Hamburg

Wilhelmsburgs Krankenhaus Groß-Sand kämpft ums Überleben

| Lesedauer: 6 Minuten
Christoph Rybarczyk und Peter Wenig
Das Hamburger Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg. Eine Rettungs-Allianz will das finanziell angeschlagene Krankenhaus umbauen.

Das Hamburger Krankenhaus Groß-Sand in Wilhelmsburg. Eine Rettungs-Allianz will das finanziell angeschlagene Krankenhaus umbauen.

Foto: Michael rauhe

Hamburgs größter Stadtteil hat 54.000 Einwohner – und ein Krankenhaus, dem das Aus droht. Aber es gibt es Hoffnung.

Hamburgs größter Stadtteil Wilhelmsburg kämpft um sein Krankenhaus Groß-Sand. Die ebenso wie das katholische Erzbistum in die finanzielle Schieflage geratene Klinik sollte schon vor gut einem Jahr verkauft werden. Mehrere Interessenten haben nach Informationen des Hamburger Abendblatts abgesagt.

Grund sind nicht nur sanierungsbedürftige Gebäude – mitunter teilen sich zwei Mehrbettzimmer ein Bad. Es liegt auch an Pensionszusagen in zweistelliger Millionenhöhe, die auf Groß-Sand und der St. Bonifatius Gemeinde lasten. Die Gemeinde, die offenbar große Schwierigkeiten hat, das Krankenhaus auf solide Füße zu stellen, hatte das Erzbistum um Hilfe gebeten.

Krankenhaus Groß-Sand: Unsicherheit bei Mitarbeitern

Unter den 450 Mitarbeitern wie Ärzten und Pflegern herrscht große Unsicherheit. Das 200-Betten-Haus, so heißt es, sei zu klein, um zu überleben und eigentlich zu groß, um zu sterben. Und auch die Wilhelmsburger fragen sich: Wie kann die medizinische Versorgung für 54.000 Menschen auf der Elbinsel gewährleistet werden? Nach Abendblatt-Informationen hat sich in Hamburg eine Allianz gebildet, die das Aus oder den Ausverkauf an einen privaten Betreiber verhindern will.

Das Erzbistum kann Groß-Sand nicht in seine Krankenhaus-Gruppe integrieren. Wichtigster Grund: Die Gruppe um das Marienkrankenhaus Hamburg und Lübeck sowie das Kinderkrankenhaus Wilhelmstift würde direkt „in die Knie gehen“, wie es von Insidern hieß. Deshalb gibt es Pläne, Groß-Sand zu einem Gesundheitszentrum auszubauen, in dem vor allem ambulante Leistungen angeboten werden – mit angegliedertem Klinikbetrieb.

Hamburgs KV: Groß-Sand retten und wirtschaftlich betreiben

Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KV) ist dazu bereits mit dem Erzbistum in Gesprächen. Auch Krankenkassen sind nach Abendblatt-Informationen dabei. KV-Chef Walter Plassmann sagte dem Abendblatt: „Wir haben ein großes Interesse daran, dass Groß-Sand in Wilhelmsburg bleibt und sich auch wirtschaftlich rechnet.“

Christoph Schmitz, Geschäftsführer von Groß-Sand und Marienkrankenhaus, sagte: „Es gibt Pläne, in Groß-Sand ein Stadtteil-Gesundheitszentrum aufzubauen. Dazu ist die bisherige Struktur mit dem Medizinischen Versorgungszentrum als Grundlage hervorragend geeignet.“

Die Krankenkassen unterstützen bereits das Modellprojekt, nach dessen Idee Groß-Sand künftig arbeiten könnte, den Gesundheitskiosk Billstedt. Dort entstand eine Art Beratungsstelle in einem Umfeld mit hohem Migrantenanteil, die als Lotse für Patienten fungiert. Gesundheitsberatung in mehreren Sprachen, Prävention und praktische Lebenshilfe sind Teile davon. Außerdem werden die mit dem deutschen Gesundheitswesen oft überforderten Patienten in die richtigen Praxen geschickt oder ins Krankenhaus.

