Tier und Mensch

Wenn das geliebte Haustier stirbt

Liebevoll gestaltete Gräber auf dem Tierfriedhof Nord in Norderstedt Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Liebevoll gestaltete Gräber auf dem Tierfriedhof Nord in Norderstedt Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Foto: Thorsten Ahlf

Für viele sind Hund und Katze gleichwertige Familienmitglieder. Ein würdevoller Abschied hilft Tierhaltern, mit dem Verlust umzugehen.

Paul begleitete Bianca beim Umzug nach Hamburg, er war als Bürohund bei allen Jobs an ihrer Seite und sorgte mit seinem Charme dafür, dass sie auf einer Gassi-Runde ihren heutigen Ehemann kennenlernte. Der Dackel-Cockerspaniel-Mischling, den die Designerin 2005 aus Lanzarote mitbrachte, war für sie zehn Jahre lang Familienmitglied, Kuschel-Kumpel und Anker in einem turbulenten Alltag. „Wir waren ein Superteam“, sagt die 42-Jährige. „Zwischen Paul und mich passte kein Blatt Papier.“ Als sie ihren Vierbeiner 2015 in der funktionalen Umgebung einer Tierarztpraxis einschläfern lassen musste, brach für Bianca eine Welt zusammen. „Ich stand unter Schock. Ohne den Abschied beim Tierbestatter hätte ich gar nicht begreifen können, dass Paul nicht mehr ist“, erinnert sie sich. Es tat ihr gut, dort vor der Einäscherung ihres Hundes die gemeinsamen Jahre Revue passieren zu lassen. „Mein Mann hat mir in den Tagen danach den Rücken frei gehalten und eine Freundin hat immer wieder angerufen und mir zugehört. Schlimm waren meine eigenen Zweifel, ob ich mich meiner intensiven Trauer so hingeben darf. Schließlich heißt es doch immer: `Es ist doch nur ein Hund…´“

Es gibt viele Tierbestatter in Hamburg

Mittlerweile bieten in Hamburg mehrere Tierbestatter ihre Dienste an: Sie holen das verstorbene Tier beim Tierarzt oder Zuhause ab und stellen Räume zur Verfügung, in denen die ganze Familie Abschied nehmen kann. Tierhalter können ihrem Haustier Bilder, Briefe, das liebste Spielzeug oder Leckerlis als Grabbeigabe mit auf den letzten Weg geben und es auf einem Tierfriedhof beisetzen lassen. Die meisten lassen es einäschern und geben der Urne Zuhause einen Platz, setzen die Urne im eigenen Garten bei oder verstreuen die Asche an besonderen Erinnerungsorten. „Auch wenn immer mehr Tierhalter zu uns kommen, ist das Thema Trauer um ein Haustier noch nicht in der Gesellschaft angekommen“, sagt Svenja Holle vom Tierbestatter „Rosengarten“, der bundesweit 43 Filialen und vier Krematorien betreibt. „Wir kremieren Haustiere von der Wüstenspringmaus bis zum großen Hund. Einmal hat eine Punkerin die Einäscherung ihrer Ratte mit Münzen bezahlt, die sie extra zu diesem Zweck erbettelt hat. Wenn sich Menschen viele Jahre um ein Tier gekümmert haben, wünschen sie sich einen würdevollen Abschied. Die meisten wollen auch über ihren Verlust sprechen, doch damit stoßen sie bei ihren Mitmenschen meist auf wenig Verständnis“, sagt die Tierbestatterin. Sie gibt in Berufsschulen und Tierkliniken Seminare für tiermedizinische Fachangestellte, um sie für einen empathischen Umgang mit dem Tierhalter bei der Euthanasie seines Tieres zu schulen. „Es ist für die Mitarbeiter herausfordernd, dass die meisten Haustiere keines natürlichen Todes sterben“, sagt sie. „Für den Besitzer, der in dieser Situation meist völlig aufgelöst ist, kann hilfreich sein, auf dem Behandlungstisch eine Decke auszubreiten, das Licht zu dimmen und eine Kerze anzuzünden.“

