Coronakirse

Hamburger Politologe kritisiert Robert-Koch-Institut

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Prof. Kai-Uwe Schnapp ist Politikwissenschaftler der Universität Hamburg.

Prof. Kai-Uwe Schnapp ist Politikwissenschaftler der Universität Hamburg.

Foto: Michael Rauhe

Kai-Uwe Schnapp, Politikwissenschaftler der Universität Hamburg, bemängelt ungenauen Umgang mit Reproduktionszahl.

Hamburg. Der Hamburger Politikwissenschaftler Prof. Kai-Uwe Schnapp hat das Robert-Koch-Institut (RKI) für einen aus seiner Sicht zu unvorsichtigen und intransparenten Umgang mit Zahlen in der Coronakrise kritisiert. Letzter Auslöser dieser Kritik war die Tatsache, dass das RKI die Reproduktionszahl R zuletzt einmal von 0,96 auf 1,0 aufgerundet hatte. Diese Zahl gibt an, wie viele andere Menschen jeder mit dem neuen Coronavirus Infizierte ansteckt.

„R ist eine Zahl, mit der man sehr vorsichtig umgehen muss, bei der man nicht großzügig, ja nicht mal vorsichtig runden darf, weil bei R Unterschiede, die als Zahlenwert sehr klein anmuten, eine gewaltige Rolle spielen und gegebenenfalls massive politische Konsequenzen haben“, sagte Schnapp dem Abendblatt. „Gleichzeitig führen große Unterschiede in absoluten Infektionszahlen nur zu kleinen Änderungen in R. Das ist wichtig zu verstehen. Eine Reproduktionszahl von 0,96 führt bei der aktuellen Infiziertenzahl von 28.000 dazu, dass man nach 20 Infektionszyklen, grob gesagt wohl rund 20 Wochen, nur noch 12.400 Infizierte hätte. Bei einer Reproduktionszahl von 1,0 bliebe die Zahl bei 28.000. Bei R=1,1 bekämen wir 188.370 – also mehr als sechsmal so viele Infizierte.“

Forderung nach Transparenz

Das RKI gehöre zu denen, „die die Lage sehr, sehr vorsichtig beurteilen. Dabei wird oft mithilfe von R argumentiert“, so Schnapp. „Aber wir erfahren nur sehr wenig über die Zuverlässigkeit dieser Zahl. R ist ein Schätzwert, er ist also nicht genau, sondern bewegt sich in einer Spanne, einem Zuverlässigkeits- oder Vertrauensintervall. Dieses Intervall müsste der Öffentlichkeit ebenfalls mitgeteilt werden.“ Die Wahlforschung mache das seit Jahren mit Schätzungen so, sagte der Politikwissenschaftler. „Zudem können die Menschen Prozentzahlen in der Auswirkung oft nicht richtig einschätzen. Ich plädiere deshalb für zweierlei: Das RKI sollte transparent machen, wie genau und sicher die R-Zahl jeweils ist. Und es sollte die Auswirkungen einer Änderung dieses Wertes fassbarer machen, indem es sie mit absoluten Zahlen unterlegt, also jeweils sagt, wie viele Infektionen wir mit der jeweiligen R-Zahl in soundsoviel Wochen hätten.“

Zwar lobte Schnapp den bisherigen Umgang der deutschen Regierungen mit der Coronakrise. Zugleich forderte er aber eine baldige Überprüfung der sehr weitreichenden Regelungen. „Ich sehe derzeit zwar durch die krisenbedingte Übermacht der Exekutive keine akute Gefahr für die Demokratie. Man muss sich allerdings ein paar Dinge genauer ansehen“, so Schnapp. „Das Infektionsschutzgesetz in seiner aktuellen Form erlaubt sehr weitreichende Eingriffe in Bürger-, Freiheits – und Eigentumsrechte.

Deutschland habe „relativ gut und ziemlich zügig auf die Krise reagiert“

So dürfen die Leute ihre Ferienhäuser, Wohnmobile oder Segelboote nicht benutzen und sich nicht frei bewegen. Echte Demonstrationen sind nicht möglich und damit ist auch die Meinungsäußerung eingeschränkt. Wenn dieses Gesetz in die falschen Hände geriete, würde es wie ein kleines Autokratengesetz wirken. Man muss sich einige Dinge daher sehr genau ansehen und hier auch bald wieder gegensteuern.“

Grote: Maskenpflicht trifft auf "sehr hohe Akzeptanz"
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Im Vergleich zu anderen Ländern habe Deutschland insgesamt „relativ gut und ziemlich zügig auf die Krise reagiert“, so Schnapp. „Das Gesundheitssystem, der Staat und die Verwaltung funktionieren gut. Die Maschine schnurrt gewissermaßen. Die jeweiligen Experten bringen ihren spezifischen Blick auf die Lage, die Politik muss dann eine Balance finden, und ich finde, das gelingt ganz gut. Man wird später sicher einmal sagen: Hier hätte weniger gereicht und hier hätten wir mehr machen sollen. Aber im Großen und Ganzen würde ich der Regierung aus heutiger Sicht eine gute Note geben.“

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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