Die Woche im Rathaus

Der Auftrag: Erste Hilfe für die Hamburger Innenstadt

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Andreas Dey
SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf warnt vor Kassandrarufen: „Wir haben keine Untergangsstimmung.“

SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf warnt vor Kassandrarufen: „Wir haben keine Untergangsstimmung.“

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Strukturwandel im Einzelhandel, Umsatzrückgang durch Corona – Politik sucht Wege, die City zu beleben. Bündnis trifft sich im August.

Hamburg. Der Befund war schonungslos. „Es ist doch gruselig, an einem Dienstag um 22 Uhr über die Mönckebergstraße zu gehen. Das ist ein totes Quartier, und es geht darum, um es ganz hart zu sagen, dass wir diese Quartiere retten.“

Die Aussage des neuen Co-Fraktionschefs der Grünen, Dominik Lorenzen, am Montag im Abendblatt-Interview mag vielleicht die patriotischen Gefühle überzeugter Hamburger verletzt haben. Doch wer mit offenen Augen durch die Innenstadt geht, muss zugeben, dass Lorenzen einen wunden Punkt berührt hat.

Hamburger Innenstadt: Leerstände keine Seltenheit

Ob an der Mönckebergstraße, an der Spitalerstraße oder in manchen Passagen: Leerstände sind keine Seltenheit mehr. Mit dem Karstadt-Sporthaus und Galeria Kaufhof sollen nun auch noch zwei große Häuser in zentraler Lage schließen. Die Verkehrssituation an der Mönckebergstraße, auf dem Jungfernstieg oder am Großen Burstah ist unbefriedigend, die Innenstadt und die aufstrebende HafenCity sind durch die mehrspurige Willy-Brandt-Straße voneinander abgeschnitten, und am Abend werden in der City mangels Bewohnern die Bürgersteige hochgeklappt. Da kann’s einen schon mal gruseln.

Lorenzens Theorie: Als „zentraler Treffpunkt für Freizeit, Gastronomie und Einzelhandel“ habe die City zwar eine Zukunft. Aber: „Was wir nicht mehr brauchen, ist eine Innenstadt nur mit reinen Verkaufsstätten mit gigantischen Nettoverkaufsflächen ohne ein Drumherum.“

Auch Handelskammer stellte Rettungsplan für die Innenstadt vor

Dass er mit dieser Einschätzung keinesfalls allein steht, zeigte sich schon am Dienstag, als die Handelskammer einen Rettungsplan für die Innenstadt vorstellte. Er rechne schon in der zweiten Jahreshälfte mit weiteren Insolvenzen und in der Folge mit Leerständen, mahnte Präses Norbert Aust und forderte unter anderem einen zusätzlichen verkaufsoffenen Sonntag im Advent.

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SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf hält die Kassandrarufe dagegen für dezent übertrieben. „Wir haben keine Untergangsstimmung“, sagte er dem Abendblatt. „Es kommt derzeit nur einiges zusammen. Der Strukturwandel im Einzelhandel wird durch Corona noch verstärkt.“

Wegen Corona: Menschen kaufen noch mehr im Internet

In der Tat. Die Online-Konkurrenz gräbt dem traditionellen stationären Handel schon länger das Wasser ab, doch da viele Menschen pandemie-bedingt an die eigenen vier Wände gefesselt sind, wird noch mehr im Internet gekauft. Zudem ist der Tourismus fast vollständig zum Erliegen gekommen, es gibt kaum noch Geschäftsreisende, und viele frühere Pendler sitzen im Homeoffice und gehen nicht mehr in der Mittagspause oder nach Feierabend mal schnell in der City shoppen – letztere Punkte treffen die City deutlich härter als kleinere Stadtteilzentren.

Kienscherf sieht in der Situation aber auch eine „Chance“, sich Gedanken über die Attraktivität der Hamburger Innenstadt zu machen. Dabei fängt die Politik keineswegs bei null an. Spätestens seit sich die entscheidenden Akteure und Verbände im Herbst 2019 zum „Bündnis für die Innenstadt“ zusammengeschlossen haben, wird das Thema in regelmäßigen Treffen bei Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) bewegt – das nächste Mal am 5. August. „Wir fühlen uns da gut wahrgenommen“, sagt City-Managerein Brigitte Engler. Auch aufgrund dieser Runden gibt es im neuen Koalitionsvertrag von SPD und Grünen bereits ein eigenes Kapitel: „Hamburgs Innenstadt beleben“.

Jungfernstieg wird für privaten Autoverkehr gesperrt

Die zwei Din-A-4-Seiten zeigen allerdings nicht nur Lösungen auf, sondern dokumentieren auch, wie vielschichtig das Problem ist. Da ist zum einen die Verkehrssituation: Als die Grünen im Sommer 2019 ihr Konzept für eine „autoarme“ Innenstadt vorstellten, waren sie selbst von den überwiegend wohlwollenden Reaktionen überrascht. In Folge gründete sich sogar eine Volksinitiative für eine weitgehend autofreie City, und kurz vor der Wahl schwenkte dann auch die bis dahin eher skeptische SPD unter Bürgermeister Peter Tschentscher um.

