Hamburg

"Unprofessionell": Vorwürfe gegen Hamburger Tierarztpraxis

| Lesedauer: 16 Minuten
Friederike Ulrich
Miriam S. und Alicia. Die Hündin verstarb nach einer Stimmbandoperation.

Miriam S. und Alicia. Die Hündin verstarb nach einer Stimmbandoperation.

Foto: Privat

Tierärzten wird der Tod von zwei Hunden und misslungene Operationen vorgeworfen. Schon in der Vergangenheit fielen sie auf.

Hamburg. Tycoon, die französische Baby-Bulldogge, musste nach einer missglückten Operation am Gaumensegel eingeschläfert werden. Dem Kater Wodka wurde der Penis amputiert – dabei hatte er nur einen Pilz im Genitalbereich. Bulldogge Toffifee musste nach einer unprofessionell durchgeführten Kreuzband-OP mühevoll wieder auf die Beine gebracht werden. Und Nelly, einer jungen Doggen-Dame, ging es nach einer Herzoperation, die ihr helfen sollte, deutlich schlechter als zuvor.

Allen Tieren gemeinsam ist: Sie waren als Patienten in einer Hamburger Tierarztpraxis. Veterinär Dirk S. führt sie als Familienbetrieb und wirbt damit, günstiger zu sein als andere Tierärzte – weshalb auch Tierbesitzer aus anderen Bundesländern zu ihm kommen. Jüngstes uns bekanntes Opfer ist die Cane-Corso-Hündin Alicia aus Nordrhein-Westfalen, die kurz vor Weihnachten in der Praxis verendete – im Keller, mit einem großen Loch in der Kehle.

Hündin stirbt nach missglückter Operation

Die zwölfjährige Hündin sollte von Steven S., dem Sohn des Praxisgründers, am linken Stimmband operiert werden. Alicias Besitzer Miriam und Markus S. haben über die 24 Stunden ihres Aufenthaltes ein erschütterndes Gedächtnisprotokoll angefertigt. Von Anfang an seien sie verunsichert gewesen: wegen des zu kleinen OP-Tischs, weil keine Voruntersuchung stattfand, es keine OP-Kleidung gab und Alicia nicht intubiert wurde und weil, als sich die Hündin nach der Verabreichung der Narkosemittel erbrach, die Reste des Erbrochenen nicht schnell genug abgesaugt wurden.

„Wir waren völlig überrumpelt, weil alles so schnell ging, dass wir keine Chance mehr hatten, die Praxis wieder zu verlassen“, sagen die Eheleute S. Der wahre Horror begann, als sie Alicia nach der OP wiedersahen: mit einer zehn Zentimeter langen Narbe am Hals, obwohl die Operation üblicherweise nicht von außen vorgenommen wird, und so schwach, dass sie die 50-Kilo-Hündin zum Auto tragen mussten.

Als es ihr im Laufe des Tages immer schlechter ging, schickten sie dem Arzt über die Notrufnummer mehrere Whats­App-Nachrichten, die dieser allerdings über mehrere Stunden unbeantwortet ließ. Abends habe sich S. zu einem Luftröhrenschnitt entschieden, obwohl er den Zustand der mittlerweile ohnmächtigen Hündin als „nicht so schlimm“ beurteilte habe.

„Er hat uns weggeschickt mit dem Versprechen, Alicia über Nacht zu beaufsichtigen“, so Markus S. „Doch als wir kurz darauf noch einmal zur Praxis fuhren, brannte dort kein Licht.“ Sie hätten dann vor der Praxis gewartet, bis S. morgens wieder in der Praxis eintraf – und sie, nachdem sie einige Zeit lang warten mussten, in den Keller führte. Zu ihrer toten Hündin, die dort in einer Nische lag.

Im Jahr 2015 starb Tycoon

Laut Alicias Tierärztin in Nordrhein-Westfalen habe Alicia an altersbedingter Arthrose und seit dem Sommer an Atembeschwerden gelitten, Anzeichen für sonstige Erkrankungen hätten nicht vorgelegen. Steven S. schließt dem Abendblatt gegenüber nicht aus, dass die sehr alte Hündin durch bestehende Hintergrunderkrankungen verstorben sein könnte.

