Hamburg

Peter Tschentscher über Macht: "Die Bürger erwarten Taten"

| Lesedauer: 22 Minuten
Andreas Dey und Peter Ulrich Meyer
Corona, Radwege, Autoverkehr, HSV: Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Interview im Bürgermeisteramtszimmer

Corona, Radwege, Autoverkehr, HSV: Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im Interview im Bürgermeisteramtszimmer

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services / MARCELO HERNANDEZ / FUNKE Foto Services

Erstes Interview nach der Wiederwahl: Peter Tschentscher über Ärger mit der Frauenquote, rot-grüne Verhältnisse, Corona und Fußball.

Hamburg. Rund ein Vierteljahr lang war der alte Hamburger Senat unter Peter Tschentscher nach der Wahl nur noch geschäftsführend im Amt. Seit Mittwoch ist dieser Makel nun beseitigt: Die Bürgerschaft hat den Sozialdemokraten erneut mit großer Mehrheit zum Bürgermeister gewählt und auch seinen neuen Senat bestätigt. Kurz darauf stellte sich Tschentscher den Fragen des Abendblatts.

Hamburger Abendblatt: Herr Tschentscher, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl! Sind Sie erleichtert darüber, dass der Senat nun dreieinhalb Monate nach der Bürgerschaftswahl endlich steht?

Peter Tschentscher: Ja. Wir waren aus guten Gründen bislang nur weiter geschäftsführend im Amt. Es ist aber immer besser, dass nach einer Bürgerschaftswahl auch ein neuer Senat gewählt wird. Das ist nun gelungen, und ich freue mich, dass das mit allen Stimmen der SPD- und der Grünen-Fraktion erfolgt ist.

Wie schwer fiel es Ihnen, Koalitionsverhandlungen unter den Corona-Bedingungen mit großen Abständen im Großen Festsaal zu führen?

Es ist zum Beispiel schwieriger, in einem so großen, distanzierten Rahmen eine Frage „auf dem kleinen Dienstweg“ eine Frage zu klären. Es ist schwieriger, aber es ist gelungen.

Sie haben das Amt 2018 ohne Wahl übernommen, jetzt erstmals einen erfolgreichen Wahlkampf geführt und eine Regierungskoalition gebildet. Hat sich Ihre Rolle jetzt verändert?

In meiner Wahrnehmung nicht. Das Amt an sich hat immer Anforderungen, die man ernst nehmen muss. Ich nehme es weiterhin genau so wahr wie in den vergangenen zwei Jahren.

"Das geht nicht"

Unserem Eindruck nach können Sie jetzt Ihre Positionen leichter durchsetzen. Man hat aus den Verhandlungen häufig gehört, dass Entscheidungen auf Ihren ausdrücklichen Wunsch hin getroffen wurden. Teilen Sie die Einschätzung?

Was mich in den Verhandlungen vielleicht in eine besondere Rolle gebracht hat, ist die Überzeugung, dass alles, was vereinbart wird, von mir persönlich zu verantworten ist. Als Erster Bürgermeister habe ich eine Gesamtverantwortung für die Stadt, nicht nur für diejenigen, die mich jetzt gewählt haben. Wenn ein Bürgermeister persönlich dafür stehen muss, ist er weniger bereit, Kompromisse einzugehen, die er nicht in vollem Umfang akzeptiert. Deswegen habe ich an einigen Stellen sagen müssen: Das geht nicht.

Wo war das?

Zum Beispiel bei dem uneingeschränkten Bekenntnis zum Hafen und zum Flughafen. Ich habe sehr klar gemacht, dass ich keine Einschränkungen der Betriebszeiten des Flughafens akzeptieren werde. Das sind Leitplanken, die andere auch akzeptiert haben. Ich bin dankbar, dass die, die mitverhandelt haben, die Verantwortung und besondere verfassungsrechtliche Stellung des Bürgermeisters respektiert haben.

Sie spielen auf die Richtlinienkompetenz des Bürgermeisters an?

Ja, aber auch auf die praktische Situation, dass die Bürgerinnen und Bürger vom Bürgermeister erwarten, dass er zu allem steht, was passiert. Sie erwarten nicht, dass ich sage: Das haben wir zwar so vereinbart, aber ich finde das eigentlich nicht richtig. Die Menschen erwarten Klarheit. Das gilt auch für meine Ansagen als Spitzenkandidat im Wahlkampf, an die ich mich gebunden fühle.

