Coronavirus

Asklepios-Chefarzt: "Die Grippe machte größere Probleme"

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Prof. Dr. Volker Ragosch ist Chefarzt der Frauenklinik  bei Asklepios in Altona und Sprecher der Ärztlichen Direktoren.

Prof. Dr. Volker Ragosch ist Chefarzt der Frauenklinik bei Asklepios in Altona und Sprecher der Ärztlichen Direktoren.

Foto: Marcelo Hernandez

Direktoren-Sprecher Prof. Dr. Volker Ragosch sieht Hamburg in der Krise auf einem guten Weg, sorgt sich aber um die Notaufnahmen.

Hamburg.  Prof. Dr. Volker Ragosch ist Sprecher der Ärztlichen Direktoren an den Hamburger Asklepios Kliniken. Ein Gespräch über die Situationen in den Krankenhäusern, über die Grippewelle 2017/18, übertriebene Ängste – und über Impfgegner.

Hamburger Abendblatt: Wie erleben Sie als Chefarzt und Ärztlicher Direktor die Krise?

Volker Ragosch: Wir können alle sehr froh sein, dass wir in Deutschland leben. Unsere Gesundheitsämter und das gesamte Gesundheitssystem leisten fantastische Arbeit, die maßgeblich dazu beiträgt, dass wir die Epidemie im Moment gut unter Kontrolle haben. Die Kommunikation zwischen Krankenhäusern und Gesundheitsämtern funktioniert hervorragend. Wir sind in Hamburg wirklich auf alle Eventualitäten extrem gut vorbereitet. Bei Asklepios behandeln wir mehr als die Hälfte der betroffenen Patienten, und das läuft wie am Schnürchen. Die Grippewelle 2017/18 hat uns vor deutlich größere Probleme gestellt als im Augenblick Covid. Damals drohte der Krankenhaussektor wirklich an die Grenzen seiner Möglichkeiten zu kommen.

Das große Ziel im Kampf gegen das Virus ist, die Krankenhäuser in Hamburg nicht zu überlasten. Wie weit sind denn die Asklepios Kliniken von ihren Kapazitätsgrenzen entfernt?

Ragosch: Weit. Die Intensivstationen haben noch recht viele freie Kapazitäten, auch die Situation auf den normalen Stationen mit Covid-Patienten haben wir sehr gut im Griff. Außerdem können wir bei der Verschlechterung der Lage unsere Kapazitäten deutlich ausweiten.

Wie kann es sein, dass auf einmal deutlich weniger Menschen in die Notaufnahmen kommen und in Hamburgs Krankenhäusern insgesamt nur 50, 60 Prozent der Betten belegt sind?

Ragosch: Das macht mir persönlich am meisten Sorgen. Bei zu vielen Patienten wird durch die mediale Überfrachtung des Themas Corona eine Angst davor erzeugt, in die Notaufnahme, ins Krankenhaus oder überhaupt zu einem Arzt zu gehen. Wie viele schwere Erkrankungen deshalb zu spät erkannt oder behandelt werden, wird man erst nach dem Ende der Coronakrise sagen können.

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Wenn die Krankenhäuser über einen längeren Zeitraum nur zu 50 oder 60 Prozent ausgelastet sind, wird es zwar nicht zu Engpässen bei den Betten, wohl aber bei den Einnahmen kommen …

Ragosch: Die wirtschaftlichen Folgen sind ein Riesenproblem, nicht nur für die Krankenhäuser, sondern für alle Bereiche. Wir haben zwar eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, was sich derzeit eindrucksvoll beweist, aber dieses Gesundheitssystem muss auch finanziert werden. Wir müssen aufpassen, dass wir dieses System weder über- noch unterfordern. Das wird die große, schwierige Aufgabe der kommenden Wochen sein. Wenn die Fallzahlen auf den Intensivstationen sinken, wie es zum Glück derzeit ist, wird die Politik irgendwann darüber entscheiden müssen, wieder planbare Operationen zuzulassen, die wir im Moment zu Recht verschoben haben.

