Coronavirus

Infektiologin: „Ich würde Selbsttests nicht empfehlen“

Prof. Marylyn Addo leitet am UKE die Infektiologie und ist an der Erforschung eines Impfstoffs beteiligt.        FUNKE Foto Services

Prof. Marylyn Addo leitet am UKE die Infektiologie und ist an der Erforschung eines Impfstoffs beteiligt. FUNKE Foto Services

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Hamburger Professorin Marylyn Addo setzt auf Erforschung eines Ebola-Mittels gegen Corona. Sie weist auf Merkwürdiges hin.

Hamburg.  Prof. Marylyn Addo ist eine der führenden Infektiologen Deutschlands. „Keep calm and carry on“ steht auf einem Plakat in ihrem Büro im zweiten Stock des UKE-Hauptgebäudes. „Bleib ruhig und mach weiter“ – das scheint auch das Motto der Medizinerin im Umgang mit dem Coronavirus.

Hamburger Abendblatt: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Hamburg ein?

Prof. Marylyn Addo: Momentan ist die Lage in Hamburg noch relativ ruhig. Wir haben ansteigende Zahlen von Covid-Fällen, wir haben auch schon Patienten, die stationär behandelt werden – aber es hält sich alles noch im Rahmen.

Einige Ihrer Kollegen sprechen schon von einer monatelangen Corona-Quarantäne, die auf uns zukommt. Wie lange wird dieser Ausnahmezustand nach Ihrer Einschätzung andauern?

Prof. Marylyn Addo: Das ist schwer vorherzusagen. Ich gehe schon davon aus, dass wir mehrere Wochen und wahrscheinlich bis Ostern damit beschäftigt sind. Wir hier im Krankenhaus bereiten uns seit Wochen auf diese steigenden Fallzahlen vor. Es ist Kapazität da, auch für Beatmungsplätze, und wir wissen, welche Station wir nutzen, wenn eine andere voll ist. Bisher gibt es dafür noch gar keinen Bedarf. Aber wir wissen, dass die Zahl der Fälle in den kommenden zwei Wochen stark ansteigen wird.

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UKE-Virologin: "Wir können die Corona-Ausbreitung nicht verhindern"

Warum überträgt sich das Coronavirus schneller als andere Viren?

Prof. Marylyn Addo: Bisher waren drei verschiedene Coronaviren für große Ausbrüche verantwortlich. Mers hatte eine hohe Letalität, war aber nicht sehr ansteckend. Sars lag dazwischen. Bei Covid-19 sehen wir viele eher milde Verläufe, aber die Ansteckung ist sehr hoch.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Stimmt es, dass die Infektion bei Männern häufiger tödlich endet?

Prof. Marylyn Addo: Es gibt Signale, dass die Verläufe bei Männern schwerwiegender waren. Unterschiedliche Ausprägungen zwischen Männern und Frauen sind bei Infektionskrankheiten nicht neu. Wir müssen dies beobachten und die Daten systematisch auswerten.

Wie wird sich die Zahl der Infektionen entwickeln, welche Szenarien halten Sie für realistisch?

Interaktive Karte zum Coronavirus

Prof. Marylyn Addo: Belastbare Projektionen zu erstellen ist schwierig. Wir konzentrieren uns darauf, die Stadt und unsere Krankenhäuser gut vorzubereiten und Ruhe zu bewahren. Man kann sich da totrechnen. Wir versuchen momentan, die Welle der Erkrankungen flach zu halten.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer? Stimmt es, dass sie hundertfach größer ist als die der bestätigten Fälle?

Prof. Marylyn Addo: Es gibt sicherlich noch nicht identifizierte Covid-Fälle in Hamburg, aber wir haben schon sehr früh, im Januar, damit begonnen, im Hintergrund Menschen zu testen, die mit einem Schnupfen oder Verdacht auf Grippe kamen, auch wenn dies nicht angefordert wurde. Da gab es kein Signal. Wir haben eigentlich das Gefühl, dass wir die ganze Sache sehr gut haben kommen sehen. Das ist vielleicht auch ein Unterschied zu Italien. Da zirkulierte das Virus schon mehrere Wochen, bevor der erste Fall diagnostiziert wurde.

Ist die Durchseuchung der Bevölkerung, wie es heißt, zu verhindern? Wäre das überhaupt sinnvoll oder ist sie das einzige Mittel, damit die Bevölkerung nach und nach einen Immunschutz aufbaut?

