Prozess

IS-Witwe: "Wir gucken uns den Islamischen Staat mal an"

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Daniel Herder
Omaima A. beim Prozessauftakt im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts.

Omaima A. beim Prozessauftakt im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Die Witwe von Denis Cuspert sagte bei der Haftprüfung, nach Syrien zu gehen sei "die größte Dummheit" ihres Lebens gewesen.

Hamburg. Am Ende des Haftprüfungstermins vor gut zwei Wochen zitiert die mutmaßliche Islamistin und Terroristin Omaima A. das Grundgesetz, Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Nur dachte die jetzt vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht angeklagte 35-Jährige nicht etwa an ihre Rolle beim sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) oder an die Gräueltaten der Terror-Miliz, sondern an ihre eigene Malaise in der Untersuchungshaft.

Sie sterbe „in der Nacht Tausend Tode“. Ihre Psyche sei „extrem belastet“, und fast in den „Wahnsinn“ treibe sie, dass ihre Kinder sie wegen Corona nicht besuchen dürften. Auch müsse sie sich vor jedem Transport aus der Haftanstalt vor Justizbeamtinnen entblößen – ein Angriff auf ihre Menschenwürde. Allein: „Ich bin kein Staatsfeind, war nie einer und werde nie einer sein.“

Omaima A. steht wegen schwerer Verbrechen vor Gericht

Genau andersherum sieht es die Bundesanwaltschaft, sozusagen die Spezialbehörde für Staatsfeinde. Sie hat die Witwe des IS-Top-Terroristen Denis Cuspert unter anderem deshalb angeklagt hat, weil sie gegen das Kriegswaffenkon­trollgesetz verstoßen und ein 13 Jahre altes jesidisches Mädchen monatelang als „Sklavin“ gehalten haben soll. Beide Punkte bestreitet Omaima A., den zweiten ganz energisch. Sie habe das Kind nie wie eine Sklavin behandelt. „Es spielte mit meiner Tochter. Mehr nicht.“

Die ursprünglich für Donnerstag vorgesehene Einlassung der Angeklagten wurde verschoben, weil die Bundesanwaltschaft Akten nachgereicht hatte, die Omaima A.’s Verteidiger noch mit seiner Mandantin erörtern möchte. Stattdessen verlas der Vorsitzende Richter gestern das Protokoll der Haftprüfung vom 20. April. Omaima A. berichtet darin, wie sie sich radikalisierte, wie sie ihre Zeit beim IS in Syrien erlebte und wie sie, zurück in Hamburg und scheinbar geläutert, an einer Karriere als Kosmetikerin feilte.

"Wir gucken uns den Islamischen Staat mal an"

Von 2010 an trug sie demnach einen Gesichtsschleier, besuchte Moscheen und lernte „Brüder und Schwestern“ kennen, darunter ihren späteren zweiten Ehemann Nadir Hadra. 2014 habe sich der „begeisterte Dschihadist“ den Terroristen in Syrien angeschlossen. Er habe unbedingt für den IS kämpfen wollen, so Omaima A. „Ihn hätte nichts aufgehalten.“ Um ihre konfliktbeladene Liasion mit Hadra zu retten, sei sie ihm im Januar 2015 mit den zwei gemeinsamen Kindern (damals 23 und acht Monate) und einer siebenjährigen Tochter aus ihrer ersten Ehe hinterhergereist.

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Ihr Credo: „Wir gucken uns den Islamischen Staat mal an, von dem alle so schwärmen.“ In Raqqa, wo sie zunächst lebte, habe der IS „viele schöne Dinge gemacht“, beispielsweise die Straßen erneuert, Bäume gepflanzt und die Innenstadt aufgehübscht. Sie selbst habe sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert, die Älteste habe die Schule besucht und den Koran auswendig gelernt. Wenn ihr aus ihrer Fürsorge jetzt ein strafrechtlicher Vorwurf gemacht werde, sei das „paradox“. Parallel hätten die Spannungen zwischen ihr und Hadra zugenommen, sie habe nach Deutschland zurückkehren wollen. Ihr Ehemann habe die Ausreise gebilligt, doch ihre Kinder hätten auf sein Geheiß bleiben müssen. „Das kam für mich nicht infrage“, so Omaima A.

Ausreise nach Syrien war "die größte Dummheit meines Lebens"

Hadra wurde im Frühjahr 2015 bei Gefechten getötet. Er habe sich gewünscht, dass sie im Fall seines Ablebens seinen Freund Denis Cuspert alias Rapper Deso Dogg heirate – der aus Berlin stammende IS-Scherge war einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. „Cuspert wollte mich schon 2012 in Deutschland heiraten“, so Omaima A. Im August 2015 vollzog sie dann den Bund mit ihm nach islamischem Ritus. „Er besorgte alles für uns, kaufte ein. Uns fehlte es an nichts.“ Dann jedoch zerstritt sich das Paar. Im September 2016 kehrte sie nach Deutschland zurück und brachte in Hamburg ihre Tochter zur Welt.

Innerlich und äußerlich will sie dem Salafismus abgeschworen haben. Im April 2018, drei Monate nach Cusperts Tod nahe der syrischen Stadt Gharanij, habe sie das Kopftuch abgenommen, sich von „konservativen Schwestern“ distanziert und keine Moscheen mehr besucht. Sie und ihre Kinder seien „angekommen“, so Omaima A. Sie habe für Flüchtlinge übersetzt und von einem eigenen Kosmetik-Studio geträumt. „Ich dachte: Endlich ist das Glück auf meiner Seite.“

Doch ihre Vergangenheit habe sie eingeholt, als die Journalistin Jenan Moussa im April 2019 ihr Leben beim IS öffentlich machte. Im September wurde sie in Neugraben verhaftet – jahrelang hatte sie dort unbehelligt gelebt. „Mein Leben brach wie ein Kartenhaus zusammen“, so Omaima A. Ihre Kinder, zunächst vom Jugendamt in Obhut genommen, würden nun von ihren Eltern betreut. Sie bereue die Ausreise nach Syrien. „Es war die größte Dummheit meines Lebens.“

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