Zudem habe sich „ein Narkoserisiko realisiert“, dessen sich die Besitzer bewusst gewesen wären. Der Luftröhrenschnitt wäre vorgenommen worden, da eine leichte Atemnot vorlag. Ebenso wie von der ersten Operation habe sich der Hund auch hiervon problemlos erholt und sei nach „mehrstündiger, intervallartiger Überwachung für stabil“ befunden worden. Aus welchen Gründe die Hündin am frühen Morgen verstarb, sei nicht bekannt. Markus und Miriam S. haben Strafanzeige gegen S. erstattet.

Über Alicias Tod wurde auch in den Medien berichtet. Es ist nicht das erste Mal, dass die Praxis in den Schlagzeilen stand. 2005 beispielsweise schrieb das Abendblatt über Dirk S., weil der dem umstrittenen American-Staffordshire-Terrier Chico Asyl gewährt hatte. Ein Jahr zuvor hatte er Kampfhunde in harmlosere Klassen eingestuft, was die Staatsanwaltschaft auf den Plan rief.

Auch der Tod von Tycoon ging 2018 durch die Presse. Die Praxis wurde vom Amtsgericht Wandsbek zur Zahlung von Schadensersatz verurteilt, weil der kleine Bulldoggen-Rüde 2015 nach zwei schlecht durchgeführten Operationen durch Steven S. eingeschläfert werden musste. Tycoon hatte unter Atemnot gelitten, wie viele Hunde seiner Rasse, und war zweimal von S. operiert worden. „Danach war sein Halsbereich so geschwollen, entzündet und vernarbt, dass eine Notoperation nicht mehr zum Erfolg führte“, erinnert sich der auf Tiermedizin spezialisierte Anwalt Andreas Ackenheil, der Tycoons Herrchen, den Hamburger Tolga Can, vertreten hatte.

Makaber an Tycoons Fall: Dirk und Steven S. ließen die Operation des jungen Hundes durch ein Filmteam in der Praxis aufnehmen. Der Film sollte unter anderem Werbung dafür machen, dass die Praxis angeblich deutlich günstiger ist als andere. Dieser Film stellt aber keine gute Werbung für die Praxis dar – zeigt er doch auch den fahrlässigen Umgang mit medizinischen Standards.

Auf YouTube wird er von einem Tiermediziner kommentiert, der kritisiert, dass der OP-Bereich nicht steril abgedeckt und die Atemwege nicht gesichert gewesen wären und Steven S. weder OP-Kleidung noch Maske und Kopfbedeckung trug. „Im Falle von Tycoon wurde nicht so behandelt, wie es in der Tiermedizin vorgesehen ist“, sagt auch Jurist Ackenheil.

Kater Wodka wurde der Penis amputiert

Das war auch bei Kater Wodka so. Der fünf Jahre alte Kurzhaarkater von Thomas Pohl (Name geändert) sollte 2012 wegen einer blutigen Stelle im Bereich des Penisansatzes in der Praxis behandelt werden. Tierarzt Steven S. sei von Bisswunden ausgegangen und habe eine Antibiotikabehandlung vorgeschlagen, erinnert sich Pohl. Da er selber eine lang geplante Urlaubsreise antreten wollte, wollte eine Bekannte den Kater täglich in die Praxis bringen. „Nach fünf Tagen bekam ich den Anruf, dass der Arzt nun von einem Tumor ausgeht und zur Operation riet.“ Er habe zugestimmt, zumal der Kater hinterher in der Praxis gepflegt werden sollte.

Drei Tage später wieder ein Anruf: Die Bekannte habe Wodka in der Praxis besucht – er habe „schlimm“ ausgesehen. Pohl brach seinen Urlaub ab – und erschrak, als er Wodka wiedersah. „Die OP-Wunde war 20 Zentimeter lang und entzündet, er konnte nicht auf den Beinen stehen, schnappte nach Luft und war total abgemagert.“ Außerdem hatte man dem Kater den Penis amputiert und ihm einen Katheter auf die Haut genäht.

Er habe Wodka sofort in eine andere Tierarztpraxis gebracht, so Pohl. Dort sei man über den Zustand des Katers entsetzt gewesen. „Die Tierärztin sagte, bei der OP sei alles falsch gemacht worden. Außerdem hatte der Kater nichts zu essen bekommen und nur Luft im Bauch.“ Im Prozess später habe eine Mitarbeiterin von Steven S. ausgesagt, dass sie den Kater nicht habe füttern können, weil der nach ihr geschnappt habe. Bei der Untersuchung des entfernten Gewebes und des amputierten Penis wurden keine Tumorzellen entdeckt. Die Hautveränderung, so legte ein Gutachter dar, war auf eine Pilzerkrankung zurückzuführen.

