Nationalsozialismus

Sternschanze: Provisorium erinnert an Deportationen von 1942

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Die Fußspuren führen zu 80 Papierbögen mit den Namen aller Juden, die im Sommer 1942 aus dem Schanzenviertel deportiert wurden.

Die Fußspuren führen zu 80 Papierbögen mit den Namen aller Juden, die im Sommer 1942 aus dem Schanzenviertel deportiert wurden.

Foto: Laura Kosanke

Vor dem Schanzenbahnhof fordern Hamburger eine Gedenktafel mit den Namen aller im Sommer 1942 deportierten Juden.

Hamburg.  „Niemals vergeben. Niemals vergessen. Gemeinsam gegen Antisemitismus“ – unter diesem Motto haben sich 70 Hamburger am S-Bahnhof Sternschanze versammelt. Zur Kundgebung hatte der Verein „Eimsbüttel erinnert“ aufgerufen. Die Teilnehmer gedachten der jüdischen Menschen, die am 15. und 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden. Zum Jahrestag prangten ihre Namen auf 80 Papierbögen, die gegenüber der Kundgebungsstätte angebracht wurden. Dahinter befand sich damals die Volksschule Schanzenstraße. Heute gehört das Gelände zur Ganztagsgrundschule Sternschanze.

Die Gestapo holte fast 1700 Menschen aus den sogenannten „Judenhäusern“ und brachte sie durch das Tor auf das Schulgelände. Von dort aus wurden sie Stunden später in Lkw gepfercht, zum Hannoverschen Bahnhof gefahren und von dort aus nach Theresienstadt deportiert. Viele hatten bereits das Seniorenalter erreicht, doch auch Kinder und Jugendliche befanden sich unter den Deportierten. Hilde Dublon war eine von ihnen. Sie wurde am Tag der zweiten Deportation mit ihren Eltern und ihrer Tante nach Theresienstadt gebracht und starb im Konzentrationslager an Typhus.

Deportationen 1942: Hamburger fordern Gedenktafel

Auch Bertie Philipp wurde am 19. Juli deportiert. In einem Zeitzeugenbericht schreibt sie: „Viele Neugierige, die eben des Weges kamen, blieben stehen und umgaben bald in einem großen Kreise das Tor … Da schob sich ein großer, breit gebauter, gut gekleideter Herr in den Vordergrund. ‚Das‘, sagte er, ‚sind Juden, die außer Landes verwiesen werden. Und das ist gut so.‘“ Nachbarn und Anwohner des Viertels kamen nicht umhin, von den Deportationen zu erfahren.

Anna von Villiez ist promovierte Geschichtswissenschaftlerin und Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte der Israelischen Töchterschule in der Trägerschaft der Hamburger Volkshochschule. Sie gedenkt der jüdischen Opfer in ihrer Kundgebungsrede und fordert eine dauerhafte Gedenktafel mit den Namen aller im Sommer 1942 deportierten Jüdinnen und Juden. Bisher befindet sich nur eine Tafel am Eingang der S-Bahn-Station, die namenlos an die Deportationen erinnert.

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Anna von Villiez: Erinnerung muss erkämpft werden

Die Namen vieler Jüdinnen und Juden geraten in Vergessenheit. Kein Stolperstein erinnert an das Schicksal der an Typhus verstorbenen Hilde Dublon. Sie geht in der anonymen Masse unter. Doch das Ringen um eine Würdigung und das Gedenken an die jüdischen Schicksale sei unverändert wichtig, sagt Villiez. „Erinnerung an staatliches Unrecht als Mahnmal und Würdigung der Opfer im öffentlichen Raum musste und muss immer wieder erstritten werden und passiert nicht von alleine.“

Die Erinnerung müsse fortwährend erkämpft werden, fordert sie. In dieser Woche befinden sich die Namen aller deportierten Jüdinnen und Juden auf den angeklebten Papierbögen am Schultor. Wann ein dauerhaftes Mahnmal vor Ort das Provisorium am Tor ersetzt, ist offen. An der Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof in der HafenCity existiert bereits eins, das die Namen aller Deportierten trägt.

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