Hamburg-City

Cremonbrücke über die Willy-Brandt-Straße wird abgerissen

Die Tage der Cremonbrücke über die Willy-Brandt-Straße sind gezählt. Hinten das Mahnmal St. Nikolai.

Die Tage der Cremonbrücke über die Willy-Brandt-Straße sind gezählt. Hinten das Mahnmal St. Nikolai.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Eine Fußgängerampel soll das blaue Bauwerk ersetzen. Daneben entsteht ein Wohn- und Bürohaus. Denkmalschützer protestieren.

Hamburg.  Die Cremonbrücke, die seit 1982 über die sechsspurige Willy-Brandt-Straße (damals noch Ost-West-Straße) führt, wird nach Abendblatt-Informationen abgerissen. Im vergangenen Jahr hatte sich eine Initiative gegründet, die das bald 40 Jahre alte Bauwerk erhalten und unter Denkmalschutz stellen lassen wollte. Dieser Wunsch wurde von der Stadt aber nicht erfüllt.

„Wir haben einen internationalen Architektenwettbewerb durchgeführt, und inzwischen steht mit dem Büro Christ&Gantenbein aus Basel der Gewinner fest. Das Holcim-Haus an der Willy-Brandt-Straße 69 wird abgerissen, und im Zuge der Projektentwicklung wird auch die Brücke zurückgebaut“, sagte Theja Geyer, geschäftsführender Gesellschafter von Quest Investment Partners.

Auch das Holcim-Haus aus den 50er-Jahren wird abgerissen

Das Hamburger Immobilienunternehmen ist Eigentümer des Grundstücks am Fleet, das gegenüber vom historischen Hopfenmarkt und dem Mahnmal St. Nikolai liegt. Anstelle der Brücke werde es eine zusätzliche Ampel und einen Überweg für Fuß- und Radfahrer geben. Durch den Brückenabriss würden „neue Sichtachsen auf historische Gebäude“ geschaffen, sagte Geyer.

Das schmucklose Holcim-Haus wurde Mitte der 1950er-Jahre erbaut. Die rund 150 Beschäftigten des Baustoffunternehmens werden nun umziehen müssen. Die Firma will aber in Hamburg bleiben und sucht einen neuen Standort. Man habe sich noch nicht entschieden, wohin man zieht, hieß es bei Holcim.

Denkmalverein kritisiert Abriss der Cremonbrücke

Nicht für das Gebäude, aber für den Erhalt der sanierungsbedürftigen Brücke setzt sich der Denkmalverein Hamburg ein: „Wir bedauern den geplanten Abriss sehr, weil Hamburg damit eine seiner markantesten Brücken verliert, die zugleich wichtige Funktionen als Aussichtspunkt und als ampelfreie Überquerung der Willy-Brandt-Straße hat. Die 1982 eingeweihte Cremonbrücke wurde von dem renommierten Hamburger Büro PSP Architekten entworfen und bildet ein Ensemble mit dem denkmalgeschützten Gebäude der Bundesbank“, sagte Geschäftsführerin Kristina Sassenscheidt dem Abendblatt.

Bei mehreren Veranstaltungen sei im vergangenen Jahr deutlich geworden, wie vielen Menschen die Brücke am Herzen liege. Eine so wichtige städtebauliche Entscheidung hätte nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffen werden dürfen, kritisierte Sassenscheidt.

Bezirksamt: Brücke nicht außergewöhnlich

Weniger emotional sieht Falko Droßmann (SPD), Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte, die Entscheidung: „Die Brücke steht nicht unter Denkmalschutz, und deshalb kann sie abgerissen werden. Ich finde auch nicht, dass es ein Bauwerk ist, das sich durch eine außergewöhnliche Architektur auszeichnet. Dass dort ein neues architektonisch anspruchsvolles Gebäude in zentraler Lage entsteht, ist ein Gewinn für diesen Standort.“

Geplant ist ein achtgeschossiges Backsteingebäude nach den Entwürfen der Schweizer Architekten mit rund 7500 Quadratmeter Nutzfläche. „Wir haben die teilnehmenden Büros ermutigt, eine lebendige, aber gleichzeitig elegante und expressive Architektur zu schaffen“, sagte Geyer. Das Haus stehe an einem exponierten Ort und solle dementsprechend ausdrucksstark sein, so Geyer weiter.

Der größte Teil des Gebäudes soll für Büroflächen genutzt werden. Im Erdgeschoss könnte Gastronomie einziehen. Rund 20 frei finanzierte Mietwohnungen mit Loggien und Fleetblick sind in der neuen Immobilie ebenfalls geplant. „Dadurch, dass wir Wohnraum schaffen, tragen wir auch zur Belebung der Innenstadt am Abend und an den Wochenenden bei“, sagte Geyer.

Bereits im April vergangenen Jahres hatte Quest den Architektenwettbewerb ausgelobt, an dem sich sieben Büros aus dem In- und Ausland beteiligten. In der Jury saß neben Bezirkspolitikern auch Franz-Josef Höing, Hamburgs Oberbaudirektor. Er sagte dem Abendblatt: „Dieses neue wohlproportionierte Haus ist ein weiterer Mosaikstein, um das Areal rund um den Hopfenmarkt und den Hopfenmarkt selbst wieder zu einem vitalen Teil der Hamburger Innenstadt zu machen. Besonders freut mich, dass auch das Wohnen, wenn auch in einer überschaubaren Größenordnung, in diesen Teil der Innenstadt zurückkehrt.“

Für Jan-Rouven Künzel, geschäftsführender Gesellschafter von Quest Investment Partners, steht fest: „Die Neubebauung dieses Filetgrundstücks ist eine historische Chance. Der Siegerentwurf überwindet den fragmentarischen Charakter der heutigen Situation und vermittelt zwischen den traditionellen Fleethäusern und der modernen Bebauung an der Willy-Brandt-Straße.“

Abriss der Brücke beginnt nicht vor 2022

Eine Gnadenfrist hat die Brücke noch. Der Bauantrag für das Gebäude soll im Hebst dieses Jahres eingereicht werden. Baubeginn sei frühestens im Sommer 2022. Im Zuge der Bauarbeiten werde dann die Brücke abgerissen, kündigte Geyer an.

In der Nachbarschaft wird schon rege gebaut. So zieht Mitte des Jahres der Unilever Konzern von der Straße Am Strandkai in der HafenCity in einen rund 6500 Quadratmeter großen Neubau an der Neuen Burg 1 nahe dem Mahnmal St. Nikolai. Das neue Bürohaus ist ebenfalls ein Projekt von Quest.