Hamburg

Drogenhandel verlagert sich in Corona-Krise an den Stadtrand

Polizisten mit Mundschutz – durch Corona hat sich auch bei der räumlichen Verteilung der Straftaten vielverändert.FOTO: dpa

Polizisten mit Mundschutz – durch Corona hat sich auch bei der räumlichen Verteilung der Straftaten vielverändert.FOTO: dpa

Foto: picture alliance

Auf St. Pauli und in St. Georg ging die Zahl der Drogendelikte zurück. Wo sie seit dem "Shutdown" besonders auffällig steigt.

Hamburg.  Die Corona-Pandemie hat nicht nur Auswirkungen auf die Zahl der Straftaten in Hamburg – das Virus hat offenbar auch die Kriminalität in der Stadt verlagert. Das geht aus einer internen Erhebung der Polizei hervor, die dem Abendblatt vorliegt. So sind weit überproportional Straftaten im Innenstadtbereich zurückgegangen. Vor allem die Rauschgiftkriminalität hat sich dabei von den Brennpunkten St. Georg und St. Pauli weg und hinein in die Wohnquartiere verschoben.

Konkret wurden in St. Georg zwischen dem 16. März und 13. Mai insgesamt 339 Rauschgiftdelikte weniger verzeichnet als im Vorjahreszeitraum. Auf St. Pauli ging die Zahl der Straftaten in diesem Bereich um 273 Fälle zurück. Für die Polizei liegt die Erklärung für den Rückgang auf der Hand. Viele Gastronomie- und Amüsierbetriebe liegen dort. Dadurch blieben auch viele Kunden der Dealer weg. Diese wurden nun offenbar direkt in ihren Wohnquartieren versorgt.

Auch die Wachen in den Elbvororten zählen mehr Delikte

Eine besondere Zunahme der Drogendelikte mit 63 Fällen seit dem „Shutdown“ wurde im Bereich der Wache Bergedorf verzeichnet. Gleich danach folgen die Wachen Wandsbek und Harburg, wo die Zahl der Drogendelikte in dem Zeitraum und 48 und 46 Taten hochgegangen ist. Wilhelmsburg, Rahlstedt und Billstedt folgen.

Aber auch die Wachen, deren Reviergebiete in den Elbvororten liegen, verzeichnen mehr Drogendelikte. Dazu gehören die Polizeikommissariate 25 und 26. Die Steigerungen sind mit 16 und 20 Fällen geringer. Dort wohnen aber auch weniger Menschen als in den nach absoluten Zahlen besonders betroffenen Reviergebieten. „Eigentlich ist der Großteil der Wachen von Steigerungen bei der Drogenkriminalität betroffen. Rückgänge gab es außer in St. Georg und auf St. Pauli lediglich im Bereich der Wachen Altona, Innenstadt und Langenhorn“, so ein Beamter.

Weniger Taten bei der Beziehungsgewalt

Ähnlich ist es beim Taschendiebstahl. Hier wurde auf St. Pauli für die Zeit des Shutdown ein Rückgang der Taten um 92 Prozent registriert. Den geringsten Rückgang gab es im Bereich der Wache Osdorf mit immerhin noch 46 Prozent. Die Polizei macht für die Entwicklung nicht nur die fehlenden Großveranstaltungen verantwortlich. Auch das fehlende Gedränge bei Bus und Bahn hat dazu geführt, dass deutlich weniger Taschendiebstähle stattfanden.

Überraschend ist die niedrige Zahl der Taten bei der Beziehungsgewalt. Sie liegt für die Zeit des Shutdown um knapp 18 Prozent unter der Zahl des Vorjahreszeitraums. Allerdings geht man davon aus, dass nicht alle Taten bekannt wurden und es noch nachträgliche Anzeigen in nicht unerheblichem Umfang geben wird. Ebenso nahmen bestimmte Eigentumsdelikte nicht wie befürchtet zu, sondern sogar ab. Die Zahl der Fälle von Waren- und Warenkreditbetrug, also Fälle, bei denen etwa auf fremden Namen Waren im Internet bestellt werden, hat um knapp 31 Prozent, also fast ein Drittel, abgenommen. Aber auch hier geht die Kripo davon aus, dass viele Fälle noch angezeigt werden.

Betrügereien über das Internet spielen weiter große Rolle

Ohnehin, so die Einschätzung der Polizei, werden Betrügereien über das Internet weiterhin eine größere Rolle spielen. Auch weil es weniger Tatgelegenheiten in der realen Welt gibt. „Die Leute führen beispielsweise weniger Bargeld mit sich, weil sie kontaktlos zahlen möchten“, so ein Beamter. „Auch das wirkt sich aus. Beispielsweise ist der Straßenraub wohl auch deswegen zurückgegangen.“

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Deutlich weniger Verbrechen auf St. Pauli und in St. Georg

Dafür gibt es neue Maschen im Internet. Mittlerweile versuchen Betrüger, auf der Subventionswelle zu reiten. Sie verschicken E-Mails an Bezieher solcher staatlicher Gelder und fordern im Namen der Investitions- und Förderbank die angeblich zu Unrecht bezogenen Corona-Hilfe unter Androhung von Strafen zurück.

Bestätigt wurde die Vermutungen der Sicherheitsbehörden, dass nach Beginn der Corona-Maßnahmen viele gestohlene Fahrzeuge verstärkt in Richtung Osteuropa verschoben werden. Nach der Schließung der Grenze zu Polen wurden knapp 42 Prozent weniger Autos gestohlen und rund 49 Prozent weniger Fahrzeuge bei Miet- und Leasingfirmen unterschlagen. Vor allem die ganz teuren Autos wurden zuletzt kaum noch gestohlen.

Polizei registriert Verlagerung bei Prostitution

Eine Verlagerung hat die Polizei auch bei der Prostitution registriert. Sie ist wegen Corona verboten. Jetzt gibt es geheime Treffen zwischen Prostituierten und Freiern in Wohnungen. Es gab bereits zahlreiche Hinweise auf die illegale Ausübung der Prostitution, die sich, so die Erfahrung der Polizei, bei einer Überprüfung bestätigt haben.

Hamburgweit ist die Gesamtkriminalität deutlich nach unten gegangen. Hier gibt es auf St. Pauli am stärksten durch den Shutdowns mit einem Kriminalitätsrückgang von 69 Prozent die beste Entwicklung. Danach kommt der Innenstadtbereich mit einem Rückgang der Kriminalität um 45 Prozent. Starke Rückgänge der Gesamtkriminalität von 30 Prozent und mehr gab es auch im Bereich der Wachen Altona, Rotherbaum, St. Georg, Lerchenstraße und Langenhorn. Am wenigsten ging die Kriminalität in der Zeit des Shutdowns in Wilhelmsburg mit elf Prozent zurück.