SPD und Frauenquote – heikel?

Wir haben noch ein Beispiel: Sie haben gegen Widerstände in der eigenen Partei an den bisherigen SPD-Senatoren festgehalten, trotz der niedrigen Frauenquote. Warum war Ihnen das so wichtig?

Mir ist die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern auch an hohen Ämtern im Staat sehr wichtig. Deswegen ist es mir nicht leichtgefallen, jetzt einen Vorschlag zu machen, der unseren Anforderungen an die Quotierung nicht entspricht. Es war aber nötig, weil wir mit der Corona-Pandemie in einer besonderen Situation sind. Wir haben Senatsmitglieder, die sehr kompetent, erfolgreich, anerkannt und seit Jahren tätig sind. In dieser immer noch krisenhaften Situation brauchen wir alle an Bord. Ich habe den Vorschlag mit dem Versprechen verbunden, die Quotierungsansprüche zu erfüllen, sobald es eine Möglichkeit gibt.

Haben Sie das nur allgemein versprochen, oder gibt es schon konkretere Überlegungen?

Nein, das habe ich nicht präzisiert, aber es ist ein ernstes Versprechen. Das heißt: Bei einer Neubesetzung im Senat werde ich eine Frau benennen.

Wie überrascht waren Sie, dass die Grünen den bisherigen Justizsenator Till Steffen durch Anna Gallina ersetzt haben, um die Frauenquote einzuhalten?

Ich war nicht überrascht, hatte aber auch keine eigenen Annahmen hierzu. Die Koalitionsvereinbarung besteht darin, dass beide Seiten eigenständig entscheiden, welche Personen sie für die jeweiligen Ressorts vorschlagen.

Peter Tschentscher zum Bürgermeister gewählt - und vereidigt

Ist die vehement vorgetragene Forderung nach einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis für Sie eigentlich nachvollziehbar oder nur sekundär?

Das ist sehr nachvollziehbar. Wenn wir in der Koalition nach einem Regierungswechsel neu angefangen wären, hätte ich mich auch anders entschieden. Aber jetzt eine neue Person zu wählen, die sich erst einarbeiten muss, um sich die Besonderheiten der Behörde und der Ämter zu erschließen, ist die zweitbeste Lösung. Für mich stand im Vordergrund, dass wir jetzt in der Coronakrise die bestmögliche Performance für die Stadt abliefern.

Anna Gallina als "zweitbeste Lösung"?

Also haben die Grünen mit dem Senatorenwechsel in der Justiz die zweitbeste Lösung gewählt?

Das lässt sich von unserer Seite aus nicht einfach übertragen. Ich gehe davon aus, dass sich die Grünen ähnliche Gedanken gemacht haben, aber zu einem anderen Ergebnis gekommen sind. Ich beziehe mich auf unsere SPD-Mitglieder, die im Senat außerordentlich gute Arbeit gemacht haben, und bedaure sehr, dass uns Frau Prüfer-Storcks als Gesundheitssenatorin abhanden gekommen ist. Sie war eine tragende Säule, eine starke Kraft in der politischen Arbeit.

Sie haben die in der Coronakrise zentrale Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz aufgeteilt, weil angesichts der neu hinzugekommenen Verkehrsbehörde ein Ressort eingespart werden musste. Das war also eine Frage der Arithmetik und weniger der klugen Politik.

Es gab eine Ausgangssituation, in der wir so entscheiden mussten. Bei einem schlechteren Abschneiden der SPD bei der Bürgerschaftswahl hätten wir noch ganz andere Kompromisse beim Behördenzuschnitt und der Ressortverteilung machen müssen. Mir war es ein großes Anliegen, dass mit der Aufteilung der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz keine Schwächung dieses Bereichs, sondern eine Stärkung erfolgt. Zum einen haben wir die Gesundheit mit einem eigenen Staatsratsposten ausgestattet, zum anderen gibt es viele Synergien zwischen den Bereichen Gesundheit und Soziales, die jetzt von Senatorin Melanie Leonhard verantwortet werden. Es wird zu keinen qualitativen Einbußen in diesem Politikfeld kommen.

