„Seid nett zueinander“

Corona – so helfen Hamburger Studierende

| Lesedauer: 6 Minuten
Studierende aus Stellingen und Winterhude zeigen Initiative: Lennart Werner (l.), Laura Reimann und Georg Holm nähen Masken und kaufen für ihre Nachbarn ein.

Studierende aus Stellingen und Winterhude zeigen Initiative: Lennart Werner (l.), Laura Reimann und Georg Holm nähen Masken und kaufen für ihre Nachbarn ein.

Foto: Marcelo Hernandez

In der Abendblatt-Reihe „Seid nett zueinander“ erzählen Studierende, wie sie ihren Nachbarn durch die Corona-Zeit helfen.

Hamburg. Studierende aus Winterhude und Stellingen rücken wegen des Corona-Virus zusammen – und halten doch Abstand zueinander. Die einen kaufen für ihre Nachbarn ein, denen der Gang zum Supermarkt wegen der Ansteckungsgefahr zu riskant ist. Die anderen nähen auf einer alten Nähmaschine Masken für die Bewohner des Wohnheims.

Auf die Näh-Idee brachte sie eine E-Mail vom Studierendenwerk. Im Anhang befand sich ein Schnittmuster für einen Mund-Nasen-Schutz. Kurz darauf, etwa zwei Wochen vor Einführung der Maskenpflicht, vernähte Laura Reimann (24) etwa 150 Meter Gummiband und etliche bunte Stofflagen – obwohl sie nie zuvor genäht hatte. Ihre Mitbewohnerin erklärte ihr die Nähmaschine und half mit. Die Materialkosten von etwa zwei Euro pro Stück hat das Studierendenwerk übernommen. Profitiert haben die Anwohner des Wohnheims Europa- und Georgihaus in Winterhude.

Laura Reimann wurde zum Masken-Nähprofi

Heimnachbarn durften sich ihre Lieblingsmaske aus 100 Exemplaren aussuchen – darunter verschiedene Designs: in Pink mit Sternchen, Marineblau mit Ankern oder Blaugrün mit Muster. Von innen sind die Masken unifarben, um Kosten zu sparen. Ihre genähten Werke erkennt Reimann am Stoff. „Manchmal sehe ich im Supermarkt Menschen, die mir bekannt vorkommen. Wenn ich näher rangehe, erkenne ich meine Masken und weiß, wir sind Nachbarn.“ Ein rein weißer oder schwarzer Mund-Nasen-Schutz sei für sie nicht infrage gekommen. „Wir wollten nicht, dass die Leute wie Gangster aussehen oder Make-up-Flecken durchschimmern. Das sieht unhygienisch aus.“

Die Maskenproduktion startete im April, noch bevor die Maskenpflicht offiziell eingeführt wurde, sagt sie. Die Geschäfte waren bereits geschlossen. Doch Reimann brauchte Stoffe. Auf Instagram fand sie ein Geschäft, das über WhatsApp Bestellungen annahm und kontaktlos die gekaufte Ware vor den Laden legte. Doch das Geschäft wurde stark nachgefragt. „Für den Stoffladen ging es drunter und drüber, weil viele Kunden ein paar Meter Gummiband zum Maskennähen kaufen wollten, es aber überall ausverkauft war. Die Besitzerin ist nachts sogar zu einem Großmarkt an der deutsch-niederländischen Grenze gefahren, hat aber nichts bekommen“, sagt Reimann. Kurz darauf habe der Zulieferer das Gummiband wieder liefern können, und Reimann wurde in stundenlanger Arbeit zum Masken-Nähprofi.

Corona-Service: Studierende liefern Einkäufe bis vor die Tür

„Meine Mitbewohnerin und ich haben uns manchmal richtig verschnitten, hatten zu viele rechte Seiten“, sagt Reimann. Ihre Masken sind doppellagig. Von der Nasenspitze zum Kinn verläuft eine Naht. Die beiden Doppelhälften auf der rechten und linken Seite der Nase müssen spiegelverkehrt ausgeschnitten und zusammengenäht werden, damit die Maske über der Nasenspitze und unter dem Kinn abschließt. Anfangs habe Reimann eine Dreiviertelstunde pro Maske gebraucht, später 30 Minuten und in Akkordarbeit mit ihrer Mitbewohnerin nur 20 Minuten. „Irgendwann haben wir wie am Fließband gearbeitet: zuschneiden, vernähen, Band durchziehen. Das war sehr meditativ und hat von Sorgen abgelenkt.“ Sie sei durch das Corona-Virus verunsichert gewesen, die Infektionszahlen in Italien und Deutschland hätten sie und ihre Nachbarn in dieser Zeit sehr beunruhigt.