Mittlerweile ist es besiegelt, dass der Jungfernstieg und die Bergstraße für den privaten Autoverkehr gesperrt werden – auch wenn manche Geschäftsleute das noch kritisch sehen. Vermutlich werden auch die Einkaufsstraßen im Passagenviertel wie Große Bleichen und Neuer Wall zumindest zeitweise zu Fußgängerzonen. Der Umbau des Ballindamms, wo aus vier Fahrspuren zwei werden und dafür großzügige Fußwege und Radwege entstehen, ist bereits in vollem Gange. Selbst die CDU, die sich lange als Vorkämpferin der Autofahrerlobby gegeben hatte, ist mit dieser Verkehrsplanung weitgehend einverstanden.

Verschwindet der Busverkehr auch von der Mönckebergstraße?

Kniffliger ist das Thema Mönckebergstraße, die schon lange dem Bus- und Taxiverkehr vorbehalten ist. Die Grünen hätten den Busverkehr gern komplett in die Steinstraße verlagert, um die zentrale Shoppingmeile attraktiver zu machen – aber die SPD hat noch Zweifel, wie der enorm breite Straßenraum dann „bespielt“ werden soll. „Mindestens ein Teil der Buslinien“, so der rot-grüne Koalitionsvertrag, soll aber verlagert werden – die aktuelle Baustelle für den barrierefreien Ausbau der U-Bahn-Station Mönckebergstraße, die den Händlern ebenfalls große Sorgen bereitet, zwingt ohnehin zu solchen Überlegungen.

Coronavirus: Beliebte Treffpunkte in Hamburg fast menschenleer:

Umstritten ist hingegen die Zukunft der Willy-Brandt-Straße: Während die CDU den Vorschlag der Handelskammer, die ehemalige Ost-West-Straße in einen Tunnel zu verlegen, aufgegriffen und vor der Wahl als „Vision“ für das Zusammenwachsen von Altstadt und HafenCity angepriesen hatte, ist Rot-Grün skeptisch – hinsichtlich der technischen Machbarkeit und der Kosten. Hier setzt die Koalition eher auf kosmetische Korrekturen, die den Übergang zum Hafen attraktiver machen sollen.

Große Hoffnungen ruhen auf Naturkundemuseum

Relativ einig sind sich Politik und Geschäftsleute hingegen, dass die „Aufenthaltsqualität“ in der Innenstadt erhöht werden muss. So sollen auf dem Rathausmarkt die grünen Pavillons saniert und in dem Zuge eventuell auch höherwertige Gastronomie angesiedelt werden. Der städtebaulich reizvolle, aber als Parkplatz missbrauchte Burchardplatz soll ebenso aufgewertet werden wie der zentrale Gerhart-Hauptmann-Platz. „Die Veränderungen, die wir vornehmen wollen, sind ein Zugewinn an Lebensqualität“, umschrieb es Grünen-Fraktionschef Lorenzen.

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Große Hoffnungen setzen die Innenstadt-Akteure in das künftige Naturkundemuseum, das sie sich als Nachnutzer der Kaufhof-Immobilie vorstellen können. Allerdings ist der rot-grüne Senat hier noch zurückhaltend, zum einen, weil auch ein Standort in der HafenCity im Gespräch ist, zum anderen, weil die Mitarbeiter von Galeria Karstadt Kaufhof noch um den Erhalt ihrer Häuser und Jobs kämpfen – zuletzt mit einer Protestaktion am Freitag.

Auch Wohnungen fehlen in der Hamburger Innenstadt

Dritte große Baustelle in der City neben Verkehr und Aufenthaltsqualität sind die fehlenden Wohnungen: Keine 2500 Menschen sind in der Altstadt zwischen Binnenalster und Hafenrand gemeldet – wer ein ruhiges Plätzchen am Abend sucht, ist hier richtig. Dass das für die City der zweitgrößten deutschen Stadt eher unpassend ist, treibt die Politik seit Jahren um – ändern lässt es sich aber nur sehr zäh. Die meisten Gebäude in der Innenstadt seien nun mal als Handels- oder Bürostandorte geplant worden, sagt Kienscherf, und ließen sich daher kaum zum Wohnen nutzen. Punktuell achte man aber darauf, dass bei Neubauprojekten auch Wohnungen entstehen – etwa im neuen City-Hof oder auf dem früheren Allianz-Gelände am Großen Burstah. Als wegweisend gilt ein Projekt von Altstadt-Bewohnern, die das Parkhaus an der Neuen Gröningerstraße in Wohnungen umwandeln wollen.

Einen Menschenschlag trifft man rund ums Rathaus übrigens auch am Abend relativ häufig – Politiker. Die sind dann meistens auf dem Weg nach Hause, raus aus der City.

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