Verhältnis zu Jens Kerstan zerrüttet?

Im Wahlkampf haben SPD und Grüne sich relativ stark beharkt, jetzt wirkt das Verhältnis harmonisch. Was ist passiert?

Der Wahlkampf ist beendet. Wir haben uns mit der demokratischen Entscheidung der Wählerinnen und Wähler abzufinden. Das ist beiden Seiten nicht schwer gefallen, denn wir haben uns beide sehr bestätigt gefühlt. Die Grünen durch die deutliche Verbesserung ihres Ergebnisses, wir durch das bundesweit herausragende Ergebnis für die SPD und einen beachtenswerten Abstand zu allen anderen Fraktionen. Es ist unsere demokratische Pflicht, dass wir jetzt auf Grundlage des Wahlergebnisses eine gute Regierung bilden.

Das Verhältnis zwischen Ihnen und Umweltsenator Jens Kerstan galt als zerrüttet. Jetzt sitzen Sie wieder am Kabinettstisch zusammen. Nennt man das Koalitionsräson?

Das nennt man vernünftige Analyse. Die Ereignisse, auf die Sie hinweisen, haben sich in den letzten Monaten vor der Wahl ereignet. Wir haben vereinbart, dass mit dieser neuen Koalition die Zusammenarbeit wieder so ist wie vor dem Wahlkampf – vertrauensvoll und partnerschaftlich. Man kann intern kritische Diskussionen führen, muss die Entscheidungen dann aber nach außen gemeinsam vertreten.

Rot-Grün hat eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament und so viel Macht wie kaum ein Senat zuvor. Was bedeutet das für Sie?

Ich bin dadurch zuversichtlich, dass wir die großen Probleme, die in der Folge der Corona-Pandemie vor uns liegen und die größer sind als in den Zeiten zuvor, gemeinsam gut lösen können. Und wir wollen darüber hinaus unsere bisherige erfolgreiche Politik fortsetzen: weiterhin 10.000 Wohnungen jedes Jahr bauen, den Mietenanstieg stoppen, gute, kostenlose Kita-Plätze bereitstellen, für gute Bildung sorgen und die Wirtschaft stärken. Und dann wollen wir noch drei neue Ziele erreichen: eine Mobilitätswende umsetzen, die Digitalisierung voranbringen und den Klimaschutz sicherstellen. Da hilft es schon, wenn wir eine starke parlamentarische Mehrheit haben. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit bedeutet andererseits auch, dass wir uns Gedanken machen müssen über die Rechte der Opposition. Parlamentarische Demokratie braucht auch immer eine starke Opposition. Deswegen wollen wir die Minderheitenrechte stärken.

Was bedeutet Macht überhaupt für Sie als Bürgermeister?

Gestaltungsmöglichkeiten. Das Wort „Macht“ hat einen negativen Beiklang, weil es auch Unterdrückung und Stärke im negativen Sinne vermittelt, unter der man auch leiden könnte. In der Politik sind Machtoptionen Durchsetzungs- und Gestaltungsmöglichkeitenoptionen. Bürger erwarten nicht nur Ansagen, sondern sie erwarten, dass den Worten auch Taten folgen. In diesem Sinn ist die Macht einer breiten politischen Mehrheit auch etwas Positives.

Autoverkehr zurückdrängen? "Nein, er wird ersetzt"

Die Grünen wollen, freundlich verpackt, den Autoverkehr zurückdrängen. Ist das auch Ihre Zielrichtung?

Nein, zurückdrängen ist etwas Offensives, Direktives. Wir gehen anders vor. Wenn wir den Radverkehr stärken, das Angebot an Bus und Bahn ausweiten und die Schienen-Infrastruktur wie den Hauptbahnhof gemeinsam mit der Bahn in Ordnung bringen, dann müssen wir keinen Autoverkehr zurückdrängen, sondern er wird durch die anderen Angebote ersetzt. Und wir bekommen mehr Raum auf den Straßen, weil unterirdische U-Bahnen Verkehr aus dem Straßenraum aufnehmen. Wenn jemand also vorhat, in zehn Jahren noch Auto zu fahren, dann muss er jetzt auch ein Interesse daran haben, dass U-Bahnen gebaut werden. Zusammen mit neuen innovativen Konzepten wie Car-Sharing, Ride-on-demand-Angeboten wie IOKI, wird es dazu führen, dass man pünktlich, komfortabel und sicher unterwegs ist ohne ein eigenes Auto, das dafür in den letzten 50 Jahren noch nötig war.

