Fahrradserie

Wie das Miteinander auf Hamburgs Straßen gelingen kann

| Lesedauer: 6 Minuten
Jule Bleyer und Vanessa Seifert
Sonja Tesch, Landessprecherin von Fuß e. V., wünscht sich von allen Verkehrsteilnehmern mehr Respekt vor Fußgängern.

Sonja Tesch, Landessprecherin von Fuß e. V., wünscht sich von allen Verkehrsteilnehmern mehr Respekt vor Fußgängern.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Was stört Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger an den jeweils anderen Verkehrsteilnehmern? Das sagen ADFC, ADAC und Fuß e. V.

Hamburg. Verkehr in einer Großstadt, das heißt auch: aggressive Autofahrer, rasende Radler, unvorsichtige Fußgänger. Doch was stört Hamburgs Autofahrer am meisten an anderen Verkehrsteilnehmern? Worüber regen sich die Fahrradfahrer in der Hansestadt am häufigsten auf?

Und über was ärgern sich Fußgänger besonders oft? Das Hamburger Abendblatt hat nachgefragt – bei den Interessenvertretungen der jeweiligen Gruppen. So unterschiedlich die Antworten auch ausfallen, so gibt es doch eine Gemeinsamkeit: Alle wünschen sich mehr Respekt – füreinander, aber auch untereinander.

Autofahrer stört sich an Radfahrer, die bei Rot fahren

Das sagt der ADAC : Das Überraschende gleich zu Beginn: Die Autofahrer stören sich am meisten an den anderen Autofahrern. Das „Drängeln“, also das dichte Auffahren bei hoher Geschwindigkeit, wird von 77 Prozent als „größte Belastung“ im Straßenverkehr empfunden, wie eine Mitgliederbefragung des ADAC ergab.

Verkehrsteilnehmer, die durch ihr Handy oder anderweitig abgelenkt sind, sehen 75 Prozent der Befragten als störend an, 71 Prozent regen sich vor allem über Radfahrer auf, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten. „Da geht es vor allem um Radler, die rote Ampeln missachten oder bei Dunkelheit ohne Licht unterwegs sind“, sagt Sprecher Christian Hieff vom ADAC Hansa, dem es wichtig ist, den ADAC nicht allein auf die „Stimme der Autofahrer“ zu reduzieren.

ADAC appelliert: Hände weg vom Handy

Denn mindestens drei Viertel der ADAC-Mitglieder kennen laut Hieff die Situation auf den Straßen aus verschiedenen Blickwinkeln, sind also mit dem Auto unterwegs, aber auch mit dem Fahrrad, mit Bus und Bahn oder zu Fuß. „Daher unterstützen wir als ADAC auch den Ausbau des Radwegenetzes in Hamburg und stehen voll hinter dem Konzept der Velorouten.“

Gefährliche Situationen entstünden vor allem, wenn Autofahrer und Radfahrer sich zu spät bemerkten oder wenn einer ein „unerwartetes Fahrmanöver“ mache, beispielsweise abbiege, ohne zu blinken oder ein Handzeichen zu geben. „Unsere Mitglieder wünschen sich insgesamt eine höhere Fehlertoleranz“, so Hieff. „Das bedeutet, dass ich manchmal mit dem Fehler des anderen Verkehrsteilnehmers rechne und deshalb auch nicht gleich aus der Haut fahre, wenn es dann tatsächlich mal nicht regelkonform läuft.“ Dringend appelliert der ADAC an alle Verkehrsteilnehmer: „Hände weg vom Handy! Das wird auch in Hamburg zunehmend zur Hauptunfallursache.“

ADFC: Hamburg ist keine Fahrradstadt

Das sagt der ADFC (Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club): Am stärksten würden Radfahrer durch „unachtsame und rücksichtslose Autofahrer“ gestört, manchmal sogar lebensgefährlich gefährdet. „Eine Gefahr sind zum Beispiel rechts abbiegende Lkw-Fahrer, die den Radfahrer nicht sehen oder ignorieren“, sagt Dirk Lau vom ADFC Hamburg. Auch Autofahrer, die beim Aussteigen die Fahrertür öffneten, ohne zu schauen, ob sich ein Fahrradfahrer nähere, seien eine Gefahr, ergänzt sein Kollege Bernd Reipschläger.

