Hamburg

Wegen Corona: Das Leben nach draußen verlagern

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Am Mühlenkamp herrscht bereits viel Leben im Freien. Experten fordern, Fußgängern und Radfahrern mehr Raum zu geben.

Am Mühlenkamp herrscht bereits viel Leben im Freien. Experten fordern, Fußgängern und Radfahrern mehr Raum zu geben.

Foto: Marcelo Hernandez

Stadtplaner fordert: Mehr Flächen für Radverkehr, Fußgänger und Gastronomie. Welche Chancen In der neuen Freiluftoffensive liegen.

Hamburg. Die Aerosole sind in aller Munde – hoffentlich aber nur im übertragenen Sinne: Nach aktuellen Studien ist das Infektionsrisiko durch diese Aerosole­ im Außenbereich rund 19-mal geringer als in Innenräumen. Nie war es so gesund, an die frische Luft zu gehen und dort Zeit zu verbringen. Der Virologe Christian Drosten regt an, das Leben ins Freie zu verlagern. Der Sommer 2020 wird ein anderer sein. In der neuen Freiluftoffensive liegen viele Chancen: Schulen können draußen Unterricht abhalten, eine Ausweitung der Außengastronomie würde der darbenden Restaurantszene helfen und dem Not leidenden Einzelhandel neue Impulse geben, und das Fahrrad gilt nicht nur bei Virologen als das Verkehrsmittel in Corona-Zeiten.

Der Hamburger Stadtplaner Mario Bloem hielt nun bei der Initiative „Altstadt für alle“, die von der Patriotischen Gesellschaft getragen wird, einen viel beachteten Vortrag per Videokonferenz: „Wir sollten das Leben auch in der Stadt nach draußen verlagern“, forderte Bloem­. Der Geschäftsführer von d-plan war einer der Initiatoren des autofreien Rathausquartiers, das im Sommer 2019 sehr positiv in Hamburg angenommen wurde. Es könnte Modell für die Stadt in Corona-Zeiten sein. Anders als andere Metropolen aber hat Hamburg in der Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik auf die Pandemie kaum reagiert.

Brüssel beispielsweise, lobt Bloem, habe sich am 11. Mai entschieden, seine Innenstadt verkehrspolitisch wie ein Wohngebiet zu behandeln – die Straßen gehören fortan allen, Fußgänger, Radler und Autofahrer sind gleichberechtigt, es gilt Tempo 20. Die verkehrsberuhigte Fläche gleicht der Größe des Innenstadtbereichs von Hamburg – von der HafenCity bis zu den Wallanlagen, von der Lombardsbrücke bis zur Elbe. Mit Hütchen und Farbe hat Brüssel zudem schnell 40 Kilometer Fahrradwege aus dem Hut gezaubert.

Viele europäische Metropolen machen längst vor, wie es geht

Wien verfolgt eine ähnliche Strategie und hat „temporäre Begegnungszonen“ in der gesamten Stadt geschaffen, die ähnlich funktionieren. Paris wiederum, berichtet Bloem, hat ebenfalls Straßen umfunktioniert und weitet das Programm nun massiv aus. 50 Kilometer Straßen wurden allein im Mai umgewidmet: So sollen mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen, der Individualverkehr wird zurückgedrängt. „Vieles ist provisorisch, aber der Platz wird neu aufgeteilt. So entstehen innovative Corona-Pisten für Fahrradfahrer“, so Bloem. Parkspuren werden zugunsten breiterer Fußwege entfernt. „Bewohner von außerhalb werden gebeten, ihre Fahrzeuge am Rande der Stadt abzustellen. Im Corona-Sommer bekommen die anderen Verkehrsteilnehmer mehr Raum.“

London wiederum hat innerhalb von sechs Wochen ebenfalls Provisorien und autofreie Zonen geschaffen. Blumenkästen stehen auf der Straße, Absperrbaken schaffen neue Wege für Radler und Fußgänger, Markierungen mehr Platz. „Angesichts der Herausforderungen durch Corona wird der Platz jetzt schnell anders verteilt. Das alles geschieht in einem Tempo, das wir in Hamburg nicht kennen“, sagt der Stadtplaner.

Auch in Berlin kann Hamburg sich demnach Anregungen holen: Gaststätten, Einzelhändler und soziale Projekte bekommen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg auf Antrag Sonderflächen etwa von Parkflächen und Fahrbahnen zugewiesen und somit mehr Platz. Die Durchführung obliegt dabei den Antragstellern, kostet aber nichts. Allein in Friedrichshain wurden so binnen Tagen 18 temporäre Spielstraßen geschaffen.

Spuren für Radler freigeben

Die Autostadt Mailand will bis zum Ende des Sommers 22 Kilometer Radwege bauen; der Anteil des Fahrrads stieg dort in Corona-Zeiten von sechs auf 23 Prozent. Der italienische Staat subventioniert den Kauf eines Fahrrads mit bis zu 500 Euro. In Frankreich gibt es Zuschüsse bis zu 50 Euro für Radreparaturen. Auch in Deutschland zeichnet sich eine Verschiebung in der Wahl der Verkehrsmittel ab. Laut einer Umfrage des ADAC wollen 27 Prozent auch nach der Pandemie häufiger zu Fuß gehen, 21 Prozent häufiger Rad fahren. 16 Prozent möchten sich häufiger ins Auto setzen und 19 Prozent seltener den öffentlichen Nahverkehr nutzen.

Was ist erlaubt, was nicht? Fragen an den Bürgermeister

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Willfried Maier, Vorsitzender der Patriotischen Gesellschaft, hatte schon vor Wochen vorgeschlagen, in Hamburg Straßenflächen schnell umzuwidmen und etwa Spuren für Radler freizugeben. Umgesetzt wurden seine Anregungen nicht. Bloems Ideen lobte der Ex-Senator ausdrücklich: „Das sind interessante Bilder“, sagte Maier, verbunden mit einem „klaren coronabezogenen Kommentar, der darauf zielt, Menschen mehr Bewegungs- und Begegnungsmöglichkeiten unter Pandemie-Bedingungen zu eröffnen.“ Auf www.altstadtfueralle.de ist der Vortrag abrufbar.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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