Nord-Ostsee-Kanal

Zeitzeuge: „Nun grüßen sich die deutschen Meere“

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Edgar S. Hasse
Wilhelm II. besichtigt von Bord der „Hohenzollern“ den Bau der Hochbrücke in Holtenau.

Wilhelm II. besichtigt von Bord der „Hohenzollern“ den Bau der Hochbrücke in Holtenau.

Foto: picture-alliance

Vor 125 Jahren weihte Kaiser Wilhelm II. den zunächst nach ihm benannten Nord-Ostsee-Kanal ein. Auch kolonialpolitische Gründe.

Hamburg. Mehr als „150 Ritter der Feder“ nahmen an der festlichen Einweihung des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) im Juni vor 125 Jahren teil. Es waren die „ausgesuchtesten und schneidigsten Redakteure der Welt“, die über das glanzvolle Spektakel des noch jungen Deutschen Reiches berichteten, so die Chronisten. Die Kampagne wurde mit einem Enthusiasmus und Aufwand inszeniert, der bestimmt „Wumms“ genannt worden wäre, hätte der Stichwortgeber des Corona-Kraftpakets der Bundesregierung, Olaf Scholz, damals bereits Politik gemacht.

Im Zentrum des Festes, das vom 19. bis 21. Juni 1895 gefeiert wurde, stand mit dem knapp 100 Kilometer langen Nord-Ostsee-Kanal ein soeben vollendetes Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst. Wovon bereits die Wikinger geträumt hatten und was der Eider-Kanal nur unzureichend vermochte, war in der Bauzeit von 1887 bis 1895 schließlich geglückt: eine breite Verkehrsader zwischen Nord- und Ostsee. Der lästige, teure und häufig stürmische Seeweg durch Skagerrak und Kattegat (rund 250 Seemeilen) gehörte damit der Vergangenheit an.

Auf einer 6000 Quadratmeter großen Insel wurde Kaffee, Kuchen und Tee serviert

Im Mittelpunkt der Schlusssteinlegung, der am 21. Juni 1895 in Kiel-Holtenau viele geladene Gäste beiwohnten, stand neben dem Kanal natürlich Kaiser Wilhelm II., der – einen Tropenrock tragend – in der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ samt Familie sich die Ehre gab. Das Outfit war kein Zufall, denn das Deutsche Reich trachtete nach der Ausdehnung seines Kolonialbesitzes.

Bereits zwei Tage zuvor waren die Festivitäten in Hamburg gestartet. Zum Wohlgefallen Seiner Majestät hatten die Hanseaten auf der Außenalster eine künstliche, 6000 Quadratmeter große Insel angelegt, auf der Kaffee, Kuchen und Tee serviert wurden. Danach startete der Kaiser mit seiner Yacht zur Fahrt auf der Elbe und dann durch den neu erbauten Kanal. „Die Durchfahrt des Kaisers erfolgte bei brausendem Jubel der nach vielen Tausenden zählenden Menschenmenge“, notierten die Chronisten. Zeitzeuge Johannes Barbeck dichtete im „Rendsburger Wochenblatt“:

„Nun ist das große Werk beendet / der letzte Spatenstich gethan / Was groß ersonnen / groß vollendet / Die Furth vom Meer zum Ocean / Geschaffen zu des Reiches Wehre / vervielfacht sie der Flotte Kraft / Nun grüßen sich die deutschen Meere / In engster Waffenbrüderschaft.“

Moltke führte lange Zeit den Widerstand gegen das Projekt

Tatsächlich war es Reichskanzler Otto von Bismarck mit seiner Überredungskunst gelungen, die Eliten im Reich für den Bau des Nord-Ostsee-Kanals zu gewinnen. Es hatte sich nämlich Widerstand in Gestalt des einflussreichen Generalfeldmarschalls und Reichstagsabgeordneten Helmuth Graf von Moltke formiert. Der Heeresoffizier wollte das Geld lieber in den Ausbau des Heeres und der Flotte investieren – und nicht in einen auf Handel und Wandel zielenden Kanal. Mit einer flammenden Rede konnte Moltke den Reichstag überzeugen, den Antrag abzulehnen, eine künstliche Wasserstraße quer durch Schleswig-Holstein zu bauen. Bismarck gelang es jedoch, den flottenbegeisterten Kaiser Wilhelm I. mit dem herbeigezogenem Argument zu überzeugen, der Kanal sei unverzichtbar für den Aufbau einer starken, mobilen Flotte, die für die kolonialen Pläne gewappnet ist.

