Hamburg

Wegen Corona: Zunahme der Kinderarmut befürchtet

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Matthias Popien
Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland in Armut auf (Symbolbild).

Millionen Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland in Armut auf (Symbolbild).

Foto: Jens Kalaene / dpa

Bertelsmann-Studie zeigt, dass es seit 2011 in Hamburg kaum Fortschritte gegeben hat. Expertin fordert Kindergrundsicherung.

Hamburg.  Der Kampf gegen die Kinderarmut ist in Hamburg bislang weitgehend erfolglos geblieben – das geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor. Anette Stein, die Leiterin der Studie, fordert deshalb einen „Systemwechsel“ bei den Sozialleistungen. „Die bisherigen Maßnahmen haben nicht zum Ziel geführt“, sagt sie. „Wir brauchen ein Grundeinkommen für Kinder.“ Es wäre allerdings ein Systemwechsel, der nicht in Hamburg vollzogen werden könnte. Hier ist der Bund gefragt. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hält die Situation ohnehin für besser als die Bertelsmann-Studie behauptet. „Wir sind nur auf dem Stand von vor fünf Jahren, weil viele geflüchtete Familien neu in den Hartz-IV-Bezug gekommen sind“, sagte sie.

Die aktuelle Studie und ihr Vorgänger aus dem Jahr 2015 decken einen Zeitraum von 2011 bis 2019 ab. Und so sieht das Ergebnis jahrelanger sozialpolitischer Bemühungen in Hamburg aus: 2011 lebten 20,9 Prozent aller Kinder unter 18 Jahren in Familien, die Sozialhilfe (Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II) bekamen, Ende 2014 waren es 20,2 Prozent, Ende vergangenen Jahres 19,7 Prozent. Mit anderen Worten: Innerhalb von acht Jahren hat es gerade mal einen Rückgang von rund einem Prozentpunkt gegeben. Zugleich waren die vergangenen acht Jahre eine Zeit des wirtschaftlichen Aufstiegs – ein Aufstieg, der an rund einem Fünftel der Hamburger Kinder anscheinend vorbeigegangen ist.

Eltern arbeiten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber

Die Studienleiterin Stein formuliert das Fazit so: „Wir stagnieren.“ Kinder sollten ein eigenes Einkommen bekommen, um die Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern zu beenden. „Das SGB-Prinzip des Fördern und Forderns ist bei Kindern ungeeignet“, sagt sie.

Stein befürchtet, dass die Corona-Folgen die Situation der von Armut bedrohten Kinder weiter verschlechtern könnte. Denn ihre Eltern arbeiten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehören deswegen zu der Gruppe, die als erste ihre Jobs verlieren. 24 Prozent der Kinder in SGB-II-Haushalten haben laut Bertelsmann-Studie keinen internetfähigen PC im Haushalt, 13 Prozent keinen ruhigen Platz zum Lernen. Fast die Hälfte der Kinder wohnt in einer Wohnung, in der nicht genügend Zimmer zur Verfügung stehen.

Durch die Corona-Krise drohe eine steigende Kinderarmut

Was also tun? Stein empfiehlt eine eigenständige finanzielle Absicherung für Kinder und Jugendliche. Diese sollte eine „normale oder durchschnittliche“ Kindheit und Jugend ermöglichen und nicht lediglich ein Existenzminimum zusichern. Die Zahlung sollte im Rahmen einer Kindergrundsicherung oder eines Teilhabegelds erfolgen. Mit steigendem Einkommen der Eltern könne die Leistung abgeschmolzen werden, sodass gezielt arme Kinder in den Genuss der Unterstützung kämen. Die Beantragung müsse möglichst einfach sein. Dafür seien Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche sowie für Eltern notwendig. Stein hat keinen Zweifel daran, dass das neue „Kinder-Geld“ auch von Kindern genutzt werden würde – und nicht etwa von den Eltern. „Ich kenne diese Bedenken“, sagt sie. „Aber es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege dafür, dass das in großem Umfang passieren wird.“ Einzelfälle werde es immer geben.

Bei der Linke-Fraktion in der Bürgerschaft kommt dieser Vorschlag einer eigenständigen finanziellen Absicherung gut an. „Kinder, die in Armut aufwachsen, tragen bereits von Geburt an eine Hypothek mit sich herum. Sie sind ausgeschlossen von Bildungsmöglichkeiten und kultureller Teilhabe“, erklärt Insa Tietjen, kinderpolitische Sprecherin. Durch die Corona-Krise und die damit verbundenen Einkommensverluste bei vielen Familien in der Stadt drohe eine steigende Kinderarmut. „Der Senat muss dringend vorbeugend tätig werden“, so Tietjen. „Die soziale Infrastruktur der Stadt muss finanziell besser ausgestattet werden. Auf Bundesebene muss Hamburg für eine Kindergrundsicherung werben, die ihren Namen verdient.“

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Silke Seif, familienpolitische Sprecherin der CDU-Bürgerschaftsfraktion, sagt: „Dass die Zahl der von Armut betroffenen Kinder in Hamburg in den letzten Jahren trotz der guten Wirtschaftslage stagniert, ist erschreckend. Mit der Corona-Pandemie wächst nun die Zahl der Eltern, die Hartz-IV-Leistungen beantragen müssen, und somit auch die Kinderarmut. Trotzdem wären die Pro­bleme mit einem Teilhabegeld oder einer Grundsicherung für Kinder nicht gelöst.“ Die Armut bestehe, weil die Eltern oft keine oder keine qualifizierte Arbeit hätten.

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