Grundsätzlich sei Hamburg weit davon entfernt, eine „Fahrradstadt“ zu sein. Es gebe schlicht zu wenig Platz auf der Straße, um „sicher und entspannt“ unterwegs sein zu können. „Viele fühlen sich gerade auf den stark befahrenen, mehrspurigen Tempo-50-Hauptstraßen nicht sicher“, sagen die Vertreter des ADFC.

Gerade Kinder und ungeübtere Radler bräuchten auf solchen Straßen deutlich mehr Platz auf einer eigenen Spur, die baulich auch vom restlichen Verkehr getrennt sein könnte. „Insbesondere solange der Autoverkehr innerorts nicht beruhigt oder zurückgedrängt wird.“ An Kreuzungen fehle es oft an eigens für Radler angelegten, breiten Querungsmöglichkeiten.

Hamburgs Fahrradfahrer wünschen sich mehr Rücksicht

Auch an den zahlreichen Baustellen in der Stadt werde kaum Rücksicht auf die Belange der Radfahrer genommen. Ausnahme: der baulich getrennte, temporäre Radstreifen auf einem Teilabschnitt des Sievekingdamms. „Da hat der Bezirk Mitte vorbildlich geplant“, so Dirk Lau.

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Hamburgs Fahrradfahrer wünschten sich insgesamt mehr Rücksicht und Vorsicht, so der ADFC. „Autofahrer sollten sich bewusst sein, dass sie mit ihrem Fahrzeug schlimmstenfalls eine tödliche Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellen. Sie sollten also in der Stadt nicht schneller als Tempo 30 fahren und andere Verkehrsteilnehmer nicht durch Falschparken oder überhöhte Geschwindigkeit gefährden“, so Lau und Reipschläger. Doch auch die Radler selbst sollten mehr Rücksicht nehmen und beispielsweise nicht auf Gehwegen, auf der falschen Seite oder abends und nachts ohne Licht unterwegs sein.

Fußgänger ärgern sich über zugeparkte Gehwege

Das sagt Fuß e. V.: Auf Gehwegen geparkte oder „kurz haltende“ Autos und Lieferfahrzeuge seien ein großes Ärgernis. Auch Autos, die an Kreuzungen noch auf die Fußgängerquerung rollten, obwohl es sich offensichtlich bereits staue, sorgen für Unmut unter den Fußgängern. Abbiegende Autofahrer, die nicht auf Fußgänger achten, gehören ebenfalls in diese Kategorie.

„„Radfahrer auf Gehwegen sind immer ein Ärgernis - umso mehr, wenn sie dann noch zu schnell unterwegs sind und keinen Abstand halten“, sagt Landessprecherin Sonja Tesch. An Ampeln bögen Radfahrer häufig quer über die Fußgängerfurt ab, was ebenso störe wie an Verkehrsschilder angeschlossene Räder, die dann einen Teil des Gehweges blockierten­.

Grundsätzlich seien „zu schmale, unebene und schlecht beleuchtete Gehwege“ ein Problem in der Stadt. „Wenn auf der Fahrbahn Kopfsteinpflaster liegt, dann ist das für viele Fahrradfahrer ein Vorwand, um auf den Gehweg zu wechseln“, so Tesch. Oft seien auch die Bordsteinabsenkungen an stark frequentierten Kreuzungen zu schmal.

„Da drängen sich dann Menschen mit Rollatoren, mit Kinderwagen und Rollstühlen, aber auch Radfahrer auf sehr wenig Platz.“ Fuß e. V. wünscht sich „mehr Respekt“ vor Fußgängern und vom Senat ein „konsequentes Einschreiten gegen Gehwegfahren und Gehwegparken“. Nur mit Achtsamkeit könne das Miteinander auf den Straßen verbessert werden.

Das Hamburger Abendblatt hat ein eigenes Magazin zum Thema „Hamburg mit dem Rad“ herausgebracht: 108 Seiten, 9 Euro (Treuepreis 7 Euro). Erhältlich in der Abendblatt-Geschäftsstelle am Großen Burstah 18–32 unter Telefon 040/333 66 999, unter abendblatt.de/magazine und bei Amazon.

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