Aus wirtschaftlicher Sicht plädierte derweil der Hamburger Reeder Heinrich Hermann Dahlström für diese Wasserstraße und legte 1878 eine Machbarkeitsstudie vor. Angesichts seines erfolgreichen Vorstoßes wurde Dahlström alsbald respektvoll „Kanalström“ genannt.

So gab der kaiserliche Hof 1886 in einem Erlass bekannt: „Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen, verordnen, dass ein für die deutsche Kriegsflotte geeigneter Schiffskanal von der Elbmündung über Rendsburg nach der Kieler Bucht hergestellt wird.“

Dem gelernten Land- und Wasserbauer Otto Baensch, 1825 in Zeitz (Sachsen-Anhalt) als Sohn eines Postsekretärs geboren, oblag die Herkulesaufgabe, den Kanal zu bauen. Meriten hatte sich der Inspektor bereits beim Bau der Ruhr-Sieg-Eisenbahn und der Regulierung der Elbe von der sächsischen Grenze bis Hamburg verdient. Nun suchte er Tausende Arbeiter, die aus allen Teilen Europas nach Schleswig-Holstein strömten, um Geld zu verdienen. Zeitweise waren fast 9000 Männer im Einsatz. Es durften aber nur Leute beschäftigt werden, die nicht einer „anarchistischen oder sozialdemokratischen Partei“ angehörten.

Schweiß, Blut und Tränen

Wer den Job bekam, wurde in Barackenlagern mit angeschlossenem Lazarett untergebracht und kam in den Genuss von Sozialleistungen. Allerdings waren die Arbeiten, bei denen 80 Millionen Kubikmeter Boden bewegt, Trocken- und Nassbagger, 90 Lokomotiven, 2500 Kipploren und 133 Schlepper eingesetzt wurden, häufig mit Gefahren verbunden. Bis zu 90 Arbeiter sollen beim Bau ums Leben gekommen sein.

Bei den Feierlichkeiten für das 156 Millionen Goldmark teure Jahrhundertbauwerk, das fortan Kaiser-Wilhelm-Kanal hieß, waren Schweiß, Blut und Tränen freilich längst vergessen. „Heil Dir im Siegerkranz“, schallte es am 21. Juni vor 125 Jahren über Kiel-Holtenau, während die Damen sich nach Chronistenangaben „mit jenen außerordentlich großen, reichdekorierten Hüten zeigten, welche die neueste Pariser Mode uns beschert hat“. Auf die Partygäste wartete hernach ein Dinner mit Heidelberger Forellen, Lendenbraten mit Perigord-Trüffeln sowie Hummer auf Gloucester Art.

Meistbefahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt

Längst ist der Kiel Canal, wie er international heißt, die meistbefahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Jährlich passieren rund 30.000 Schiffe (ohne Sportboote) in achtstündiger Fahrt die Strecke. Der Nord-Ostsee-Kanal ist elf Meter tief und inzwischen maximal 162 Meter breit. Zum Gesamtwerk gehören vier Schleusen (Kiel-Holtenau, Brunsbüttel, Strohbrück und die Gieselauschleuse), zehn Brücken, zwei Tunnel und 14 Fähren, darunter die Schwebefähre Rendsburg. Das 125 Jahre alte Bauwerk muss modernisiert werden. Dazu zählen der Neubau einer fünften Schleusenkammer in Brunsbüttel, der nun weitere zwei Jahre dauern wird. Weitere Maßnahmen sind nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamtes Kiel-Holtenau die Vertiefung des Kanals, die Kurvenoptimierung und die Sanierung der Schleuse Holtenau.

Gern hätte die Region das Jubiläum groß gefeiert. Doch Corona hat auch das gestoppt. Ein neuer Termin steht fest – und der Name der Aktion auch: „125 NOK plus 1“ vom 4. bis 6. Juni 2021.

Der Kanal-Erbauer

  • Eine Gedenktafel erinnert in der Rahnestraße 16 in Zeitz (Sachsen-Anhalt) an den Erbauer des Nord-Ostsee-Kanals. Dort kam Otto Baensch am 6. Juni 1825 auf die Welt, dort war er Ehrenbürger. Seine Verdienste um den Bau des Nord-Ostsee-Kanals würdigte das Deutsche Reich mit der Ernennung zum Kaiserlichen Wirklichen Geheimen Rat und dem Titel „Exzellenz“. Zu seinem Lebenswerk gehören auch Deich- und Uferschutzbauten in Schleswig-Holstein und die Regulierung des Mains von Frankfurt bis Mainz. Dadurch wurde eine Steigerung des Schiffsverkehrs um rund 100 Prozent möglich. Baensch starb 1898 in Berlin. (esh)

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