Buchtipp

Auf Grimms Spuren: "Wir gehen über Blut und Knochen"

Den Hauswirt fotografierte Gerhard Kromschröder in Amöneburg/Oberhessen honorarfrei .      Foto: Gerhard Kromschröder/Edition Temmen

Den Hauswirt fotografierte Gerhard Kromschröder in Amöneburg/Oberhessen honorarfrei .      Foto: Gerhard Kromschröder/Edition Temmen

Foto: Gerhard Kromschröder / Edition Temmen

Gerhard Kromschröder und Gerhard Henschel haben sich auf die Spuren der Brüder Grimm begeben – eine Reise durch Deutschland.

Am Ende ist der Wähler schuld, dass es dieses wundersame Buch gibt. Es war der Autor Willi Winkler, der 2013 das Gelübde abgelegt, er würde von Hamburg zur „Schwarzen Madonna“ nach Altötting pilgern, flöge die FDP aus dem Bundestag. Die Liberalen kamen bekanntlich auf 4,8 Prozent – und Winkler begab sich zu Fuß auf eine 800 Kilometer lange Winterreise ins erzkatholische Altötting. „Das Buch ‘Deutschland, eine Winterreise’ habe ich damals gern gelesen“, sagt Gerhard Henschel. Der Schriftsteller wollte Winkler wandernd-schreibend nacheifern, aber nur unter drei Bedingungen: Nicht im Winter, nicht so weit und nicht allein. Also fragte er seinen alten Bekannten Gerhard Kromschröder, dem er das Vorwort zu dessen Emsland-Buch geschrieben hatte. Kromschröder sagte sofort zu. Die Route der beiden hatte der Literat Walter Kempowski in einem früheren Brief an Henschel vorgegeben. Darin schrieb Kempowski: Eine Wanderung, die bei Arno Schmidt in Bargfeld beginnt, sollte bei ihm in Nartum enden.

Sein Wunsch war Henschel und Kromschröder Befehl. Und so erblickte 2016 ihr erstes Wandertagebuch „Landvermessung. Durch die Lüneburger Heide von Arno Schmidt zu Walter Kempowski“ das Licht der Welt – und wurde ein großer Erfolg. Vom Leser geliebt, von Kritikern mit dem hoch dotierten Ben-Witter-Preis bedacht. Nun ist „Märchenwege“ erschienen – „auf den Spuren der Brüder Grimm durch den Vogelsberg und das hessische Bergland“.

Bei 38 Grad 35 Kilometer am Tag zurückgelegt

Die Planung der literarischen Wandertouren liegt stets bei Kromschröder, dem fleißigeren Wanderkartenleser. Der Literat Henschel hingegen versenkt sich für Wochen in die Werke der Schriftsteller, auf deren Spuren sie sich begeben, liest ihre Bücher, Briefe und Besprechungen, eine „ausufernde Lektüre“. Nur die biografischen Fixpunkte der Tour stehen fest, den Rest der Route malt der Zufall, auch abhängig von den Unterkünften. Diese buchen die beiden von einem Wandertag zum anderen und schicken das Gepäck mit dem Taxi voraus. „Wir sind doch keine Lastesel“, sagt Henschel. „Auf diese Weise können wir spazieren, nicht marschieren.“ Liegen besondere Sehenswürdigkeiten am Wegesrand, sind die beiden „dankbare Abnehmer“, sie stehen aber nicht im Mittelpunkt. Was mit überschaubarer Routen auf der ersten Wanderung durch die Lüneburger Heide begann, sind inzwischen herausfordernde Touren geworden. Die Wege werden immer länger. Bei 38 Grad im Sommer 2019 legten der 78-jährige Kromschröder und der 57-jährige Henschel bis zu 35 Kilometer am Tag durch das hessische Bergland zurück.

