Verkehr

Schneller durch die Stadt – Hamburgs Modell gegen Stau

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Morgendlicher Stau im Berufsverkehr auf der Straße „Bei den St. Pauli Landungsbrücken“.

Morgendlicher Stau im Berufsverkehr auf der Straße „Bei den St. Pauli Landungsbrücken“.

Foto: Thorsten Ahlf

Mehr Arbeitsplätze, mehr Schüler, mehr Autos: 1,27 Millionen Euro-Simulation soll Bedarf an Straßen oder Buslinien vorhersagen.

Hamburg. Es hat länger gedauert als geplant, nun aber ist es laut Senat einsatzbereit: Hamburgs großes Verkehrsmodell. Die Computersimulation soll zum zentralen Instrument einer modernen Verkehrsplanung werden. Gefüttert mit Millionen Daten zu Auto- und künftig auch Radverkehr, zu Straßen- und HVV-Nutzung, zu Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung, zu Standorten von Arbeitgebern, Einkaufszentren und sozialen Einrichtungen soll das Modell den Verkehr so abbilden, dass es verlässliche Prognosen erlaubt. So soll es helfen, den Verkehr der Zukunft klug zu planen – und auch Staus oder die Lärm- und Luftbelastung zu minimieren.

Dabei erlaubt das Modell auch, vorab zu testen, wie sich bestimmte Maßnahmen auswirken würden. So könnte man beispielsweise prüfen, welche Effekte der Grünen-Vorschlag haben würde, auf der Sierichstraße eine der beiden Fahrbahnen zu einem geschützten Fahrradstreifen zu machen und den Autoverkehr auf eine Spur zu beschränken.

Versachlichung der verkehrspolitischen Debatten

Die Simulation, an der in der Verkehrsbehörde seit 2015 gearbeitet wurde und die eigentlich schon 2017 hätte fertig sein sollen, erlaubt auch, Auswirkungen etwa neuer Buslinien oder Autobahnen, neuer Wohngebiete oder Unternehmensansiedlungen auf den Verkehrsfluss vorherzusagen – und könnte zu einer Versachlichung der oft sehr hitzig und emotional geführten verkehrspolitischen Debatten beitragen. Hamburg wurde zum Aufbau der Simulation in 1177 Verkehrszellen zerlegt, in die alle verfügbaren Daten eingespielt wurden.

„Das Modell wird ein wesentliches Instrument der Verkehrsentwicklungsplanung“, sagte Verkehrsstaatsrat An­dreas Rieckhof (SPD) dem Abendblatt. Die Daten für das Modell, dessen Erstellung laut Verkehrsbehörde 1,27 Millionen Euro gekostet hat, stammen vom Navigationsanbieter Here, von HVV, Statistikamt, Senat, Unternehmensregister und der Hamburg Port Authority. Künftig sollen auch Daten aus dem neuen städtischen Netz von 2000 Wärmebildkameras einfließen. Erste Testläufe des Modells haben gezeigt, wie groß die Herausforderungen der Politik angesichts des wachsenden Verkehrs sind.

Ohne Verkehrswende würde Hamburg im Autoverkehr ersticken

Ohne eine energisch vorangetriebene Verkehrswende würde Hamburg 2030 wohl im Autoverkehr ersticken – und seine Klimaschutzziele weit verfehlen. Das ist das Ergebnis erster Testläufe des neuen Hamburger Verkehrsmodells, der großen neuen Computersimulation zur Verkehrsplanung. Der Anteil am Verkehrsaufkommen („Modal Split“) des Radverkehrs würde nach den Berechnungen bis 2030 bei 15 Prozent verharren. In seinem Klimaplan hat der rot-grüne Senat aber festgelegt, dass der Anteil des Radverkehrs bis 2030 auf 25 Prozent wachsen muss, um die Ziele beim Klimaschutz zu erreichen. Der Anteil des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), der auf 30 Prozent steigen soll, läge ohne ein schnelles Umsteuern auch 2030 bei nur 20,3 Prozent. Allerdings sind dabei lediglich Bevölkerungsdaten, aber noch keine neuen Verkehrsangebote oder ein verändertes Mobilitätsverhalten eingerechnet – und darauf ruhen ja die Hoffnungen.

Die größte Herausforderung sei es, ÖPNV und Radverkehr schnell zu stärken und den Autoverkehr zu vermindern, so die Experten, die dem Abendblatt das neue Verkehrsmodell am Montag vorstellten. Dabei spielen auch Pendler aus dem Umland eine große Rolle. Bisher fahren laut Zahlen der Verkehrsbehörde täglich 756.000 Menschen aus dem Umland mit dem Auto zu ihrem Ziel in Hamburg – meist ist dies der Arbeitsplatz. Nur 241.000 nutzen bisher Busse und Bahnen, 34.000 das Fahrrad.

Wirtschaft, Bevölkerungswachstum, Schülerzahlen werden berücksichtigt

Für das Verkehrsmodell gehen die Experten davon aus, dass die Bevölkerung in Hamburg bis 2030 von 1.839.000 auf dann 1.959.000 Menschen wächst. Dabei wurde die erwartete Bevölkerungsentwicklung nicht nur auf einzelne Stadtteile heruntergerechnet – sondern auf insgesamt 1177 Verkehrszellen, in die die Programmierer Hamburg zerlegt haben, um den Verkehrsfluss abzubilden.

Genutzt werden auch Prognosen zur Entwicklung einzelner Wirtschaftsbranchen und der jeweiligen Arbeitsplätze in Unternehmen. Dabei geht man von einer steigenden Zahl von Arbeitsplätzen von heute 1.193.000 auf 1.282.000 im Jahr 2030 aus. Dabei hat die Wirtschafts- und Verkehrsbehörde auch Prognosen entworfen, wie sich die Zahl der Arbeitsplätze bei bestimmten Unternehmen in den kommenden Jahr entwickeln dürfte. Berücksichtigt wird auch die Entwicklung von Kitaplätzen, Schülerzahlen, Berufsschul- und Studienplätzen. Deren Gesamtzahl wird laut Prognose von heute 379.000 auf 443.000 in zehn Jahren ebenfalls deutlich steigen.

Mehr Bevölkerung und eine wachsende Wirtschaft führen zu mehr Verkehr: So gehen die Prognosen davon aus, dass die Zahl der täglich von Menschen (in allen Verkehrsmitteln) zurückgelegten Wege im Hamburger Verkehr von heute 7,3 Millionen auf acht Millionen im Jahr 2030 ansteigen wird. Das entspricht einem Wachstum von mehr als neun Prozent – was die Herausforderungen der Planer einmal mehr unterstreicht.

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Ein Großteil der Wege wird auch künftig vom Wirtschaftsverkehr zurückgelegt – laut Verkehrsbehörde sind dies etwa 30 Prozent. Trotz der Bedeutung von Lieferdiensten und Onlineshopping werden auch Fahrten der Hamburger zu Geschäften und Einkaufszentren zunehmen. Sie steigen von derzeit rund 914.000 auf 967.000 im Jahr 2030.

Mit all diesen Daten soll das Verkehrsmodell auch Prognosen liefern, wie sich Veränderungen einzelner Faktoren auswirken würden – zum Beispiel steigende Spritpreise, veränderte Ampelschaltungen, Ausbau von ÖPNV und Radwegen, neue Straßen oder eine City-Maut. Derzeit wird das Modell getestet. Bald solle es zum „wesentlichen Instrument der Verkehrsentwicklungsplanung“ werden, so Verkehrsstaatsrat Rieckhof. „Es schafft die Voraussetzungen, verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen zu können.“

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