Man konnte doch auch in den letzten 50 Jahren schon mit Bussen und Bahnen von A nach B fahren, trotzdem sind viele lieber Auto gefahren.

Man konnte bis vor kurzem eben nicht mit dem Bus von Harburg nach Bergedorf fahren oder von Wandsbek nach Bergedorf. Aber wenn wir das anbieten, wird es in Anspruch genommen, und zwar so, dass die Busse ausgelastet sind. Deswegen sprechen wir ich von einer Angebotsorientierung im Nahverkehr: Wir schaffen gezielt neue Angebote, wo wir Bedarf sehen – und stellen fest, dass die Bürger sehr gern Bus und Bahn fahren. Sie warten nur nicht gern, und sie sind ungern in überfüllten Zügen unterwegs. Indem wir sicherstellen, dass Bus- und Bahnfahren komfortabel und flächendeckend möglich ist, werden wir erleben, wie viele Menschen das gerne annehmen.

U-Bahnlinie U5 frühestens in zehn Jahren fertig

Große Verkehrsinfrastrukturprojekte brauchen Zeit. Wie weit wird der Bau der U5 in fünf Jahren sein?

Er beginnt sehr bald mit den ersten Stationen im Hamburger Osten. Dann geht es abschnittsweise weiter. In der vollen Länge von Bramfeld bis zu den Arenen im Volkspark wird die Linie frühestens in zehn Jahren fertig sein.

Und der neue S-Bahntunnel, der unter dem Hauptbahnhof hindurch bis zum neuen Fernbahnhof Diebsteich verlaufen soll?

Wir gehen die Planung gemeinsam mit der S-Bahn an. Alles, was unterirdisch verläuft, entlastet den Straßenraum. In Shanghai habe ich gesehen, dass der oberirdische Verkehr einigermaßen funktioniert, obwohl die Stadt um ein Vielfaches größer ist als Hamburg. Das geht nur, weil Shanghai innerhalb von wenigen Jahren das größte U-Bahnsystem der Welt geschaffen hat.

Wie autoarm wird die Hamburger Innenstadt nun wirklich, also über den Jungfernstieg und die Mönckebergstraße hinaus?

So autoarm, dass wir mehr Lebensqualität bekommen, dass diese Visitenkarte Hamburgs aber für alle gut erreichbar bleibt. Das bezieht sich auch auf diejenigen, die noch mit dem Auto Parkhäuser in der Innenstadt ansteuern. Und auf Bus- und Bahnnutzer, die nicht so mobil sind, dass sie von der Haltestelle aus zu Fuß längere Strecken gehen können. Es wird Bereiche geben wie den Jungfernstieg, wo es keinen motorisierten Individualverkehr mehr geben soll, aber die Hamburger Innenstadt ist zu groß, um sie vollständig autofrei zu machen.

Was wird aus dem Neuem Wall und den Großen Bleichen?

Auch dort wird es Zonen geben, wo wir den Verkehr reduzieren. Aber das werden wir gemeinsam mit den anderen Innenstadtakteuren ausarbeiten. Dabei werden wir jede Maßnahme zu Ende denken, auch hinsichtlich der Auswirkungen auf umliegende Bereiche.

Was halten Sie davon, solche Maßnahmen einfach mal temporär zu testen?

Genau das haben wir vereinbart. Manches lässt sich aber auch ohne solche Verkehrsversuche ziemlich sicher vorhersagen. Ich möchte keine Experimente zu Lasten Dritter.

"Hamburg sollte gerne 2035 klimaneutral werden oder noch früher"

Noch mal zum Klima: Die Grünen wollten die Stadt bis 2035 klimaneutral machen, die SPD bis 2050. Nun lautet das Ziel im Koalitionsvertrag „deutlich vor 2050“. Warum ist 2035 aus Ihrer Sicht nicht möglich?