Zwischendurch erschüttern sie die „Gärten des Grauens“

„Wir sind zwei Wochen aus der Welt“, sagt Kromschröder. „Und nur in jedem dritten Hotelzimmer funktioniert das WLAN“, sagt Henschel. Ihre gut 300 Kilometer lange Route führte mitunter fern aller Fernwanderwege. Auch gastronomische Höhepunkte waren in Hessen rar gesät: „Ich wollte immer mal gern regional-deutsch essen gehen. Das war so gut wie unmöglich, es gab nur Pizza“, erzählt Henschel. „Es gibt eine große Pizzeriendichte auf der Strecke.“

Gehen die beiden sich auf ihren langen Touren nicht irgendwann auf die Nerven? Henschel antwortet diplomatisch: „Er mir gar nicht, ich ihm, glaube ich, schon.“ Henschels Frau zeigte sich ganz überrascht, dass es bei der ersten Tour keinen Streit gab. Die beiden ergänzen sich: Henschel, der Nachtarbeiter, und Kromschröder, der Frühaufsteher. Während der eine fragt, bis wann es Frühstück gibt, interessiert den anderen nur, ab wann. Der Fotograf Kromschröder hat den Schreiber Henschel gut erzogen und sich durchgesetzt, schließlich benötigt er das frühe Licht.

Auch im Zwiegespräch präsentiert sich das Duo harmonisch. Kromschröder ist immer auch Schreiber gewesen, war Redakteur, Reporter, Auslandskorrespondent des „Stern“ und Chefredakteur. Nun beschränkt er sich aufs Fotografieren. Wobei seine Einschätzungen und Kommentare immer wieder ins Buch fließen. „Er redet ja den ganzen Tag. Nur bei 38 Grad bergauf war er mal still“, sagt Henschel. Kromschröder vermisst das Schreiben nicht. „Ich habe mich ins Fotografieren hineingekniet und mit Gerhard einen tollen Schreiber an meiner Seite. Als Fotograf kann ich die Welt genauso ungeschönt und lebensecht darstellen“, sagt er. Kromschröder hat einen besonderen Blick für das alltäglich Verborgene, er setzt die Provinz in ein eigenes Licht. Manchmal schrill, manchmal liebevoll, immer echt. Er ist ein Dokumentar der „Gärten des Grauens, in dem kein Grün mehr sprießen darf, nur noch Steine“, sagt Henschel und lobt Kromschröders Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie zu überzeugen, sich fotografieren zu lassen. „Er wird aber manchmal für die Vorhut einer rumänischen Einbrecherband gehalten.“ Eine Frau, die ihm wütend hinterherrief, kommentierte Kromschröder trocken als „die erste Feindberührung“. Lakonisch erzählt „Märchenwege“ von bizarren Begegnungen, verwebt Erlebnisse auf den Wanderungen mit dem Grimmschen Werk und seiner Deutung.

Orte nicht unbedingt zum Nachwandern geeignet

Surft Ihr Buch auf der Erfolgswelle der Wanderbücher, die derzeit die Buchläden fluten? „Unsere Bücher sind nicht unbedingt zum Nachwandern geeignet, wir steuern ja die Orte an, die im Leben der Schriftsteller eine Rolle spielten“, verneint Kromschröder. Bei den Gebrüdern Grimm waren das Hanau, Steinau, Marburg, Kassel. Ihre Bücher begründeten ein ganz neues Genre. „Unsere Routen suchen wir nicht nach landschaftlichen Schönheiten aus, in der Lüneburger Heide sind wir 18 Kilometer durch ein Truppenübungsgebiet gelaufen, auf einer alten Panzertrasse. Schön ist was anderes“, sagt Henschel.

Kromschröder und Henschel schaffen ein neues Genre

Dieses neue Genre ist eine Mischform aus Wanderbuch und Literatur. „Das gab es vorher eigentlich nicht“, sagt Henschel. Was er bedauert - wie faszinierend wäre ein Wandertagebuch der 20er-Jahre? Ihr Buch ist ein Zeitdokument, weil es Geschmäcker und Moden, Stimmungen und Fassaden einer Zeit festhält. Manche Dörfer tauchen überhaupt zum allerersten Mal in der Literatur auf.

Ist „Märchenwege“ am Ende ein Heimatbuch? In diesem Moment sind sich die beiden uneins. Während Kromschröder ein empörtes Nein in den Raum ruft, ist der 21 Jahre jüngere Henschel entspannter. „Das kann man von mir aus so nennen, aber wir sind nicht heimatbesessen. Und keine Patrioten.“ Kromschröder ist in Hessen aufgewachsen, aber lehnt das Frisierte und Weichzeichnende ab und nimmt die Schattenseiten in den Fokus. Das gilt auch für die Gebrüder Grimm. „Erst bei der Auseinandersetzung mit den beiden haben wir erfahren, was sie für Antisemiten waren“, sagt Kromschröder. Henschel hat diese dunkle Seite in einem Aufsatz vertieft und ihre Judenfeindschaft im Buch angesprochen.

