Hamburg

Stutthof-Prozess: Niemand musste Wachmann im KZ sein

Bruno D. verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner, links sein Anwalt Stefan Waterkamp.

Bruno D. verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner, links sein Anwalt Stefan Waterkamp.

Foto: Christian Charisius / dpa

Im Prozess gegen einen früheren SS-Wachmann sagte am Freitag ein Historiker aus – und widersprach den Aussagen des Angeklagten.

Hamburg. SS-Wachleute, die ihren Wachdienst in einem Konzentrationslager nicht mehr leisten wollten, hätten Alternativen gehabt. Es sei „jederzeit möglich“ gewesen, sich zu seiner ursprünglichen Wehrmachteinheit zurück versetzen zu lassen, betonte am Freitag ein historischer Sachverständiger im Prozess gegen einen früheren SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof. Diese Möglichkeit habe für alle Ebenen des SS-Dienstes bestanden. Eine Rückversetzung zur Wehrmacht sei zudem „nicht unbedingt“ mit einem Fronteinsatz einher gegangen.

Der Angeklagte Bruno D. (93), dem Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen wird, hatte mehrfach ausgesagt, es habe für ihn, als er als SS-Wachmann eingesetzt wurde, keine Alternative gegeben. Wenn er sich dem Wachdienst verweigert hätte, wäre er schwer bestraft worden, möglicherweise sogar erschossen.

Historiker entkräftet Aussagen des SS-Mannes

Doch Historiker Stefan Hördler zeigte anhand mehrere Quellen aus der NS-Zeit auf, dass Wachleute, die entsprechende Anträge gestellt haben, auch versetzt worden seien, beispielsweise zum Landesschützen-Ersatzbataillon. „Es gibt keinen belegbaren Fall, wo Männer von einer Versetzung einen persönlichen Nachteil hatten.“ Es sei auch „allen bekannt“ gewesen, dass es möglich war, aus dem Wachdienst rauszukommen.

Mehr zum Prozess gegen Bruno D.

Auch Versetzungen aus dem Waffenverband in den zivilen Bereich, etwa zum Stuben- oder Schreibtischdienst, seien möglich gewesen, erklärte der Sachverständige. So habe er beispielsweise Unterlagen über einen Wachmann, der aus Sicht der SS „weltanschaulich nicht ausreichend gefestigt“ war und nun „für den leichten Innendienst“ eingesetzt werden sollte.

„Die SS hatte kein Interesse, Leute, die moralische Probleme haben, im Wachdienst zu lassen“, sagte der Historiker. Denn diese hätten als „nicht zuverlässig“ gegolten. Auch eine Versetzung von einem KZ zum anderen, weil dort zum Beispiel mehr Landwirtschaft betrieben wurde, sei möglich gewesen. „Es gab einen großen Spielraum auch innerhalb des KZ-Systems.“