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Wilhelmsburg: Kaum Privatpatienten

In Groß-Sand, so die Idee, wären diese Behandlungen gleich vor Ort. Auch in Wilhelmsburg gibt es kaum Privatpatienten, die ein Krankenhaus- oder Praxis-Standort braucht. Vielen Zugewanderten ist nicht klar, dass in Hamburg das Netz von niedergelassenen Ärzten das Gros der Behandlungen macht, für die man in anderen Ländern ins Krankenhaus muss. Die meisten Hamburger Krankenhäuser sind zwar „Vollversorger“, aber eben auch spezialisiert und haben schwere Fälle im Blick.

In Klinikkreisen heißt es, einen Umbau Groß-Sands könne man leicht kompensieren. Patienten könnten in wenigen S-Bahn-Minuten andere Häuser erreichen. Und schwere, akute Erkrankungen, Herzinfarkte oder Schlaganfälle, müssten ohnehin in den dafür vorgesehen Notfallzentren behandelt werden.

Groß-Sand: In die Notaufnahme kommen Patienten überwiegend zu Fuß

Die Zentrale Notaufnahme in Groß-Sand könnte bleiben, müsste aber umgebaut werden. Geschäftsführer Schmitz sagte: „In die Notaufnahme kommen überwiegend und tagsüber Patienten zumeist fußläufig, die großteils ambulant behandelt werden. Die medizinischen Abläufe und Strukturen müssen sich gemessen an Aufwand und Effizienz an dieser Tatsache orientieren.“

Hamburgs KV hat Erfahrung mit solchen „Irrläufern“. Sie betreibt sogar im UKE eine Hausarztpraxis. Dorthin kommen inzwischen viele, die zwar in die Notaufnahme des Universitätsklinikums wollen, aber bei einem Allgemeinmediziner besser aufgehoben wären.

Erzbistum scheut Gespräche mit "weltlichen" Klinikbetreibern wie Asklepios

Für Groß-Sand wäre das neue Konzept eine Alternative zum Verkauf. Auch eine Unternehmensberatung ist mit dem Auftrag gescheitert, ein tragfähiges Konzept für das Krankenhaus zu entwerfen. Dadurch entstanden ebenfalls Kosten, die das arg gebeutelte Erzbistum gerne vermieden hätte. Nach der Ankündigung, mehrere katholische Schulen in Hamburg schließen zu müssen, wurde die Kirche vom gewaltigen Echo kalt erwischt. Dasselbe könnte passieren, wenn Groß Sand abgewickelt würde. Überhaupt scheut das Bistum die Kontakte zu den „weltlichen“ Krankenhausbetreibern wie Asklepios.

Immerhin wurde eine Beteiligung der Agaplesion-Gruppe (protestantisch; gemeinnützige Aktiengesellschaft) in Erwägung gezogen. Agaplesion betreibt in Eimsbüttel das Diakonie-Klinikum (früher Elim). Groß-Sand-Geschäftsführer Schmitz sagte: „Wir brauchen für Groß-Sand einen großen Partner, um die wirtschaftliche Zukunft zu sichern.“

Erzbistum Hamburg will Gespräche mit dem Senat

Von der neuen Sozial- und Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard (SPD) erwarten Patienten, Ärzte, Krankenkassen und Erzbistum nun eine helfende Hand. Es gebe „umfassenden Renovierungsbedarf“ in Groß-Sand, heißt es. Ein neuer Trakt soll ebenfalls entstehen. Finanzieren müsste das qua Gesetz der Senat. Die frühere Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) soll die Rettungs-Allianz unterstützt haben.

Die Kassenärzte haben einen Topf, den sie für „Ambulantisierungs-Projekte“ wie Wilhelmsburg anzapfen können. Die Krankenhäuser verfügen ebenfalls über einen millionenschweren Strukturfonds zum „Umbau“, sprich: Eindampfen von stationären Kapazitäten.

Was fehlt, ist ein Signal des Senates. Das Erzbistum will die Gespräche vorantreiben. Wilhelmsburg zählt zum Kreis SPD-Mitte. Dort wirken Carola Veit (Bürgerschaftspräsidentin), Andy Grote (Innensenator), Dirk Kienscherf (Fraktionschef) und Falko Droßmann (Bezirksamtsleiter). Groß-Sand könnte kaum stärkere Fürsprecher haben.

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