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Auch ihr Blick auf das Land ist gebrochen. „Die Welt ist nicht so rosarot. Die Natur wird geradezu malträtiert.“ Verbundsteinpflastert, nennt es Kromschröder. Vermaisfeldert, sagt Henschel. Deutschland, ein Maisfeldmärchen. Hessen, ein hartes Bundsteinpflaster. „Wir machen keine Illusionsbücher“, sagt Kromschröder. Der deutschen Geschichte entkommt man nirgends. „Wir gehen über Blut und Knochen“, sagt Henschel. Deutschland, ein schwieriges Heimatland, ein Januskopf im Herzen Europas. Mal atemberaubend schön, dann so böse, dass es den Atem stocken lässt. Mal freundlich und zugewandt, dann abweisend und starr.

Gemischte Doppel vom Fotograf in Szene gesetzt

Das Hässliche weiß dem Fotografen zu gefallen, er bannt auch das Monströse im Normalen und das unheimlich Deutsche aufs Papier. Aber er macht es leise und augenzwinkernd, mit der Stärke des Satirikers. Im Buch bringt Kromschröder in Zusammenarbeit mit dem Grafiker Jens Kaiser gemischte Doppel zusammen: Das Rasthaus und das Rastahaus, der Hautputz oder der Hausputz oder zwei nebeneinandergestellte skurrile Ortsschilder nach Salz und Linsengericht – für die beiden Würztipp und Menüvorschlag. „Wir suchen nicht das Skurrile. Wir wollen nichts beschönigen und idealisieren, sondern auch in die Schmutzecken hineinschauen.“ Zugleich wird das Schöne nicht ausgeklammert. „Es geht um das Kleine im Großen, im Alltäglichen das Exotische und im Profanen das Erhabene“, nennt es Kromschröder. So finden sich Fotos von blinden Schaufenstern oder überfüllten Parkplätzen neben Bildern vom deutschen Wald oder dem Rundtempel am Hang der Karlsaue.

Ihr erstes Wanderbuch gewann den Ben-Witter-Preis

„Märchenwege“ ist ein besonderes Wanderbuch, das sich in keine Schublade pressen lässt. Unterhaltsam und klug, lehrreich und lustig. Inzwischen haben Henschel und Kromschröder drei Bücher verfasst. Ihr erstes Wandertagebuch „Landvermessung“ wurde von der Jury des Ben-Witter-Preises hochgelobt: Den beiden Autoren sei es gelungen, „mit einer kongenialen Verbindung von Text und Bild in wechselnden Tönen von Ernst und Witz ein Gesamtkunstwerk zu schaffen“. Das nächste Tagebuch nannten sie „Laubengänge“, es begab sich auf die Spuren von Wilhelm Busch durchs Weserbergland zum Harz. „Eigentlich wandern wir nur auf Querkopfspuren“, sagt Henschel. Nun würde er am liebsten Jean Paul von Weimar nach Bayreuth erwandern. Aber es gibt noch andere Ideen - etwa auf Grimmelshausens Spuren von Gelnhausen nach Renchen oder mit Johann Peter Hebel von Basel nach Schwetzingen. „Aber da liegen Berge dazwischen“, warnt Kromschröder seinen jüngeren Wanderfreund. „Und du hast doch eine gewisse Höhenphobie.“ Vielleicht werden es also doch die Spuren des Lyrikers Rolf Dieter Brinkmann. 300 Kilometer von Vechta nach Köln. Schräge Bilder sind da fast garantiert.

Buch und Lesung

Gerhard Henschel und Gerhard Kromschröder: „Märchenwege. Auf den Spuren der Brüder Grimm durch den Vogelsberg und das hessische Bergland – Ein Wandertagebuch, Edition Temmen, 24,90 Euro.

Lesung im Polittbüro am Dienstag, 18. Februar, um 20 Uhr, Steindamm 45, Eintritt: 15 Euro (ermäßigt 10 Euro).