Wodka musste hinterher noch mehrfach operiert werden. Das Gerichtsverfahren zog sich bis 2016 hin, dann wurde die Praxis zu Schadensersatz verurteilt. In der Urteilsbegründung hielt das Gericht Steven S. vor, er habe „in zweifacher Hinsicht die Regeln der tierärztlichen Kunst außer Acht gelassen“. So hätte der Kater nicht ohne weitere Diagnostik so radikal operiert werden dürfen. Zudem sei die Operation selbst fehlerhaft durchgeführt worden.

Das war auch bei Toffifee, einer hochdekorierten Zuchthündin aus Hessen, der Fall. Ihr Herrchen Nico C. kam 2018 zu Dirk S., der bei der Bulldoggen-Dame einen Kreuzbandriss operieren sollte. Er könne sich noch ganz genau erinnern, wie befremdet er davon gewesen war, dass sich Dirk und Steven S. lautstark im Treppenhaus über eine aktuelle OP stritten, so C. „Aber ich habe dem keine weitere Beachtung geschenkt.“ Nach der Operation habe ihm der Tierarzt für die weitere Behandlung von Toffifee Chlordioxid empfohlen. Von der höchst umstrittenen Substanz (für die S. derzeit übrigens als Mittel gegen Corona wirbt) habe er jedoch die Finger gelassen. In drei bis vier Tagen, habe der Arzt zum Abschied gesagt, solle sich die Hündin erholt haben.

Da es Toffifee auch nach einer Woche nicht besser ging, ließ er sie von einem Tierarzt in Hessen röntgen. „Er sah sofort, dass eine völlig andere Operation als besprochen durchgeführt worden war“, so Nico C. Statt den Hinterlauf zu durchtrennen und mit einem Metallstück wieder zu stabilisieren, war der ganze Knochen an mehreren Stellen durchbohrt worden.

„Durch die Löcher waren Fäden gezogen und an etwa 20 Stellen verknotet worden“, so der Züchter. Der Faden sei um ein 15-Faches dicker und viel steifer als herkömmliches Operationsgarn gewesen. In einem Bericht, der dem Abendblatt vorliegt, beschreibt der hessische Veterinär den von S. vorgenommenen Eingriff als „eine der ältesten Techniken“ für die chirurgische Behandlung eines Kreuzbandrisses, die „in extrem mangelhafter Ausführung“ durchgeführt worden sei.

Arzt beschuldigt Kollegen der Hetze

Dirk S. weist die Vorwürfe zurück. Die von ihm gewählte Operationsmethode sei ebenso erfolgreich, aber deutlich günstiger als andere. Zum Zeitpunkt der OP hätten sich im Knie des Hundes, das habe er Herrn C. auch mitgeteilt, Bakterien befunden. Die Infektion habe sich dann wohl erweitert, was zu Problemen geführt habe. Der verwendete Faden sei 1,05 Millimeter stark gewesen. Dem von C. im Nachhinein aufgesuchten Kollegen, der die Dicke des Fadens in seinem Bericht mit drei Millimetern angibt, wirft S. Hetze vor, um als „der bessere Tierarzt“ dazustehen.

Bei Nelly war es das Herz, an dem Dirk S. gepfuscht haben soll. Petra Neumann (Name geändert), Betreiberin eines Gnadenhofs in Sachsen-Anhalt, hatte die junge Dogge im Juli 2019 zu ihm gebracht. Er sollte bei der Hündin einen angeborenen Herzfehler – eine offene Verbindung zwischen Aorta und Lungenarterie – beheben. Nach Hamburg sei sie gefahren, weil S. als einziger Tierarzt einverstanden war, die Kosten direkt über ihre Versicherung abzurechnen, so Peters.

Beim Verbandswechsel eine Woche nach der Operation sei sie über die „stümperhafte Naht“ erschrocken gewesen, so Neumann, die als ehemalige Mitarbeiterin einer Tierklinik weiß, wovon sie spricht. Da es Nelly mit der Zeit deutlich schlechter ging als vor der Operation, ließ sie sie von einer Kardiologin erneut untersuchen. Ergebnis: Der Herzfehler bestand weiterhin.

Ob das betroffene Gefäß nicht optimal abgebunden wurde oder gegebenenfalls ein anderes stattdessen, könne sie nicht sage, dokumentierte die Medizinerin – und überwies Nelly in eine Berliner Spezialklinik. Dort konnte man an dem betroffenen Herzgefäß „keinen Hinweis auf einen Verschlussversuch“ finden,,, heißt es im Befundbericht.

