Lebensrettende Einsätze

Wo Hamburger lange auf die Feuerwehr warten müssen

n der Nacht zu Sonntag schlugen Flammen aus einem Müllcontainer und setzten ein Wohnhaus im Schanzenviertel in Brand – die Feuerwehr konnte 26 Bewohner retten.

n der Nacht zu Sonntag schlugen Flammen aus einem Müllcontainer und setzten ein Wohnhaus im Schanzenviertel in Brand – die Feuerwehr konnte 26 Bewohner retten.

Foto: Michael Arning

Die Pünktlichkeitsquote sinkt noch einmal: Ziele bei Bränden und im Rettungsdienst werden weiter oft verfehlt. Kritik von der CDU.

Hamburg. In der Nacht zum Sonntag war es ein Müllcontainer, der für den Ernstfall sorgte: In einem Hinterhof in der Schanzenstraße schlugen Flammen aus dem Behälter, erfassten schnell die dahinterliegende Fassade und das erste Obergeschoss eines Wohnhauses. Ein Fenster barst, dichter Rauch füllte das Treppenhaus. Einige Anwohner flüchteten auf ihren Balkon, riefen um Hilfe.

Nur mit ihrem schnellen Einsatz verhinderten Feuerwehrleute gegen 3 Uhr morgens eine Katastrophe. Mehrere Rettungstrupps drangen in das Gebäude, brachten 26 Menschen ins Freie. „Eine Bewohnerin wurde mit Verdacht auf eine Rauchgasvergiftung in ein Krankenhaus gebracht“, sagte ein Feuerwehrsprecher Die Polizei geht von Brandstiftung als Ursache für das Feuer aus, da in derselben Nacht fünf weitere Müllcontainer im Schanzenviertel brannten.

Feuerwehr hat sich ambitionierte Zeitvorgaben gesetzt

Weil es in Fällen wie diesen auf jede Minute ankommt, hat sich die Feuerwehr selbst ambitionierte Zeitvorgaben gesetzt. In weniger als acht Minuten nach der Alarmierung sollen bei einem „kritischen Brand“ die ersten zehn Retter vor Ort sein. Seit Jahren wird dafür unter anderem auch der Bau neuer Wachen vorangetrieben. In der Praxis wird die Feuerwehr aber nicht schneller, sondern langsamer: Wie aus einer Senatsantwort auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Dennis Gladiator hervorgeht, wurde die Zeitvorgabe hamburgweit im März nur noch bei 59 Prozent der Einsätze erfüllt. Im Juli 2019 waren es noch 65 Prozent – seitdem sinkt die sogenannte Erfüllungsquote kontinuierlich.

In der Senatsantwort wird darauf verwiesen, dass mehrere Faktoren die Statistik beeinflussen. So führten etwa bereits Verspätungen von wenigen Sekunden dazu, dass ein Einsatz als nicht zielkonform bewertet wird – oder ein einzelner Feuerwehrmann zu wenig, obwohl der Zug dennoch schnell vor Ort ist und löschen kann. Auch könnte eine geringe Zahl von Einsätzen je nach Monat und Wache zu schwanken führen. „Die Umsetzung der Erreichungsgrade ist eine kontinuierliche Aufgabe“, heißt es.

Krasse Unterschiede in der Reaktionszeit der Retter

Für den Fragesteller Dennis Gladiator sind die neuen Zahlen dagegen ernüchternd. „Es zeigt sich deutlich, dass die Worte des Senats bislang nichts an der Realität ändern“, so der CDU-Abgeordnete. „Die fachlichen Standards werden nicht annähernd eingehalten. Es kann keine Rede davon sein, dass alle Hamburger in jedem Stadtteil auch geschützt sind“, sagt Gladiator.

Tatsächlich gibt es teils krasse Unterschiede in der Reaktionszeit der Retter, je nach Ort des Einsatzes. Nach den Senatsdaten erreichten die Beamten der Zentralwache am Berliner Tor sowie der Innenstadtwache an der Admiralitätsstraße ihr Ziel im Jahr 2019 in mehr als 80 Prozent der Fälle in weniger als acht Minuten. Die Retter aus den Standorten in Rotherbaum, Altona, Barmbek, Stellingen und Bergedorf erfüllen die Vorgabe in immerhin zwei Drittel der Fälle. Besonders schlecht ist dagegen der nördliche und südliche Stadtrand versorgt: Die Pünktlichkeitsquote der Wache in Sasel lag bei nur 32,7 Prozent, in Harburg bei 26,4 Prozent. Die Beamten in Finkenwerder schafften es sogar nur in jedem zehnten Fall, so schnell wie beabsichtigt am Brandort zu sein. Entsprechend des Gesamttrends könnten die Daten für das erste Halbjahr 2020, die noch nicht vollständig ausgewertet sind, teilweise noch niedriger liegen.

24.000 Verspätungen bei Einsätzen in einem Quartal

Wie weiter aus der neuen Statistik hervorgeht, sank auch die Erfüllungsquote im Rettungsdienst. Im dritten Quartal des vergangenen Jahres waren die Sanitäter der Berufsfeuerwehr noch in 59 Prozent der Fälle innerhalb von acht Minuten am Einsatzort – im zweiten Quartal dieses Jahres betrug die Erfüllungsquote nur noch 52 Prozent. Zwar sind hierzu noch nicht alle Einsätze ausgewertet, der Gesamttrend jedoch ebenfalls klar negativ. Dabei lag die Pünktlichkeit in den Bezirken Nord und Eimsbüttel weiterhin bei 60 Prozent oder mehr. In den Bezirken Harburg und Wandsbek wurde die Zeitvorgabe jedoch mit rund 45 Prozent in deutlich weniger als der Hälfte der Fälle eingehalten. Positiv hat sich die Quote in keinem der sieben Hamburger Bezirke entwickelt.

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Insgesamt kamen die Retter allein im ersten Quartal dieses Jahres bei rund 24.300 Einsätzen später als geplant. Auffällig hierbei: Wenn die Acht-Minuten-Grenze überschritten wurde, waren die Sanitäter in 7400 Fällen höchstens eine weitere Minute später vor Ort. Bei 5855 Einsätzen mussten die Betroffenen dagegen sogar zwölf Minuten oder länger auf das Eintreffen der Retter warten.

Auch mit einem neuen Gesetz soll die Geschwindigkeit im Rettungsdienst verbessert werden. Trotz der Probleme bei der „ersten Welle“ hält die Feuerwehr weitere Ziele weit überwiegend ein. Bei kritischen Bränden waren – mit Ausnahme der Wachen in Finkenwerder, Harburg und auf der Veddel – in weniger als 13 Minuten auch mindestens 16 Kräfte vor Ort. Im Rettungsdienst erreichte ein Notarzt bei Bedarf zuletzt in 88 Prozent der Fälle die Patienten innerhalb von maximal 15 Minuten – wie vorgeschrieben.