Fahrradserie

Vom Glück und Unglück, in Hamburg Rad zu fahren

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Die Elbe im Blick – so lässt es sich radeln.

Die Elbe im Blick – so lässt es sich radeln.

Foto: Sebastian Becht / Sebastian Becht / FUNKE Foto Services

Ein Plädoyer für die unmotorisierte Bewegung. Wenn nur die vielen Autos nicht wären, mit denen man den Platz teilen muss.

Hamburg. Das Glück dieser Welt liegt auf dem Rücken eines Drahtesels. Vielleicht nicht immer, aber in Hamburg immer öfter. Ohne je an einer Aktion von Critical Mass, jenem idealistischen, verdienstvollen, auch penetranten Rudelradeln durch unsere Stadt teilgenommen zu haben, fühle ich mich als Triumphator, wenn eine viel befahrene Straße in Hamburg endlich eine eigene Fahrradspur hat.

Man muss nicht gleich über den ewigen Vorrang des Autoverkehrs lamentieren, um festzuhalten, dass in deutschen Großstädten das Fahrradfahren oft eine mindestens unkomfortable, wenn nicht gefährliche Angelegenheit ist. Aber was gibt es jetzt schon seit einiger Zeit? Zum Beispiel die Fahrradstraße an der Alster — wobei es da leider wie unlängst wieder nicht ohne von Autofahrern herbeigeführte Unfälle abgeht.

Das Auge fährt mit – wir leben in einer sehr schönen Stadt

Der Harvestehuder Weg ist übrigens ein grundsätzlich gutes Beispiel für die Herrlichkeit pedalbetriebener Fortbewegung. Das Auge fährt schließlich mit, und es darf, obwohl es eigentlich viel zu oft erwähnt wird, doch noch einmal gesagt werden: Wir leben in einer sehr schönen Stadt. Wer noch nie die freilich Radfahrer-unfreundliche Elbchaussee bis nach Blankenese entlang geradelt ist, der schweige fortan für immer über die Glücksempfindungen urbaner Umgebungserfahrung.

Die Elbe, wie sie zwischen den unverschämt großbürgerlichen Schuppen aufblitzt, die Parks, die Bäume, der weite Himmel: Hier arbeiten nur die Werften gegenüber und meine Waden. Manchmal bilde ich mir ein, dass der Wind, der durch die Stadt weht, tatsächlich meine Lungen durchpustet. Als ich einst dem Schlechte-Luft-Kessel von Berlin entfloh und nach Hamburg zog, kam mir die Brise hier so sagenhaft frisch vor. Längst weiß ich, dass das eher etwas über Berlin als über Hamburg aussagt und Seewinde es nie wirklich bis nach Eimsbüttel oder Altona schaffen. Egal, mein Hals wurde nur in Berlin beim Fahrradfahren trocken wie nichts Gutes.

In Hamburg passiert mir das nicht, nicht einmal in der der Max-Brauer-Allee oder der Stresemannstraße. Die Luft ist dennoch auch hier schlecht. Weil nicht viel mehr Menschen aufs Rad steigen, wenn sie von A nach B wollen, sondern noch viel zu oft in ihre wenig umweltverträglichen Karren. Das ist schade. Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel der Zukunft, ach was: der Gegenwart.

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Es gibt wenig Schöneres, als gut gelaunt mit Geschwindigkeit rechts an den wütenden Blechkarawanen vorbeizudüsen, wenn der Feierabendverkehr mal wieder stockt. Und nur wer mit dem Rad fährt, der kann mit allen Sinnen (wie gesagt, für die Nase ist es nicht die reine Freude) die Stadt erkunden. Ich kann von Hoheluft aus, wo ich lebe, eigentlich all die Orte schnell erreichen, die ich täglich schnell erreichen muss, und manche sogar schneller als mit dem HVV.

Wir Radfahrer wissen, dass Hamburg als Autostadt erbaut wurde

Aber selbst wenn ich weitere Strecken fahren muss, ist das doch immer wieder auch gewinnbringend, zieht man mal die Regengüsse und die Google-Maps-Unfähigkeiten ab – ich muss zugeben, Karten nicht ganz so gut lesen zu können, wie ich es gerne würde. Fahrradtouren durch eine Großstadt bringen einem im Falle Hamburgs die ganze Dynamik und Heterogenität, die Vielfalt des Unterschiedlichen zu Gesicht.