Nein, es ist nicht so, dass die einen 2050 wollten und die anderen 2035. Meine Haltung ist: Hamburg sollte so schnell wie möglich klimaneutral werden, gerne 2035 oder noch früher. Aber es reicht nicht, eine Jahreszahl in die Welt zu setzen, sondern man muss auch einen Plan haben, wie das funktionieren kann. Ich muss den Bürgern erklären können, wie sich ihre Heizungsrechnung entwickelt. Und ich muss sicherstellen, dass wir eine wirtschaftsstarke Stadt bleiben, dass die Industrie eine Perspektive behält und wir keine Verdrängungseffekte erleben. Wenn wir unsere Kupfer-, Aluminium- und Stahlindustrie nach China verlagern, ist unsere Klimabilanz in Hamburg zwar bereinigt, aber der Erde schaden wir damit.

Aber sie haben mit 2050 bislang doch auch eine Jahreszahl genannt.

Ja, weil wir sicher sind, dass wir genug Maßnahmen beschlossen haben, um dieses Ziel zu erreichen.

Wie wollen Sie nun „deutlich vor 2050“ zum Ziel kommen?

Unser Klimaplan wird in den nächsten zehn Jahren enorme Fortschritte bringen. Und wir werden darauf hinarbeiten, weitere Maßnahmen aufzunehmen. Sobald wir einen Weg gefunden haben, wie wir das Ziel eher erreichen können, werden wir die Jahreszahl vorziehen.

Es wird eine Senatskommission für Klimaschutz und Mobilitätswende unter Ihrem Vorsitz geben. Wollen Sie den grünen Senatoren da auf die Finger schauen?

So sind wir auch im Wohnungsbau verfahren: Wir haben wir alle Behörden, die etwas beitragen können, in einer Senatskommission unter Vorsitz des Ersten Bürgermeisters eingebunden. Heute werden wir überall in Deutschland für unsere Erfolge im Wohnungsbau gelobt. Die Aufgaben im Klimaschutz und die Mobilitätswende sind genauso komplex wie der Wohnungsbau. Daher war mein Wunsch, auch dabei so zu verfahren. Das ist eine Unterstützung für die Umwelt-, Verkehrs- und Wirtschaftsbehörde und nicht gegen irgendwen gerichtet. Ich möchte, dass der Klimaschutz funktioniert und die Mobilitätswende gelingt.

Corona: Wir nähern uns dem Normalmodus an

Vor der Corona-Krise war die Klimawende das zentrale Thema, das viele Menschen bewegte. Wird das Ihrer Einschätzung nach in Zukunft wieder so sein?

Ja, weil das auch schon vor „Fridays for Future so“ war. Ich habe schon im Sommer 2018 eine Vereinbarung der Global Cities dazu unterzeichnet und gesagt, dass der Klimaschutz ein zentrales Zukunftsthema ist, dem wir uns stellen müssen – und zwar so, dass wir eine moderne, solidarische und starke Stadt bleiben. Das bleibt so mit oder ohne Corona.

Wann wird die Stadt wieder in den Normalmodus zurückkehren können – mit geöffneten Schulen, Kitas und mit Großveranstaltungen?

Wir werden uns dem weiter annähern. Nach den Sommerferien wird es zum Beispiel einen sehr viel normaleren Schulbetrieb geben.

Halten Sie es für realistisch, nach dem Sommer wieder Fußballspiele mit Zuschauern zuzulassen?

Nein, unmittelbar nach der Sommerpause wohl noch nicht. Es hängt von medizinischen Fragen ab: Können wir uns durch Impfung, natürliche Immunität oder Medikamente vor Covid-19 schützen? Erst wenn das der Fall ist, können wir zu einer Normalität wie vor Corona zurückkehren.

Vor drei Monaten, zum Beginn der Pandemie, sagten Sie mit Blick auf Ihren früheren Beruf als Arzt, sie wünschten sich manchmal ihren weißen Kittel zurück. Was sagt der Mediziner: Wie können wir künftig verhindern, dass so ein Virus mit so verheerenden Folgen grassiert?

