Sommerwetter

Heißes Wochenende in Hamburg – Corona scheint weit weg

Eine heiße Sommernacht im Schanzenviertel: Am zweiten Wochenende mit Alkoholverkaufseinschränkungen sind zwar alle Außensitzplätze besetzt, aber weniger Fußgänger unterwegs.  Markus Scholzdpa

Eine heiße Sommernacht im Schanzenviertel: Am zweiten Wochenende mit Alkoholverkaufseinschränkungen sind zwar alle Außensitzplätze besetzt, aber weniger Fußgänger unterwegs. Markus Scholzdpa

Foto: Markus Scholz / dpa

Ob Elbe, St. Pauli, Schanze oder Stadtpark: Hamburger genießen sorglos das schöne Wetter. Nur im Jenischpark gibt es Randale.

Hamburg.  Corona, was ist das denn? Am Sonnabend ließen sich die meisten Hamburger ihre hochsommerliche Laune nicht von steigenden Infektionszahlen verdrießen. An den Elbstränden, auf St. Pauli, am Schulterblatt sowie im Stadtpark war eine allgemeine, verblüffende Sorglosigkeit zu beobachten. Von den befürchteten Exzessen jedoch war nichts zu bemerken. Nur im Jenischpark schlugen einige Jugendliche in der Nacht zum Sonntag über die Stränge.

Dabei blieb auch in dem Park im Westen der Stadt zunächst alles friedlich. 200 Jugendliche und junge Erwachsene machten Party. Doch dann gab es mit einer etwa zehnköpfigen Gruppe Angetrunkener Probleme: Bei einer Polizeikontrolle in der Grünanlage am Elbufer flogen Bierflaschen und Kisten. Die Streife forderte Verstärkung an.

„Diese Gruppe erwies sich als aggressiv und renitent“, teilte die Polizei dem Abendblatt mit. Nachdem eine Person festgenommen wurde, sei es von anderen Feiernden zu „Solidaritätsaktionen“ gekommen. Wegen Landfriedensbruchs, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung wurden Anzeigen erstattet. Insgesamt waren 13 Streifenwagen im Einsatz. An einem Polizeiauto gingen Scheiben zu Bruch. Zwei Polizisten wurden leicht verletzt, konnten ihren Dienst indes weiterhin verrichten. Ein junger Mann sei nicht mehr ansprechbar gewesen, jedoch während der Fahrt ins Krankenhaus wieder zu sich gekommen. Der Einsatz dauerte von 2.25 bis 3.56 Uhr. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Alles ruhig rund um die S-Bah-Station Sternschanze

Im Umfeld der S-Bahn-Station Sternschanze blieb dagegen alles ruhig. Bei Einbruch der Dunkelheit zeigt das Thermometer immer noch annähernd 30 Grad. Die Stimmung ist heiter, lebenslustig. Zwei neben ihren Fahrzeugen wartende Taxifahrer, ein Lieferando-Bote mit Fahrrad und zwei asiatische Spaziergängerinnen tragen Mundschutz – sie sind Ausnahmen. Vor dem Eiscafé Venezia abseits der Roten Flora haben Gäste ein Fläschchen Desinfektionsmittel neben ihren Pappbechern auf dem Holztisch positioniert. Sonst ist wenig von der Pandemie zu spüren.

Im Schaufenster des Cayan Kiosks am Schulterblatt hängen Protestplakate. Vor dem Laden ist mit Kreide ein Sperrgebiet auf den Gehweg gemalt: „Alkoholverbot.“ Darunter befindet sich ein großer Smiley – mit herabhängenden Mundwinkeln. „Das Alkoholverkaufsverbot zeigt Wirkung“, meint ein junger Mann mit Elektrozigarette vor dem Lokal „Galopper des Jahres“. Mitte Juli habe er auf der Ecke erheblich mehr Rummel und Remmidemmi erlebt.