Rahlstedt, mon Amour, Rothenburgsort, mein zu Unrecht unterschätzter Liebling, Billstedt, mit deiner ehrlichen Normalstadt-Ästhetik, das uns Szenestadtteilern ein bisschen Rauheit um die Ohren haut: Radfahren erweitert den Horizont. Die weithin als schön geltenden Routen etwa nach Niendorf oder Winterhude oder darüber hinaus, und spätestens dann sprechen wir von Velo-Ausflügen, dem Goldstandard von kombinierter Leibesertüchtigung und Erholung, halten einen ebenfalls fit.

Wir Radfahrer wissen, dass Hamburg mit seinen großen Verkehrsachsen als Autostadt erbaut wurde. Wir freuen uns, dass wir uns nicht mehr so oft wie früher wie Raumdiebe durch Straßen schlängeln müssen, weil immer mehr Radspuren auftauchen. Wir freuen uns über die Inbesitznahme von Fahrradwegen durch, peu à peu, immer mehr Radfahrer. Viele von ihnen chauffieren auf ihren Lastenrädern den Nachwuchs.

Autofahrer benehmen sich häufiger daneben

Ja, es ist ein Glück, in Hamburg Rad zu fahren. Und es ist ein Unglück. Denn dem Frieden des eigenen Gewissens steht der Krieg auf den Straßen gegenüber. Ein Ausdruck, der keinesfalls übertrieben ist. Volle Verkehrswege bedeuten Stress für alle Beteiligten, wobei Argwohn und Hader unter Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern gleichmäßig verteilt sind. Kampfradler, die über Bürgersteige preschen, sind keine angenehme Erscheinung. Und wenn sie dann noch, alles schon vorgekommen, in ihrer unheiligen Wut über unachtsame Autofahrer denen die Außenspiegel kaputt treten, kann man Vorbehalte gegen uns unmotorisierte Zwei-Rad-Fans gar zu leicht verstehen.

Aber die Wahrheit ist die, und dies ist halt nun einmal ein unbedingt parteiischer Text inmitten eines beinah ideologischen Kräftemessens: In einem überaus belebten Raum, in dem manche PS-Anhänger das Recht des Stärkeren auf ihrer Seite wähnen, benehmen sich Autofahrer häufiger daneben. Oder wenigstens: unangemessen und unachtsam. Was unter Fahrradfahrern Todesopfer fordern kann. Vielleicht erklärt auch das die Schärfe, mit der manche Fahrradfahrer auf die doch oft auch längst nicht bösen Absichten der Motorisierten reagieren.

Man verschätzt sich eben manchmal auch als Radfahrer; und schon hat man jemandem die Vorfahrt genommen. Es geht nicht ohne Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Und dennoch ist es statthaft, sich als Radfahrer auf der besseren Seite zu wähnen. Der Verfasser dieses Textes, mag er von Umweltsünden sonst nicht frei sein, hat noch nie ein Auto besessen. Die Luft verpestet hat er nie. Freie Fahrt für freie Bürger, das sollte schon längst der Leitspruch aller Verkehrspolitiker sein, die damit aber uns Unmotorisierte meinen.

Es macht oft keinen Spaß, in Hamburg Rad zu fahren, weil es gefährlich ist und unpraktisch. Deswegen muss dieser Text mit der Forderung nach mehr und besser ausgebauten Radwegen schließen, die derzeit erprobten Pop-up-Radwege sind übrigens, was das angeht, besser als gar nichts. Wir Radfahrer, Helden der Fortbewegung und stete Arbeiter am Fortbestand der Schöpfung, müssen noch viel, viel mehr werden.

Das Hamburger Abendblatt hat ein eigenes Magazin zum Thema „Hamburg mit dem Rad“ herausgebracht: 108 Seiten, 9 Euro (Treuepreis 7 Euro). Erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle am Großen Burstah 18–32 unter Telefon 040/333 66 999, unter abendblatt.de/magazine und bei Amazon.

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