Der Pastor in Langenfelde veranstaltet Fürbitten für tote Tiere

Pfarrer Holger Janke von der Kirchengemeinde Langenfelde macht bei seiner seelsorgerischen Arbeit keinen Unterschied, ob ein Hilfesuchender den Verlust eines Menschen oder eines Tieres betrauert. Der Theologe veranstaltet in seiner Kirche regelmäßig Gottesdienste zum Thema „Mitgeschöpflichkeit“, bei denen Fürbitten für verstorbene Tiere Raum bekommen. „Für Kinder und Jugendliche kann der Tod eines Tieres, dem sie jahrelang ihre Geschichten anvertraut haben, wie der Verlust eines Geschwisterkindes sein“, sagt der ausgebildete Trauerbegleiter. „Und für einen vereinsamten alten Menschen war die Fürsorge für das Tier oftmals die einzige Aufgabe, die ihm geblieben ist. Viele Tierbesitzer fühlen sich zudem schuldbeladen, weil die Euthanasie sie in die Rolle Gottes gezwungen hat: Sie mussten über den Zeitpunkt entscheiden, an dem das Leben eines geliebten Geschöpfes beendet wurde.“

Trauerbegleiterin Anemone Zeim bietet seit 2015 in ihrem Eimsbütteler Kreativraum „Vergiss Mein Nie“ Begleitung für trauernde Tierbesitzer an. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass der Trauerprozess um ein Tier alle Aspekte einer Trauer um einen Menschen zeigt, aber oftmals wie im Zeitraffer verläuft. „Viele Menschen fühlen sich nach dem Tod ihres Haustiers extrem verloren. Es tut ihnen gut, wenn ihr Verlust in einem Raum Würdigung findet“, sagt sie. „Manchmal braucht es dann nur einen Impuls, und sie können selbst bei der Verarbeitung ihrer Trauer kreativ werden. Oder sie können sich die Erlaubnis geben, einem neuen Tier einen Platz in ihrem Leben zu geben.“

Trauerbegleiter bieten Unterstützung an

Sonja Theilmeier hat die Unterstützung der Trauerbegleiterin bereits in Anspruch genommen, als ein Tierarzt bei ihrer Münsterländer-Hündin „Lotti“ Anfang 2018 Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostizierte. „Ich wollte den Abschied für meine fünfjährige Tochter und mich so erträglich wie möglich gestalten“, sagt die Englisch-Trainerin.

Theilmeier engagierte eine Fotografin, die berührende Fotos von den dreien machte, nahm Kontakt zu einer Tierbestatterin auf und sprach mit ihrer Tochter über den bevorstehenden Tod. Als nur fünf Tage später die Tierärztin zum Einschläfern ins Haus kommen musste, wollte ihre Tochter unbedingt dabei sein. „Sie hatte keine Berührungsängste und hat Lotti lange gestreichelt“, erzählt Sonja Theilmeier.

Gemeinsam mit ihrer Tochter bastelte Sonja Theilmeier eine Kerze mit Lottis Namen und gestaltete mit einem Pfotenabdruck und den Fotos einen Gedenkplatz im Wohnzimmer. Die 42-Jährige nahm zudem über Facebook zu einer Münsterländer-Gruppe Kontakt auf, in der sie viel Anteilnahme erfuhr. So konnte nach nur sechs Wochen mit „Leni“ ein neuer Welpe einziehen.

Infos rund um die Tier-Beerdigung

Die Beisetzung eines Tierkörpers ist in freier Natur verboten und im heimischen Garten reglementiert: Das Grab darf nicht im Wasserschutzgebiet oder an öffentlichen Wegen liegen und muss mit mindesten 50 Zentimetern Erde bedeckt sein.

Auf den Tierfriedhöfen in Norderstedt (www.tierfriedhof-nord.de) und Jenfeld (www.tierfriedhof-jenfeld.de) ist eine Erd- oder Urnenbeisetzung möglich. Tierbestatter bieten Dienstleistungen von der Vorsorge bis zur Kremierung an. Die Urne wird dem Tierhalter ausgehändigt.

Pfarrer Holger Janke ist über das Kirchenbüro in Langenfelde (Tel. 545149) zu erreichen, der nächste Gottesdienst für Mensch und Tier zum Thema „Mitgeschöpflichkeit“ findet am 1.9. um 11 Uhr statt (kg-langenfelde.de).

„Vergiss Mein Nie“ bietet am 4. 9. von 19-20 Uhr die nächste Sprechstunde für Tiertrauer an (www.vergiss-mein-nie.de/tiertrauer/).

Im Chatroom von www.trauer.de/trauerhilfe/trauerhilfe-chat sind trauernde Tierhalter willkommen.