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Wie schätzen Sie die Gefährlichkeit des Virus ein?

Ragosch: Nicht so, dass man panisch werden muss, die meisten Erkrankten haben milde Krankheitsverläufe oder gar keine Symptome. Gefährlich kann das Virus für ältere und vorerkrankte Menschen werden, die wir besonders schützen müssen. Wenn wir die Coronaepidemie ungeordnet laufen lassen würden, hätten wir ein Riesenproblem. Aber in der kon­trollierten Situation, die wir jetzt erreicht haben, kann man das Virus gut kontrollieren. Wenn die Bürger sich weiter an die eingeübten Schutzmaßnahmen halten, haben wir gute Chancen, die Fallzahlen der Grippewelle 2017/18 deutlich zu unterbieten. Und ich glaube, dass die Bevölkerung wirklich verstanden hat, worauf es jetzt ankommt. Auch deshalb bin ich froh, in Deutschland zu leben.

Sie sind Chefarzt für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Was bedeutet das Virus für werdende Mütter?

Ragosch: Wir haben in der Geburtshilfe keine Coronakrise. Das Einzige, was ich bedenklich finde, sind Berichte darüber, dass die Zahl der Hausgeburten im Moment steigt. Erstens muss man sich die Relation ansehen: Bisher finden in Deutschland etwa ein Prozent der Geburten außerhalb von Krankenhäusern statt, selbst wenn das jetzt zunimmt, reden wir über eine extrem geringe Zahl von Fällen. Zweitens kann ich Frauen nur davon abraten, aus Angst vor einer Ansteckung zu Hause zu entbinden. Die Chance, dass dort etwas Unvorhergesehenes mit Mutter und/oder Kind passiert, ist wesentlich höher, als in der Klinik Corona zu bekommen. Hier sind alle Mitarbeiter extrem gut geschult, die Hygiene- und Sicherheitsstandards sind auf einem sehr hohen Niveau.

Welche Rolle spielen Kinder bei der Verbreitung von Corona?

Ragosch: Wenn man sich eine aktuelle Studie aus Island ansieht, scheinen Kinder bei der Verbreitung von Corona ein geringes Problem zu sein. Laut der Studie ist es relativ unwahrscheinlich, dass die Kinder die Hauptüberträger sind. Aber bevor man das nicht hundertprozentig weiß, sollte man nicht von heute auf morgen alle Schulen und Kitas wieder aufmachen. Ich finde es sehr weitsichtig, dass das in Etappen passiert.

Wie finden Sie die jetzt beschlossenen Lockerungen?

Ragosch: Sehr gut. Denn die Angst vor Corona führt ja nicht nur dazu, dass andere Erkrankungen unbehandelt bleiben. Auch häusliche Gewalt, Depressionen, etc. werden angesichts der Isolationsmaßnahmen zunehmen. Ich mache mir große Sorgen um Kinder in Familien, auf die man im Moment überhaupt keinen Zugriff hat. Manchmal sogar mehr als um Patienten, die Corona-positiv sind.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Glauben Sie, dass die tiefgehende Corona-Erfahrung positive Auswirkungen auf das künftige Impfverhalten der Hamburger haben wird?

Ragosch: Als Arzt ist mir sowieso ein Rätsel, dass es Menschen gibt, die gegen Impfungen sind. Ich kann nur dringend raten, sich gegen Influenza impfen zu lassen, damit wir solche Situationen wie 2017/18 nicht noch einmal erleben müssen. Ich hoffe, dass Corona wenigstens dazu führt, den Quatsch, den Impfgegner verbreiten, nicht mehr ernst zu nehmen. Gerade auch Schwangere gehören gegen Influenza geimpft, denn die kann für sie wirklich zu einem Problem werden.

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