Hamburg

Autofreier Jungfernstieg: So reagiert die Wirtschaft

Sieht so der autofreie Jungfernstieg aus? Eine Illustration zeigt einen Entwurf, den die Hamburger SPD noch vor der Bürgerschaftswahl präsentiert hatte.

Sieht so der autofreie Jungfernstieg aus? Eine Illustration zeigt einen Entwurf, den die Hamburger SPD noch vor der Bürgerschaftswahl präsentiert hatte.

Foto: Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

SPD und Grüne wollen die Mönckebergstraße von Bussen entlasten. Unternehmensverbände fordern Konzept für Lieferverkehr.

Hamburg. Wirtschaft und Wirtschaftsverbände haben mit vorsichtiger Zustimmung auf die Pläne von SPD und Grünen reagiert, die Innenstadt künftig autoärmer zu machen. In den Koalitionsverhandlungen hatten beide Parteien unter anderem vereinbart, dass der Jungfernstieg für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und der Busverkehr zum Teil und probehalber auch komplett von der Mönckebergstraße auf die Steinstraße verlagert werden soll.

„Wir unterstützen die Initiative der Koalitionspartner für eine attraktive Innenstadt“, sagte Handelskammer-Präses Norbert Aust. Das „Bündnis für die Innenstadt“, das die Kammer gemeinsam mit sechs Verbänden initiiert hat, habe auf die wirtschaftliche Bedeutung der
City aufmerksam gemacht.

Gerade jetzt müssten viele Unternehmen wirtschaftliche Einbußen verkraften. „Daher kommt es für die Zukunft darauf an, dass die Stadt – mehr als bisher – in ihre Innenstadt investiert. Dazu gehören eine Aufwertung der Mönckebergstraße mit weniger oder möglicherweise auch ohne Busverkehr sowie neugestaltete Plätze wie der Burchardplatz oder der Hopfenmarkt“, sagte Aust.

Ladezonen für Wirtschaft in der City?

Auch der Unternehmensverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistung (AGA) unterstützt das Ziel, die Innenstadt aufzuwerten. „Beim Thema autofreie Innenstadt werden bisher die Wirtschaftsverkehre völlig außer Acht gelassen. Bei einer weitgehenden Verbannung des Verkehrs aus zentralen Bereichen der City müssen die notwendigen Liefer- und Wirtschaftsverkehre organisiert werden. Dazu haben wir Konzepte vorgelegt“, sagte AGA-Präsident Hans Fabian Kruse.

Das Innenstadt-Bündnis, dem auch der AGA angehört, hatte unter anderem die Einrichtung von besonderen Lade- und Arbeitszonen sowie Serviceparkplätzen für den Liefer- und Wirtschaftsverkehr vorgeschlagen.

„Das Handwerk begrüßt den kooperativen Ansatz, bei dem alle Beteiligten in die Planung für eine autoarme Innenstadt einbezogen werden sollen. Ich hoffe, dass es nicht nur bei einer Ankün­digung bleibt, sondern dem berechtigten Interesse des Handwerks an einem flüssigen Handwerks-, Liefer- und Wirtschaftsverkehr Rechnung getragen wird“, sagte Handwerkskammer-Präsident Hjalmar Stemmann. „Eine Sperrung am Wochenende ist diskutabel, wenn Not- und Wochenenddiensten eine Anfahrt an die Einsatzorte genehmigt wird“, sagte Stemmann.

Einzelhändler in der City sind skeptisch

Auch die Hamburger Bau- und Ausbauwirtschaft möchte in die Verkehrsplanung eingebunden werden. „Wir möchten Verkehrsmaßnahmen wie die Planung autofreier Zonen begleiten. Der Senat sollte den Verkehr in großen Zonen nicht verbieten oder einschränken, ohne die Folgen für die Hamburger Unternehmen zu gewichten“, sagte Jens Wagner, Obermeister der Innung Sanitär, Heizung, Klempner.

Bei Ernst Brendler, Marine- und Tropenausstatter in der Großen Johannisstraße, hält sich die Begeisterung in Grenzen. „Was am Jungfernstieg geschieht, ist uns egal“, sagte Rolf Osthues. Wichtiger für das Traditionsgeschäft sei es, dass die Große Johannisstraße und der Große Burstah für den Autoverkehr weiterhin frei bleiben. „Denn Hamburg ist eine Autostadt, keine Fahrradstadt.“

Schuhhauses am Jungfernstieg ist bedient

Eine klare Absage kommt von der Filialleiterin des Schuhhauses Prange am Jungfernstieg, Zehra Zeran. Ihre Kundschaft fahre lieber mit dem Auto in die Stadt als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. „Es sind höher betuchte Kunden, die aus Volksdorf oder Ahrensburg kommen und bei uns einkaufen wollen. Sie werden sich nicht in Bus und Bahn setzen – erst recht nicht bei Verspätungen und Zugausfällen“, sagte Zeran.

„Eine verkehrsberuhigte Innenstadt kann ich mir vorstellen, aber nur unter der Prämisse des Aufbaus einer einwandfrei funktionierenden Infrastruktur, die eine Fahrt mit dem privaten Pkw in die Innenstadt überflüssig macht. Die Stadt sollte sicherstellen, dass sich die Einwohner wie in Helsinki per App ihren individuellen Fahrplan mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie zum Beispiel Bussen zusammenstellen können“, sagte Juwelierin Kim-Eva Wempe (Gerhard D. Wempe KG, Steinstraße).

Autofreier Jungfernstieg: CDU übt Kritik

Kritisch bewertet die Opposition die rot-grünen Pläne. „Ich sehe nur einzelne Projekte und kein Konzept. Die autoarme Innenstadt soll sozusagen durch die Hintertür eingeführt werden“, sagte die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Anke Frieling.

„Die Erreichbarkeit von Geschäften für alle Menschen bleibt eine der großen Herausforderungen rot-grüner Politik. Besonders der Verbindungsauftrag des Jungfernstiegs in die anderen Quartiere ist hier völlig außer Acht gelassen worden“, sagte der CDU-Abgeordnete David Erkalp.

„Die Herausnahme der Busse aus der Mönckebergstraße schädigt die Geschäfte und benachteiligt Familien und Senioren, die häufig auf das Busfahren angewiesen sind“, sagte der CDU-Abgeordnete Richard Seelmaecker.

„Viel Rumgeschwurbel, keine verbindlichen Festlegungen“ hat die Linken-Abgeordnete Heike Sudmann in den rot-grünen Plänen entdeckt. „Während in Paris eine große Straße entlang des Seine-Ufers einfach dichtgemacht hat, wird in Hamburg nicht einmal der kurze Ballindamm autofrei“, sagte Sudmann.

Hamburger wollen keine Priorisierung von Autos

„Rot-grüne Verkehrspolitik darf für Bürger und den Einzelhandel nicht zur Einbahnstraße werden“, sagte der AfD-Abgeordnete Detlef Ehlebracht, der mehr Bürgerbeteiligung bei der Einrichtung autofreier Zonen forderte.

„Ein autofreier Jungfernstieg macht nur als Teil eines Gesamtkonzepts Sinn. Die Stadt kann heute nicht mehr unter der Priorisierung des Autoverkehrs geplant werden, das wollen die Hamburger nicht mehr“, sagte der Architekt André Poitiers, der an der jetzigen Gestaltung des Jungfernstiegs mitgewirkt hatte.