Als Peters den Tierarzt damit damit konfrontiert habe, habe dieser widersprüchlich reagiert. „In einer ersten Mail hat er von einer chirurgischen Fehlleistung gesprochen und eine kostenlose Nachoperation angeboten, die ich natürlich abgelehnt habe“, sagt sie. „Später gab er an, alles richtig gemacht zu haben, und sprach von einem Knoten, der sich nach dem Abbinden gelöst haben könnte.“ Auch dem Abendblatt gegenüber vermutet S. einen gerissenen Faden oder einen gelösten Knoten als Grund. Auch hier wieder betont er, dass sein Verfahren (das Abbinden) deutlich günstiger gewesen wäre als die später vorgenommene Weise, das betroffene Gefäß mit einer Art Pfropfen zu verschließen.

Als sich die Gnadenhofbetreiberin auf Facebook kritisch über die Praxis S. geäußert hatte, wurde ihr mit einer Klage gedroht. Das hat auch Sabine Möller (Name geändert) erlebt, die sich über eine zu starke Narkose und die Berechnung von nicht erbrachten Leistungen bei ihrem Hund Buddy beschwert hatte, den S. am Meniskus operieren wollte. „Zwei Wochen später hatte ich eine Anzeige wegen Verleumdung und eine Unterlassungserklärung am Hals“, so die Hamburgerin.

Dirk S. unterstellte ihr daraufhin in einem Schreiben „Schlichtheit“ – und einer Tierklinik, die sich kritisch zu seiner Behandlung von Buddy geäußert hatte, dass es dort üblich sei, „Kollegen durch den Dreck zu ziehen, um die eigene Kompetenz zu erhöhen und zu betonen“. Dem Abendblatt gegenüber sagte er: Frau M, habe „das, was gemacht wurde, wohl vergessen“. „Da lässt man sich schon von blöden Bemerkungen des ,Kollegen‘ verleiten, dummes Zeug von sich zu geben.“

„Unmut“ wegen sozialverträglicher Tiermedizin

Dirk S. verweist darauf, das „der Umstand, dass wir konsequent eine sozialverträgliche Tiermedizin bei uns durchsetzen“, bei Kollegen zu „Unmut“ führe. Das könnte aber auch an dem liegen, was er – für alle sichtbar – über kritische Kollegen auf seiner Internetseite schreibt. Etwa einen Tierarzt, der die Dumpingpreise und die Verwendung von dem höchst umstrittenen Wundermittel MMS in der Praxis angeprangert hatte. Den offenen Brief an ihn beendet Dirk S. mit folgenden Worten: „Dann begreifst Du möglicherweise, welchen Grad der Dummheit Du mit Deinen nun über 40 Jahren erreicht hast.“

Die Hamburger Tierärztekammer wurde von allen hier erwähnten Geschädigten über ihre Erfahrungen mit der Praxis informiert. In einer Stellungnahmen dem Abendblatt gegenüber räumt die Kammer ein, aus Datenschutzgründen keine näheren Angaben zu den Fällen machen zu können. Das Verfahren bei berufsrechtlichen Verstößen sei sehr komplex.

Eine berufsgerichtliche Ahndung bei schuldhaften Berufsvergehen durch die Tierärztekammer Hamburg sei jedoch möglich und werde im Anschluss an eine zivilrechtliche Verurteilung auch regelmäßig geprüft. Diese Prüfung könne sich aber verschieben, da in solchen Fällen ein strafgerichtliches Verfahren stattfinde, dessen Ausgang abzuwarten sei. Nach Abendblatt-Informationen steht der Fall S. auf der Tagesordnung der nächsten Vorstandssitzung.

Die aufsichtsführende Gesundheitsbehörde steht im Fall der Praxis S. bereits in Kontakt mit der Tierärztekammer. „Aufgrund der im Raum stehenden Vorwürfe gegen den besagten Tierarzt haben wir um die Aufarbeitung und Aufklärung des Sachverhalts gebeten, um gegebenenfalls bestmögliche Konsequenzen besprechen und abstimmen zu können“, so Behördensprecher Dennis Krämer. Sollte die Tierärztekammer ein Rügeverfahren oder ein berufsgerichtliches Verfahren einleiten, würde die Behörde den Widerruf der Approbation prüfen, sollte sich der Tierarzt eines Verhaltens schuldig gemacht haben, „aus dem sich die Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit zur Ausübung des tierärztlichen Berufs“ ergebe.

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