Hamburg

Corona-Krise: Kiez-Clubs protestieren auf St. Pauli

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200 Betreiber von Clubs und Bars auf St. Pauli nahmen an der Aktion teil. Hier können Sie sich alles noch einmal ansehen.

Hamburg. Es blinkt und leuchtet bunt durcheinander, “Rhythm is a dancer“ tönt durch die Große Freiheit, Stimmengewirr, Nebelmaschine, Scheinwerfer. Ein ganz normaler Abend auf dem Kiez – so scheint es. Denn im nächsten Moment ändert sich alles: Ein lautes Signal, alle Lichter gehen nacheinander wieder aus, die Musik verstummt. Und dann ist alles ruhig.


Mit dieser Inszenierung haben am Donnerstagabend Bar-, Club und Diskothekenbetreiber auf St. Pauli auf ihre ganz besondere Notlage aufmerksam gemacht, in der sie sich seit dem Corona-Shutdown befinden. Rund 50 Einrichtungen haben sich an der Aktion beteiligt. Per Livestream verfolgten Tausende Fans und Follower das Spektakel, das von Drag-Queen und Gastronomin Olivia Jones angeführt wurde.

Olivia Jones: "Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod"

„Wir möchten mit unserer Aktion nicht anklagen, sondern ein starkes Bild senden: Leben ist nicht nur das Gegenteil von Tod. Zum Leben gehört mehr, als nur am Leben zu sein“, so Jones. „Es geht auch darum, ein lebenswertes Leben zu haben, um Existenzen, die sich Menschen aufgebaut haben und deren Lebenswerke jetzt bedroht sind.“ So wie hier auf St. Pauli gehe es gerade Bars und Clubs in ganz Deutschland. Doch nicht alle hätten die Möglichkeit, so prominent wie die Gastronomen hier auf sich aufmerksam zu machen. Auch denen soll mit der Aktion eine Stimme gegeben werden.



Jones fasste die Notlage in klare Worte: „Wir waren die ersten, die schließen mussten und wir werden wahrscheinlich die letzten sein, die wieder eröffnen können.“ Die derzeitige Lage sei für alle verheerend: Hohe Mieten, null Umsatz und keine Perspektive auf Besserung. Außerdem fehle es an Hilfsprogrammen, die kleinen Clubs und Bars über diese Wochen und Monate helfen.


Jones betonte: „Auf den ersten Blick geht’s nur ums Vergnügen, aber wenn man genau hinschaut, sieht’s anders aus: Die Stadt lebt zu einem großen Teil vom Tourismus. Und der braucht eine bunte Gastro-Szene. Mindestens in Hamburg. Das wollen wir bewusst machen“, sagte Jones und stellte klar: "Auch wir sind systemrelevant."

Im Verlauf des Abends hielten 25 Vertreter von Bars, Kneipen und Clubs Traueranzeigen in die Höhe, ein Kranz mit der Aufschrift „im stillen Gedenken“ wurde neben einer zertrümmerten Diskokugel niedergelegt.

Kiez-Protest mit Gastronomen wie Susi Ritsch und Daniel Schmidt

Kiez-Pastor Sieghard Wilm, der ebenfalls an der „Zeremonie“ teilnahm, betonte in seiner Rede die Bedeutung von St. Pauli und die Gemeinsamkeit zwischen Kiez und Kirche, die da sei: „Beide glauben an die Auferstehung.“ Weiter äußerte er große Sorge: „St. Pauli ist wie ein buntes Korallenriff. Aber wir wissen auch alle, dass solche Riffe sich nur schwer wieder erholen, wenn sie einmal zerstört wurden.“​


Zu den Initiatoren der Aktion am Donnerstag zählten nicht nur Gastronomen der Großen Freiheit wie Olivia Jones, Susi Ritsch (Susis Show Bar), die Betreiber des Dollhouse oder der Großen Freiheit 36, sondern auch Club- und Barbetreiber aus ganz St. Pauli, darunter Axel Strehlitz (Alte Liebe/Wunderbar/Klubhaus), Daniel Schmidt (Elbschlosskeller/Meuterei), Dominik Großefeld (Silbersack), Oliver Borth (u. a. Hans Albers Eck, La Paloma, Molly Malone) und viele mehr.

Kiez-Protest: Schaulustige halten Abstandsregeln nicht ein

Zahlreiche Schaulustige standen hinter den Absperrungen und beobachteten die Aktion - teilweise eng an eng. Polizisten ermahnten sowohl Passanten als auch Medienvertreter mehrfach, dass die Abstandsregeln eingehalten werden müssen. Am nahe gelegenen Taxistand regte sich kurz nach der Protest-Aktion Unmut darüber, dass die "Regeln offenbar nicht für alle gelten".

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Erst am vergangenen Sonnabend hatte Jones im Gespräch mit Peter Tschentscher auf die schwierige Situation der Kiezwirte aufmerksam gemacht und dem Bürgermeister dabei ein Versprechen abgerungen.