissen wollte, welchen Stellenwert „historische und denkmalpflegerische Aspekte“ bei dem Bauvorhaben hätten, hatte dieser mitgeteilt: „Nach Abwägung der öffentlichen Interessen wurden die denkmalpflegerischen Belange zugunsten des Wohnungsbaus zurückgestellt.

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Und so wurde im Februar 2017 eine Baugenehmigung erteilt – 16 Jahre, nachdem ausgerechnet die städtische Immobiliengesellschaft Sprinkenhof AG auf die Idee gekommen war, an diesem sensiblen Ort einen Neubau zu errichten. Doch sie scheiterte erst 2001 mit den Plänen für ein sechsgeschossiges Gebäude, und dann 2003, als sie einen Architekturwettbewerb für ein achtstöckiges Hochhaus auslobte. Der Siegerentwurf des Hamburger Büros Dinse Feest Zurl hatte sogar neun Stockwerke, als Mieter war die Körber Stiftung im Gespräch. Doch realisiert wurde das Projekt nie, sondern das Grundstück 2007 verkauft.