Ich glaube nicht, dass es ein Patentrezept gibt, das uns für alle Zeiten schützt. Wir sind nicht allein auf dieser Welt. Wir sind als Menschen in einer ständigen Auseinandersetzung mit Viren, Bakterien, Pilzen und anderen Mikroorganismen, die uns krank machen können. Daher können uns immer wieder Pandemien ereilen, wie die Cholera im Mittelalter oder vor 100 Jahren die spanische Grippe. Wir können das nicht ausschließen, sondern uns nur mit Pandemieplänen und Maßnahmen für den Infektionsschutz besser dafür wappnen.

Anderes Thema: Der Senat hält am Bau von 10.000 Wohnungen jährlich fest. Wie lange reicht der Platz noch in der Stadt?

Hamburg ist viel dünner besiedelt als Berlin, Wien oder Paris. Wir haben ausreichend Flächenreserven, um den Bau von 10.000 Wohnungen pro Jahr noch viele Jahre sicherstellen zu können, ohne dass wir Abstriche bei den Grünflächen machen müssen. Darüber haben wir letztes Jahr einen Vertrag mit dem sehr kritischen Nabu geschlossen. Wir wollen sogar noch weitere Naturschutzgebiete ausweisen und die Qualität der Grünflächen erhöhen.

Wohnungen: Keine exklusiven Quartiere nur für bestimmte Gruppen

Sie wollen den Anteil der Sozialwohnungen auf bis zu 4000 im Jahr erhöhen, und zwar auch in bevorzugten Wohnlagen. Ist das eine Kampfansage an die reichen Stadtteile?

Nein, auch diese Strategie haben wir schon 2011 begonnen. Damals war die HafenCity ohne eine einzige Sozialwohnung geplant. Das haben wir geändert: Jetzt entstehen auch in diesem hochmodernen Stadtteil viele Sozialwohnungen. Dieses Prinzip der gemischten Quartiere für alle Generationen und Einkommensgruppen wollen wir beibehalten. Es werden nicht in allen Quartieren gleich viele Sozialwohnungen entstehen, aber wir wollen keine exklusiven Quartiere nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen.

Die HafenCity ist natürlich ein spezieller Fall, weil dort auf freien Flächen geplant werden konnte. In bestehenden Stadtteilen müssten Sie in den Bestand eingreifen.

Ja, das ist vorgesehen. Im Pergolenviertel in Winterhude etwa haben wir in einigen Abschnitten auch höhere Anteile an Genossenschafts- und Sozialwohnungsbau, als es der Drittelmix vorsieht.

Durch die Coronakrise ist vielen klar geworden, dass das Leben in der Stadt auch Nachteile hat. Rechnen Sie damit, dass das Wachstum der Stadt, wie vor Corona prognostiziert, weiter so dynamisch sein wird?

Trends können sich durchaus ändern. In den 70er und 80er Jahren gab es die Stadtflucht: Da wollten die Leute ins Grüne ziehen, Hamburg ist geschrumpft. Seit einigen Jahren haben wir dagegen einen Trend zur Urbanisierung, die Menschen zieht es in die großen Ballungszentren. Wenn man darauf nicht reagiert, kommt es zur Verdrängung der wirtschaftlich Schwächeren. Daher bauen wir Wohnungen, und zwar so lange, wie die Nachfrage anhält. Inzwischen steigen die Mieten schon nicht mehr so stark, Angebot und Nachfrage nähern sich an.

Aber wie lange hält dieser Trend noch an?

Ich bin kein Hellseher. Aber kein Trend hält ewig an, und wir müssen auch damit rechnen, dass er sich dreht. Das ist übrigens keine attraktive Perspektive, wenn man sich schrumpfende Städte anschaut, die Schulen, Schwimmbäder und Kultureinrichtungen schließen müssen.

Mit Blick auf den Sommer: Zieht es Sie auch raus aus der Stadt?

Nein, ich bin sehr gern in der Stadt. Aber ich freue mich, dass es in der Sommerpause Möglichkeiten gibt, unsere großartige Stadt zeitweise zu verlassen und an Nord- und Ostsee zu Gast zu sein.

Werden Sie nach den anstrengenden Monaten mit Wahlkampf, Coronakrise und Koalitionsverhandlungen Urlaub machen?

Ja, unbedingt. Das war eine lange, anstrengende Phase.

Und wo geht’s hin?

Das steht noch nicht fest und hängt ja auch von den Reisebedingungen in den nächsten Wochen ab.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg