Reportage

Corona: Was die Quarantäne mit einer Hamburger Familie macht

Szenen einer Quarantäne. Unsere erkrankte Reporterin Yvonne Weiß mit ihren Kindern Minna und Jesse.

Szenen einer Quarantäne. Unsere erkrankte Reporterin Yvonne Weiß mit ihren Kindern Minna und Jesse.

Foto: Yvonne Weiß

Abendblatt-Reporterin hat sich mit Covid-19 infiziert und darf ihre Wohnung nicht verlassen. So ändert sich das Familienleben.

Hamburg. Der Anruf kam morgens, und wie negativ ein „positiv“ unseren Alltag verändern würde, das war mir in dem Moment nicht klar. Intuitiv vielleicht schon, denn ich versteckte mich noch während des Gesprächs mit dem Arzt unter meinem Schreibtisch. Als würde mich da unten der Horror nicht erwischen. Doch er stand bereits in den Startlöchern, er ließ mir nur noch eine Gnadenfrist …

Das Gesundheitsamt Hamburg-Nord reagierte zack, zack. Eine Stunde später lag bereits eine Benachrichtigung im Postfach: „Bitte melden Sie sich umgehend bei uns, sonst müssen wir leider die Polizei kontaktieren.“ Wow! Ich hätte mich auch ohne Drohung unverzüglich gemeldet. Aber dies ist nicht mehr die Zeit der Höflichkeiten. Würden wir anstatt in Eppendorf im Wilden Westen leben, hätte man dann ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt? Ob ich ein hübsches Plakat abgegeben hätte? Und was ist eigentlich die Ergreifung eines Covid-19-Überträgers wert? Sie denken, ich bin zu sensibel und übertreibe. Aber das tun alle gerade, und das Virus begann bereits, meinen Kopf und meine Gefühle einzunehmen.

„Wieso hast du dich denn testen lassen?“, fragt mein irritierter Mann. Berechtigte Frage, denn vor ihm steht eine (noch) kerngesunde Ehefrau. „Ich konnte plötzlich nichts mehr schmecken und riechen, und Jesse war doch in Österreich“, sage ich in leichter Abwehrhaltung. Verteidigung wird in den nächsten Tagen zu meiner Grundhaltung werden. Jesse ist unser siebenjähriger Sohn, er war Ski fahren mit meinen Eltern. Dass ein Land wie Österreich mal einen kompletten Imagewandel vom „Gefühl Heidi“ zum „Gefühl Panik“ durchlaufen muss, das tut mir wirklich leid. Es gibt keine Gegenden mehr für die heile Welt.

Montag: Tag 1 in Quarantäne

Unsere Wohnung ist schön. 100 Qua­dratmeter für vier Personen, das sollte reichen. Nur leider kein Garten. Ob unsere extrem aktiven Kids es aushalten, zwei Wochen lang drinnen zu bleiben? „Die Frage ist doch eher, ob du das aushältst!“, sagt mein Mann. Ein Prophet, wie sich zeigen wird. „Mund auf!“, befehle ich und stopfe ihm einen Tupfer für einen Selbstabstrichtest in den Rachen. Er würgt. Ich zeige Verständnis. Mir würde auch schlecht werden, hätte ich eine Corona-Ehefrau geheiratet.

Scherz des Tages: Die Sachunterrichts-aufgabe für den heimischen Schulunterricht trägt heute die Überschrift „Lesetexte für Viren und Bakterien“. „Du kannst jetzt in mir lesen“, sage ich zu meinem Sohn. „Dürfen wir fernsehen?“, entgegnet er. Von unseren 336 Stunden in Isolation sind schon drei rum. Hurra.

Dienstag: Phase der Akzeptanz

Ein langes Wochenende ist auch deshalb toll, weil man weiß: Danach geht es wieder in den Alltag zurück. Doch wir dürfen hier nicht mehr raus. Wie lange dauert es, bis man Gefangenschaft akzeptiert? Ich stelle mir vor, der Gemeinschaft zu dienen, sage mir, dass es einen Sinn hat. Leben retten! Hallo? Geht es noch sinnvoller? Aber mein Freiheitsdrang hat mehr Power als meine Vernunft. War schon immer so.

Als Reporterin hatte ich die Gelegenheit, zwei Justizvollzugsanstalten Hamburgs besuchen zu dürfen. Es gehe darum, so schnell wie möglich in die Phase der Akzeptanz zu kommen, hatte mir ein Häftling erzählt, sonst würde man verrückt. Als ich hinter Gittern Interviews führte, fühlte ich mich unweigerlich schwach und konnte nicht mehr tief atmen, obwohl ich wusste, ich darf abends wieder raus. Aber Begrenzung ist eben spürbar, selbst wenn sie andere betrifft. Rilke.

Ich stehe permanent am Fenster und denke, die könnte ich ja jetzt mal putzen. „Lasst uns einen Plan machen“, schlage ich meiner Familie vor. Struktur und Ordnung sollen angeblich stützen. Also: 1. aufstehen. Klingt trivial. Aber weil es sich gut anfühlt, Dinge abzuhaken, schreibe ich es mit auf. Um 9 Uhr Video-Call mit Minnas Kitafreunden. 10 Uhr eine Stunde Homeschooling. 11 Uhr Omas und Opas anrufen. Danach Sportstunde per YouTube mit Alba Berlin.

14 Uhr: Telefonat Jesse mit seinem Schulfreund. Sie sollen sich auf Wunsch der Lehrerin regelmäßig über ihre Hausaufgaben austauschen. Dann irgendein Spiel spielen, wobei ich keine Ahnung habe, welche Spiele wir besitzen. Ich verabscheue Brettspiele. Mehr noch als Mücken und Viren (diese Ansicht werde ich schon übermorgen revidieren). 15 Uhr: eine weitere Stunde Heimunterricht. 17 Uhr: Videochat mit meiner Freundin, währenddessen dürfen die Kinder auf dem iPad Bilder malen, in der Anton-App Aufgaben lösen oder sich ein Hörspiel in der Tigertones-App aussuchen (zurzeit 30 Tage umsonst). Vor dem Einschlafen dann 20 Minuten KiKa-Fernsehen. Feierabend. Ohne Feier, dafür mit Klatschen auf dem Balkon (21 Uhr).

Wenn der Ehemann plötzlich Fleisch isst

„Du hast etwas Wichtiges im Ablaufplan vergessen“, sagt mein Mann. Unmöglich, ich vergesse nie etwas. „Sollen wir 14 Tage lang nichts essen?“ Ah. F…! Mir fällt schlagartig auf, dass ich keinen einzigen Hamsterkauf getätigt habe. „Warst du im Supermarkt?“, frage ich meinen Mann. Dieser Je-ne-sais-quoi-Blick! „Ich habe nach deinen Schock-News zumindest einen Tischgrill für den Balkon bestellt“, antwortet er. Bitte? Wir grillen nie, ich esse nicht einmal Fleisch. Ich dachte, mein Mann auch nicht. Aber die Wahrheit kommt eben erst dann ans Tageslicht, wenn man 24/7 aneinandergekettet ist. Darüber reden wir noch.

Zuerst gilt es, die Versorgungslage zu klären. Für eine schonungslose Inventur begebe ich mich auf Expedition durch unsere Küchenschränke. Na gut, ein Schrank, ein Kühlschrank und ein Regal, in dem ausschließlich Tee steht. Hightea könnte ich jahrelang abhalten, so viel steht fest. Auch der Weißwein scheint bis Weihnachten zu reichen, davon werden nur leider die Kinder nicht satt. Die Tiefkühltruhe hatte ich bislang stets für die Aufbewahrung spezieller runder Eiswürfel reserviert, ein Fehler, wie ich nun eingestehen muss.

Aus den gefundenen Zutaten fabriziere ich in einer stundenlangen Kochaktion (Aktionismus hilft immer, egal bei oder gegen was) Granola, Pesto und Hirsebrei. „Eklig!“, lautet der einstimmige Familienkommentar. Sie haben vollkommen recht, aber mehr gibt unser Vorrat nicht her. Der Rewe-Fahrer kann erst in zehn Tagen wieder. Folgende Restaurants bieten kontaktlosen Lieferservice an: Stadtsalat, Küchenfreunde, Paledo, Henriks, Peter Pane und Remo. Mit dieser Nahrungsbeschaffungsmethode wären wir aber nach zwei Wochen pleite … Es hilft nichts, wir müssen unsere Freunde über meine Infektion informieren.

Mittwoch: Isolation bedeutet nicht Einsamkeit

Ich bin so gerührt, dass ich weinen würde, wäre ich nicht eine so coole Person. Ja, okay, Corona macht uns alle zu Lügnern. (Noch ein Beispiel? „Das ist kein trockener Husten, ich habe mich nur verschluckt.“ Genau.) Jedenfalls bin ich zutiefst bewegt, weil nach meinem Coming-out plötzlich wirklich ungefragt Lebensmittel, Bücher, Spiele und Paracetamol vor unserem Haus abgeliefert werden. Konstanze, Christophe, Sabrina, Katja, Laura, Leonard, Anna, Olga und Stephie: Ihr seid die Größten. „Mama, die kaufen besser ein als du!“, kommentiert mein Sohn begeistert eine Tüte, in der Schokoladen-Nikoläuse liegen.

Mein erstes Quarantäne-High! Isolation bedeutet nicht Einsamkeit. Im Gegenteil. Durch den Shutdown habe ich viel mehr Zeit, mich (per Telefon) um meine Freunde und die Schulaufgaben meines Kindes zu kümmern. Sonst piept ein beruflicher Termin nach dem anderen in meinem Outlook-Kalender. Jetzt immer noch, weil ich mich bislang nicht getraut habe, die schöne alte Welt zu löschen. Ich erschrecke mich jedes Mal bei einer Erinnerung, weil ich fürchte, etwas verpasst zu haben. Aber die Meetings und Veranstaltungen stammen aus einer Zeit vor dem Virus. Es gibt die Zeit davor, und es wird eine Zeit danach geben. Alles langsamer, vorsichtiger, kleiner. „Ob die Menschen sich jemals wieder zum Oktoberfest trauen?“, fragt mein Mann. Raten Sie mal, aus welchem Bundesland er kommt.

Abends stehen wir einträchtig auf dem Balkon und klatschen. Rührend. Nächstenliebe ist ansteckender als ein Virus. Vielleicht hat uns das allen gefehlt in unserer Alles-ist-möglich-Welt, etwas, womit wir solidarisch sein können. Oder zumindest ein gemeinsamer Feind. Desaster fördern soziales Verhalten. Also außerhalb der Familie! „Ich bringe den Müll runter!“ „Nein, ich!“, streiten wir uns, als die Kinder schlafen. Probleme von früher nur andersherum. Der Weg zur Tonne erscheint wie Freigang. Einmal kurz die Wohnung verlassen, herrlich. Ich verliere diesen Kampf, denn mein Gatte hat in sein Mail-Postfach geguckt. Sein Testergebnis: negativ. „Wir knutschen zu wenig!“, lautet seine Schlussfolgerung, so wie: „Demnach darf ich rausgehen, denn ich bin weniger ansteckend als du.“

Merke: Es gibt Quarantäne-Personen erster und zweiter Klasse.

Donnerstag: Das Fieber kommt

Ich habe mir für diesen Tag Folgendes vorgenommen: einen Text schreiben, mit den Kindern ein Corona-Einhorn basteln, den Balkon putzen, an drei Videokonferenzen teilnehmen, alle Mahlzeiten gesund und selbst zubereiten, nett zu meinem Mann zu sein. Leider komme ich nicht dazu. Die Dame vom Gesundheitsamt hatte mich angewiesen, zweimal am Tag Fieber zu messen und alles zu dokumentieren. Ich denke, dass unser Thermometer spinnt, denn wie zu Gefangenschaften verhalte ich mich zu Krankheiten: null Akzeptanz. Verdrängung. Doch das Fieber gewinnt.

Ich lege mich auf das Sofa und nenne mein Dasein euphemistisch „Cocooning“. Den Kindern beweise ich, dass es durchaus möglich ist, im Liegen „Mensch ärgere Dich nicht“ zu spielen und „Lotti Karotti“.

Mein Mann kommt kurz aus seinem Homeoffice (Küchentisch) vorbei, guckt mich an und diagnostiziert: „Oh. Dein Gesicht, ganz rot.“ Wenn Viren sichtbar werden, erst dann begreift man, wer am Ende der Stärkere ist. Ich bin es nicht.

Freitag: Das Selbstmitleid gewinnt Oberhand

Das Fieber kommt und geht wie Ebbe und Flut. Heißt es Shutdown oder Shotdown? In unserer Altbauwohnung gibt es keinen Ort, an den man sich so wirklich zurückziehen kann, also liege ich apathisch herum, während um mich herum mein Mann alle Aufgaben wuppt, die mal mir gehörten. Corona nimmt mir meine Daseinsberechtigung. Mein Mann ist der Krisengewinnler. Er kocht, spielt, organisiert, räumt auf, macht Kita-Morgenkreis („Weißt du, was die da eigentlich machen? Na ja, egal, denke ich mir was aus“), sitzt morgens frisch rasiert und im weißem Hemd in der Küche. Manieren beginnen beim Frühstück.

Zwischendrin und wenn alle schlafen, arbeitet er bis 3 Uhr früh, dann stellt er mir Tee hin und sagt: „Werde schnell gesund, Schatz.“ Ich hasse ihn. Ich hasse meine Krankheit. Ich hasse meine Untätigkeit. Ich hasse die Sonne, die scheint wie nie zuvor. Zwölf Stunden täglich. Das nennt man astronomisches Maximum. Die Wetterexperten behaupten, es habe nichts damit zu tun, dass kaum mehr Flugzeuge fliegen und der Himmel seine Ruhe habe. Aber wer an Karma glaubt, der weiß es besser. Aber vor allem hasse ich mein Selbstmitleid und dass ich zu einer ungerechten, jammernden Person geworden bin. Meine Lunge sticht. Oder ist es mein Herz? Warum habe ich nicht Medizin studiert?

Sonnabend: Die Lunge brennt

Mein Sohn rennt zur Wohnungstür, weil er hört, dass unsere Nachbarn vorbeigehen. Er sagt ihnen normalerweise immer Guten Tag und plaudert mit ihnen. Schnell raffe ich mich auf und reiße ihn von der Tür weg: „Nein, lass das, du darfst nicht mit ihnen reden!“, schreie ich. So weit ist es gekommen. Wegen Corona brülle ich meinen Sohn an, der nur höflich sein wollte. Was für Kollateralschäden bringt diese Krise noch mit sich? In einer angesehenen Zeitung lese ich die Schlagzeile: „ Wer darf überleben?“ Es geht um die Frage, welcher Coronapatient ein Intensivbett bekommt und wer nicht, falls es irgendwann zu viele werden sollten. Wer hat Priorität? Was für eine Diskussion.

Ich kann nicht anders, als mir zu überlegen: Welchen Beitrag leiste ich eigentlich für diese Gesellschaft, der einen Arzt davon überzeugen würde, im Zweifel mir das Beatmungsgerät zuzuweisen? Meine Lunge sticht mahnend. Als würde jemand in mir ein Loch bohren wollen. Ein sehr engagierter Heimwerker. Ich bin eine Baustelle. Betreten verboten.

Ich rufe einen befreundeten Arzt an, weil mir die Schmerzen langsam Sorgen machen. Er stellt viele Fragen und meint, ich müsste eigentlich ein EKG machen lassen, weil die Schmerzen atemunabhängig sind. Tja, EKG hab ich nicht zu Hause; eine Apple Watch wäre jetzt hilfreich, wieso besitze ich so einen Technik-Schnickschnack nicht?

Nacht zum Sonnabend: Bin ich ein Weichei, oder tut das wirklich so weh? Ich wälze mich ein paar Stunden hin und her, stelle mich immer wieder auf den Balkon und atme tief und langsam ein, wie mir der Arzt empfohlen hatte. Um sechs Uhr früh halte ich es nicht mehr aus und wähle 116 117. Ich werde ein paarmal durchgestellt, bis ich einen Ansprechpartner habe. Er sagt: „In zwei bis drei Tagen kann jemand bei Ihnen sein.“ Bitte? Ich müsse Verständnis haben, sie seien total überlastet.

Mir gehe es wirklich schlecht, sage ich vorsichtig, und ich wisse nicht, was ich habe. „Das kann ich Ihnen sagen. Sie haben Corona. Da fühlt sich die Lunge eben an, als würde sie brennen.“ Da könne man wenig machen. Die indirekte Message ist klar: Reißen Sie sich zusammen! Ich lege auf. Okay. Dann reiße ich mich jetzt zusammen.

Mein Mann kommt rein, er schläft zur Sicherheit im Zimmer unserer Tochter. „Mit wem hast du gesprochen?“ „Ach nichts. Und wie war deine Nacht so?“ Ich habe ihn husten gehört. Sehr häufig. „Mir geht es sehr gut, ich habe wirklich super geschlafen.“

Da sitzen wir auf dem Bett und lügen uns an, damit sich der andere keine Sorgen macht. Ich nehme seine Hand. Noch neun Tage.