Zwischenruf

Geheimnisvoller Besuch: Die Dame in Schwarz

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Der Autor ist Chefreporter beim Abendblatt.

Foto: Michael Zapf

Vielleicht geht es anderen ähnlich: Die schlagfertigsten Reaktionen, coolsten Sprüche und passendsten Maßnahmen fallen einem erst dann ein, wenn es zu spät ist. So wie am vergangenen Sonnabend. Wieder mal ein Anlass, sich zu wurmen und fest vorzunehmen, nächstes Mal besser zu handeln – sollte sich die Gelegenheit ergeben.

Gemütliches Frühstück im Eclair au Café, einem kleinen Bistro in Ottensen. Charme und individuelles Flair werden großgeschrieben. Kurz nachdem die plietsche Kellnerin unsere Bestellung aufgenommen hat, erscheint eine ältere Dame und bittet mit einer höflichen Geste darum, an unserem Vierertisch Platz nehmen zu dürfen. Etwas ungewöhnlich ist das, aber klar, selbstverständlich gerne. Ein Lächeln allerseits sagt mehr als viele Worte. Mehr ereignet sich nicht.

Die klein gewachsene Dame mit der einfachen, akkuraten Kleidung ganz in Schwarz sitzt still auf ihrem Stuhl und schaut sich im Bistro um. Wir schätzen sie auf deutlich über 80 Jahre. Irgendwann spricht der Mund aus, was die innere Stimme sagt: „Dürfen wir Sie zu einem Kaffee einladen?“ Sie nickt. Nach einer halben Stunde bieten wir ein Croissant an. Sie nimmt an. Viel miteinander sprechen können wir nicht. Auf die Frage nach dem Heimatland verstehen wir Griechenland und so etwas wie „Gottes Segen“. Dann verabschiedet sich die Dame so, wie sie kam: schweigsam, still, bescheiden, ein bisschen geheimnisvoll. Und mit Würde. Sie erscheint hin und wieder, erläutert die Kellnerin. Sie wolle mal den Chef fragen, was zu machen sei. Am besten gar nichts. Zumindest nichts Schlechtes. Und hoffentlich mehr als wir.