Prof. Marylyn Addo: Das Ziel ist momentan nicht zu verhindern, dass wir viele Infektionen haben. Das ist nicht zu verhindern: Es ist eine hochansteckende Erkrankung, und wir haben keinen Impfstoff. Was wir wollen, ist, die Kurve der Erkrankungen abzuflachen. Und die Infektion ist für die meisten Betroffenen nicht so schlimm. Wir müssen uns daran erinnern: Bei den üblichen Erkältungswellen, die wir in Deutschland haben, sind zehn Prozent der Erkrankungen durch Coronaviren verursacht. Wir haben jetzt auch schwere Verläufe gesehen, deshalb nehmen wir das durchaus ernst. Aber für die meisten ist es eine kurze Erkältung, manche haben auch ganz wenige oder gar keine Symptome. Die Ersten sind ja schon genesen.

Sie forschen auch am Impfstoff – wann wird einer da sein? Die ersten werden ja sogar schon für diesen Herbst angekündigt.

Prof. Marylyn Addo: Das ist eine sehr sportliche Projektion. Ich finde, wir sollten schon fast feiern, dass wir die Impfstoffentwicklung so früh und so schnell auf den Weg gebracht haben, wie es das noch nie war. Und dass nach nur drei Monaten jetzt die erste Probandin mit einem Impfstoff geimpft wurde, um dessen Sicherheit zu testen. Aber ich denke, auch dieser Impfstoff wird wahrscheinlich nicht vor 2021 verfügbar sein – und das ist der erste, der überhaupt schon so weit ist.

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Warum werden nicht mehr Menschen auf das Coronavirus getestet?

Prof. Marylyn Addo: Wir können nicht jeden testen, der sich sagt: Es wäre interessant zu wissen, ob ich mich mit Coronaviren infiziert habe. Aus zwei Gründen: Wir versuchen diejenigen zu testen, die Symptome haben – also Husten, Schnupfen, Heiserkeit und vor allem Fieber. Das brauchen wir, um zu wissen, wie wir sie behandeln. Wenn jemand Ski fahren war in Österreich und sich testen lassen möchte, hätte das Ergebnis für ihn keine Konsequenz. Dann ist er heute negativ, aber entwickelt übermorgen einen Schnupfen. Wir müssen vorsichtig sein und unsere Ressourcen schonen, weil wir noch viele Menschen werden testen müssen.

Was ist von den Selbsttests zu halten, die etwa eine Hamburger Firma gegen Bezahlung anbietet? Die Kassenärztliche Vereinigung warnt, dass Laien die nicht richtig durchführen könnten und bei falschen negativen Ergebnissen auf Vorsichtsmaßnahmen verzichten, obwohl sie eigentlich infiziert sind.

Prof. Marylyn Addo: Ich würde Selbsttests nicht empfehlen. Ich verstehe das Unsicherheitsgefühl bei vielen Menschen. Aber momentan sind das zum Teil Antikörpertests. Das heißt: Sie zeigen eine Coronainfektion frühestens nach sechs, sieben Tagen positiv an. Die frühe Ansteckungsphase wird da gar nicht erfasst.

Eine Hoffnung ruht auf Medikamenten, die die Symptome einer Corona-Erkrankung abschwächen können – etwa das Ebola-Mittel Remdesivir und das Malaria-Medikament Chloroquin.

Prof. Marylyn Addo: Es gibt Substanzen, die schon für andere Indikationen zugelassen sind und bei anderen Coronavirus-Infektionen gezeigt haben, dass etwa im Reagenzglas eine Wirksamkeit da ist – gegen Sars oder gegen Mers. Und eine neue Substanz, die gegen Ebola getestet wurde, deshalb wissen wir schon einiges über das Nebenwirkungsprofil. Das ist ja wichtig: Wird das Medikament gut vertragen? Bei wem kann man es anwenden? Dieses Medikament hat im Reagenzglas jetzt schon Aktivität gegen Sars-Coronavirus-2 gezeigt und hat bei Mers im Mausmodell die Lungenveränderung beispielsweise verbessern können. Deshalb ist das eine Substanz, von der wir uns einiges erhoffen. Aber wir müssen das in systematischen klinischen Studien testen.

Wann kann man darauf hoffen, dass das einsetzbar ist?

Prof. Marylyn Addo: Die klinischen Studien laufen jetzt an. Eine Zulassung noch in diesem Jahr – auch eine Notfallzulassung – kann ich mir nicht vorstellen. Da brauchen wir vermutlich bis zum kommenden Jahr. Wir werden in den nächsten Monaten die ersten Sicherheitssignale sehen, dann wird man mehr Daten darüber haben, wem man es geben kann, gibt man es früh oder gibt man es spät.