Im Flora-Park schert sich kaum jemand um die Verordnung

Die Gäste im Flora-Park scheren sich keinen Deut um die Verordnungen. Man hat sich rechtzeitig mit Spirituosen und Dosenbier eingedeckt. Ein paar Schritte weiter wird kultivierter getrunken und gespeist. Auf der Restaurantmeile zwischen Rosenhof- und Susannenstraße feiern fröhliche Menschen die Gunst dieses tropischen Tages. Vor dem Il Cammino, dem Napoli, dem Pe­tisco sowie der Daniela-Bar sind die Bierbänke eng besetzt. Wird ein Platz frei, setzt sich im Nu neue Kundschaft.

Vis-à-vis, vor einem angesagten, innen und außen ausgebuchten Lokal mit asiatischen Tapas, warten mehr als 20 Leute auf Zutritt. Um Mundschutz und Distanz kümmert sich hier niemand. Corona scheint verflucht weit weg zu sein. In der Hitze dieser Sonnabendnacht bleiben solche Sorgen offensichtlich zu Hause. Auch zwischen dem Bairro Alto und Brunos Käseladen ist mächtig was los. Ein Skater zischt vorbei.

Volksfeststimmung auf dem Kiez

Wenige Straßen weiter, im Bannkreis der Reeperbahn, ist die Situation ähnlich. Doch selbst wenn vor dem Herzblut St. Pauli, vor einer Burgerbraterei, vor dem Klubhaus St. Pauli und auf dem Spielbudenplatz Volksfeststimmung herrscht, müssen patrouillierende Polizisten nur selten eingreifen. Wahrscheinlich sind an mehreren Ecken positionierte Einsatzwagen Mahnung genug. Ein Kellner bittet unüberhörbar um Einhaltung der Abstandsregeln. Mit Erfolg. Auch nach 22 Uhr und steigendem Alkohol- und Lärmpegel geht es überwiegend zivilisiert zu. Das im vergangenen Monat auf der Großen Freiheit übliche Tohuwabohu bleibt aus. „Das Gros der Gäste hält sich an die Vorschriften“, sagt Alex, Barchef des angesagten Cocktaillokals Story an der Reeperbahn 66. Es habe „keinerlei Probleme“ gegeben.

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Offensichtlich bremsen hohe Temperaturen auswärtige, schweißtreibende Aktivitäten. Anwohner des Elbufers hatten das bereits am Nachmittag dieses Sonnabends bestätigt. „Alles läuft in geordnetem Rahmen“, sagt Undine Schaper aus Neumühlen. „Fast alle benehmen sich hanseatisch.“ Zwar seien die Strände gut besucht, doch beachte man die momentan angebrachten CoronaSpielregeln.

Nackter mit Cowboyhut und Bier

Im Umkreis der Strandperle und des Kiosks Ahoi genießen Besucher Müßiggang, Wasserplätschern und Sonnenschein. Zumindest ein bisschen Abstand gehört dazu. Nicht jeder freut sich darüber, dass sich der dort inoffiziell etablierte Nacktbadebereich ausdehnt. „Wir sind nicht spießig“, befindet eine junge Frau mit Bikini, „aber alles ist eine Frage des Stils.“ Gemeint ist ein mittelalter Mann, der mit den Füßen im eher trüben Wasser steht. Er trägt einen Cowboyhut und eine Flasche Bier – sonst nichts.

Frühabendlicher Standortwechsel Richtung Nordosten. Die Wiesen am Stadtparksee sind belegt. Viele haben Handtücher ausgebreitet, andere grillen. Wer sich niederlassen möchte, muss suchen. Und wer einen Mundschutz trägt, ist in der winzigen Minderheit. Während das Naturbad mit Duschen und Umkleidekabinen geschlossen ist, bietet der See bei Bedarf Abkühlung. Auf einem Holzsteg ist nur noch wenig freie Fläche. Dicht an dicht sitzen Parkbesucher darauf. Die Atmosphäre ist fröhlich – für manchen Beobachter allerdings zu sorglos. Ernste Gedanken scheint sich in diesen lauen Abendstunden kaum jemand zu machen. Ein Verkäufer mit Fahrradanhänger offeriert gekühltes Bier. Er gehört zu den Gewinnern dieses Tages.

Wenn Corona nicht wäre, könnte es ein traumhafter Tag sein. So allerdings ist es ein Genuss mit Beigeschmack.