Hamburg

Serientäter? Was Brände an Mülltonnen so gefährlich macht

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Christoph Rybarczyk
Hamburger Schanzenviertel: Im Hinterhof des Gebäudes war ein Container in Brand geraten. Die Flammen griffen auf die Fassade über.

Hamburger Schanzenviertel: Im Hinterhof des Gebäudes war ein Container in Brand geraten. Die Flammen griffen auf die Fassade über.

Foto: Michael Arning

Zuletzt gingen in Lokstedt, im Schanzenviertel und in Schnelsen Müllcontainer in Flammen auf. Kleine Brände mit großer Wirkung.

Hamburg. Der verkohlte Mercedes steht da wie ein Mahnmal. Vorne völlig zerstört, rußig, verformt. Der Kühlergrill, der Motorraum – ein geschmolzenes metallisches Etwas. Am Heck gleicht die ausgebrannte Familienkutsche mit Stern noch am ehesten einem Auto. Der Holzunterstand, der hier in Hamburg-Lok­stedt als Carport und Überdachung für die Müllbehälter dient, ist durch den Brand ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden. Weil es ein Tatort ist, flattert ein rot-weißes Absperrband herum. Die Flammen schlugen auch in Richtung Haus.

Es fällt leicht, sich vorzustellen, was passiert wäre, hätte dieses Feuer Anfang Juli noch energischer auf die Fassade übergegriffen. Dann wäre geschehen, was den Brand an der Schanzenstraße ein paar Tage später so lebensbedrohlich machte. Fluchtwege für die Bewohner waren abgeschnitten.

Die schnell herbeigeeilten Feuerwehrleute holten 26 Menschen zum Teil mit Brandhauben aus dem Gebäude. Der Schock stand den Bewohnern ins Gesicht geschrieben. Zu solchen Einsätzen werden oft gleich Notfallseelsorger beordert.

Brand im Schanzenviertel: Feuerwehr musste 26 Menschen retten

Lokstedt, Sternschanze, davor das Futterhaus in Schnelsen – immer brannte irgendwo zuerst ein Müllcontainer. Am Futterhaus, das vollständig ausbrannte, war schnell das Dach ein Opfer der Flammen geworden und eingestürzt.

So kann aus lodernden Flammen an einem Gebäude – ob Müllcontainer oder Auto – schnell der Brand in einem Haus werden. Und fängt zum Beispiel Dämmmaterial an der Fassade Feuer, schlängelt es sich schnell hoch zum Dach. Das ist der schlimmste anzunehmende Fall für die Brandbekämpfer, wie Martin Schneider von der Hamburger Feuerwehr dem Abendblatt sagte. Bei der Dämmung gibt es „nicht brennbare“ und „schwer entflammbare“ Stoffe. Im Preis liegt die Sicherheit. Viele Hausbesitzer wählen die kostengünstige Variante.

Die Hamburger Polizei, die in diesen Fällen von Brandstiftung ausgeht, hat momentan offenbar nicht den einen Feuerteufel in Verdacht. Es geht vermutlich um mehrere Täter. Ein Polizeisprecher sagte dem Hamburger Abendblatt, bei zwei „Mehrfachbrandlegungen“ seien unterschiedliche Tatverdächtige ermittelt worden. Und mit dem Jahrestag des G-20-Gipfels hätten die gehäuft auftretenden Brandstiftungen nach derzeitigen Erkenntnissen auch nichts zu tun.

Treudelberg: Mutmaßlicher Brandstifter gefasst

In Schnelsen brannte es ab 23 Uhr, in Lokstedt um 4.30 Uhr, an der Schanze um 2.42 Uhr. Anders war das wohl bei einer Brandserie in Lemsahl-Melling­stedt in der Nähe des Golfclubs Treudelberg. Ein dort festgenommener Mann hat vermutlich eine Reihe von Bränden zu verantworten. Zumeist waren Holzunterstände oder Viehställe betroffen. Die Polizei erwischte den 32-Jährigen in Tatortnähe mit Feuerzeug und Grillanzünder. „Insbesondere wird geprüft, ob der Verdächtige auch für weitere Brandlegungen als Täter in Betracht kommt.“

Laufen derzeit mehrere Einzeltäter nachts durch Hamburg und suchen sich geeignete Orte für ihr gefährliches Treiben? In Rahlstedt fürchtete man nach Müllcontainerbränden zuletzt ebenfalls einen Feuerteufel. Hat das Phantom auch etwas mit dem ausgebrannten Waldorfkindergarten am Rahlstedter Weg in Farmsen-Berne im März zu tun? Die Verantwortung für diese Brände liegt noch im Dunkeln.

Was brennende Autos so gefährlich macht

In Lokstedt gab es Mutmaßungen, die in Richtung der Unterkunft für Wohnungslose und Wanderarbeiter an der Kollaustraße zeigten. Doch bei anderen Delikten, bei denen man ebenfalls Schutzsuchende der Unterkunft verdächtigte, kam heraus: Es waren eher junge Leute, die sich dem Partyvolk und der Kategorie Abenteuer suchender Nachwuchshooligans zurechnen lassen.

Feuerwehrsprecher Martin Schneider wies darauf hin, dass ein Fahrzeugbrand wie in Lokstedt „hochtoxische Gase“ freisetze. Weil Kunststoffe und Metalle verbrennen, gehen die Feuerwehrleute mit Atemschutz an die Arbeit. Auch wenn Mülltonnenbrände meist keine große Herausforderung darstellten, so könnten sie doch schlimme Folgen haben. Stehen sie nahe an Hausfassaden, drohten durch die Hitzeentwicklung Fenster zu bersten und relativ schnell Wohnungen in Brand zu geraten.

Explodieren sollten in Brand gesetzte Autos eigentlich nicht. Wenn der Tank schmilzt und auslaufendes Benzin Feuer fängt, ist die Gefahr einer Verpuffung jedoch größer.

Polizei Hamburg: Taktisches Schweigen zu Ermittlungen

Die Hamburger Polizei möchte sich aus taktischen Gründen noch nicht zu den Ermittlungen in Schnelsen, Lokstedt und an der Sternschanze äußern. Bis­weilen hat auch schon ein verblendeter Jungfeuerwehrmann selbst einen Brand gelegt, um beim Löschen zu glänzen. Das war so im vergangenen und in diesem Jahr in spektakulären Fällen in Stormarn.

Vor sechs Jahren ging ein Mann in Hamburg umher, der immer wieder Kinderwagen in Mehrfamilienhäusern in Brand setzte. In Altona starben bei einem Brand eine Mutter und ihre beiden Söhne. Dafür war aber offenbar ein 13-Jähriger verantwortlich, der in eine psychia­trische Einrichtung.

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