Zur gleichen Zeit haben Georg Holm (24) und Lennart Werner (22) einen Einkaufsservice für die Nachbarn des Wohnheims Hagenbeckstraße in Stellingen errichtet. Geholfen haben ihnen etwa 30 Studierende aus dem Wohnheim. Auf Flyern informierten sie über den Service, teilten darauf private Handynummern und eine E-Mail-Adresse für Bestellungen mit. Vier der Studierenden übernehmen vor- und nachmittags den Telefondienst. Die anderen kaufen ein – immer für denselben Nachbarn, damit das Infektionsrisiko gesenkt wird. Auch die Übergabe verläuft kontaktlos: Das Einkaufsteam stellt die Tüten vor der Wohnungstür ab, daraufhin öffnen die Nachbarn die Tür, nehmen die Einkäufe entgegen und lehnen einen Briefumschlag mit Geld gegen die Wand. Die Studierenden strecken das Geld für die Einkäufe vor. „Die Resonanz war sehr positiv. Viele haben sich nur gemeldet, um unser Engagement zu loben, haben den Service aber nicht genutzt. Einkaufswünsche haben etwa 15 Nachbarn geäußert“, sagt Werner.

Auch nach Corona möchten sie für ihre Nachbarn einkaufen

Viele seiner „Stammkunden“ würden Rollmops, Milch und Gemüse bestellen – die Marke sei egal. Manche hätten aber auch sehr konkrete Wünsche, zum Beispiel die Preiselbeermarmelade aus dem Werbeprospekt. Einmal habe ein Nachbar die beiden Servicegründer in die Apotheke, den Supermarkt, zum Bäcker und zum Metzger an der Osterstraße geschickt. „Zwei Stunden waren wir unterwegs, normalerweise reicht eine“, sagt Holm. Er erinnert sich aber auch daran, dass er in der Anfangszeit sehr viel Zeit zum Einkaufen gebraucht habe. „Ich war überfordert“, sagt er. „Wenn jemand seinen Wocheneinkauf macht, weiß er, was wo zu finden ist.“ Holm sei mehrfach im Supermarkt umhergeirrt, habe beispielsweise Rollmops und Fischsalat gesucht, um dann herauszufinden, dass die Ware ausverkauft war. „Ich musste an die Fischtheke und kannte mich gar nicht aus. Jetzt kenne ich sie fast auswendig.“ Wenn ein Produkt nicht vorrätig gewesen sei, habe er die Auftraggeber angerufen und nach Ersatzprodukten gefragt.

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Die Ware kaufen Holm und Werner in den umliegenden Supermärkten ein und liefern meistens einmal pro Woche zwei volle Tüten aus. Trinkgeld würde keiner der Studierenden annehmen. „Wir machen das freiwillig und wollen uns nicht bereichern“, sagt Werner. Doch die Nachbarn wollen sich bedanken. „Eine Dame hat der Studierenden, die ihre Bestellung am Telefon entgegengenommen hat, und mir einen sehr lieben Brief geschrieben“, sagt er. Als er die Einkäufe zu ihr brachte, habe sie in der Tür gestanden und den Brief zusammen mit dem Geldumschlag gegen den Türrahmen gelehnt. Sie selbst habe einen Mund-Nasen-Schutz getragen und sei einen Schritt zurückgetreten, damit Werner den Brief entgegennehmen konnte.

Auch nach der Corona-Pandemie möchte die Studierendeninitiative für ihre Nachbarn einkaufen. Sie arbeiten an einem Einkaufskonzept, damit die Nachbarschaft noch enger zusammenrückt und sich besser kennenlernt..

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