Zweiter Weltkrieg

Als die „Wilhelm Gustloff“ versenkt wurde

Die „Wilhelm Gustloff“ gehörte zu den Urlaubsschiffen aus der Flotte der nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“.

Die „Wilhelm Gustloff“ gehörte zu den Urlaubsschiffen aus der Flotte der nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“.

Foto: dpa Picture-Alliance / DB dpa / picture-alliance / dpa

Das Schiff ging vor 75 Jahren nach drei russischen Torpedotreffern unter. Tausende starben in der eiskalten Ostsee.

Die Katastrophe ist beispiellos, die Zahl der Opfer unfassbar und der vermeintliche russische Kriegsheld ein Krimineller, dem allerdings Jahre nach seinem Tod ausgerechnet ein populärer Staatsmann und Friedensnobelpreisträger den ersehnten Orden verleiht: Der Geschichte vom Untergang des mit Tausenden Flüchtlingen vollgestopften Passagierdampfers „Wilhelm Gustloff“ in eisiger Winternacht steckt voller Widersprüche.

Sicher ist: Die Versenkung durch drei Torpedos vor 75 Jahren, am 30. Januar 1945, auf der Ostsee ist das verlustreichste Schiffsunglück der Menschheitsgeschichte. Namensgeber Wilhelm Gustloff ist Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) in der Schweiz. 1936 wird er in Davos bei einem Attentat von dem jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen. Die Nazis erheben den Toten zum „Blutzeugen der Bewegung“.

Kriegsmarine nutzte die „Wilhelm Gustloff“ als Lazarettschiff

Die Witwe tauft ein Jahr später einen Vergnügungsdampfer für 1500 Passagiere auf den Namen ihres Mannes. Mit 25.000 BRT ist es das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Im Zweiten Weltkrieg nutzt die Kriegsmarine die „Wilhelm Gustloff“ als Lazarettschiff, Verwundetentransporter und Wohnschiff für die 2. U-Boot-Lehrdivision in Gotenhafen. Seit Anfang 1945 nimmt sie dort immer wieder Verwundete und Flüchtlinge aus Ostpreußen an Bord. Einziger Geleitschutz ist das Torpedoboot „Löwe“.

Der militärische Kommandant, Korvettenkapitän Wilhelm Zahn, rät dringend dazu, abgedunkelt durch flache Küstengewässer zu fahren, in denen die gefürchteten russischen U-Boote nicht angreifen können. Doch Kapitän Friedrich Petersen will mehr Wasser unter den Kiel seines überladenen Dampfers.

An Bord herrscht Chaos

Deshalb steuert er lieber durch tiefere Gewässer weit vor der Küste und setzt sogar Positionslichter: Er fürchtet Kollisionen mit eigenen Schiffen, die auf der dicht befahrenen Route nach Osten unterwegs sind. An Bord herrscht Chaos. Auf allen Fluren, in allen Gängen und in den Kabinen, so der Wachsoldat Willi Schäfer später, drängen sich Flüchtlinge. Nirgends ein Durchkommen. Kinder gehen verloren. Ein Suchdienst fahndet über die Bordlautsprecher. Schäfer: „Ständig kamen Durchsagen wie: ,Wo ist die kleine Katharina?‘“

Gegen 21 Uhr sichtet das sowjetische U-Boot S-13 den beleuchteten Dampfer. Kommandant Alexander Iwanowitsch Marinesko, Ukrainer rumänischer Abstammung, lässt aus 700 Metern Entfernung vier Torpedos abschießen. Einer klemmt, doch die anderen treffen den Rumpf am Bug, unter dem E-Deck und am Maschinenraum.

"Auf einmal gab es vorne einen Knall"

„Wo genau ich stand, weiß ich nicht mehr, aber auf einmal gab es vorne einen Knall“, schildert Schäfer die entscheidenden Sekunden. „Beim ersten Treffer brach die Panik schon aus. Dann kam von der Brücke der Befehl: ,Behalten Sie Ruhe, das Schiff sinkt nicht.‘ Beim zweiten Treffer neigte es sich schon zur Seite, ein bisschen. Und beim dritten Treffer war nichts mehr zu machen. Und als dann der Befehl kam: ,Rette sich wer kann‘, gab es kein Halten mehr!“

Verzweifelt kämpfen die Menschen um einen Platz in den Booten „Jeder war sich selbst der Nächste“, berichtet Schäfer. „Die haben alle draufgeschlagen. Ob Kind, Frau oder Mann, spielte keine Rolle.“ Funksprüche jagen hinaus: SOS! SOS! Doch nur ein tragbares UKW-Gerät auf der Brücke ist noch intakt, und die deutschen Schiffe in der Nähe werden erst durch die roten Leuchtsignale der „Gustloff“ aufmerksam – viel zu spät.

Offiziere erschießen ihre Frauen und Kinder, dann sich selbst

Schäfer klammert sich an einen Schornstein. Auf Deck erschießen Offiziere erst ihre Frauen und Kinder und dann sich selbst, berichtet Schäfer. Frauen flehen Soldaten an, sie zu töten, weil sie nicht in der eisigen Ostsee sterben wollen, Meist bleibt die Bitte vergebens, denn, so der Matrose: „Wer macht das schon?“

Mit voller Kraft rauschen Retter heran. Als erster die „Löwe“. Die Besatzung zieht 472 Menschen aus den Booten. Auch Schäfer ist dabei. Das Flottentorpedoboot „T 36“ wird ebenfalls angegriffen, wehrt das U-Boot aber mit Wasserbomben ab und holt weitere 564 Überlebende an Bord.

Gegen 22.15 Uhr sinkt das Schiff

Andere Schiffe setzen die Rettung bis ins Morgengrauen fort. Der schwere Kreuzer „Admiral Hipper“ aber fährt schon wenige Minuten nach den drei Treffern vorbei, ohne anzuhalten. Der Kommandant behauptet später, man habe Torpedolaufbahnen gesehen, aber Experten zweifeln die Erklärung an.

Nach etwas mehr als einer Stunde, gegen 22.15 Uhr, sinkt das Schiff 23 Seemeilen vor der pommerschen Küste auf den 42 Meter tiefen Meeresboden. Die Zahl der Opfer wird später auf 10.300 geschätzt. Als gesichert gilt nur die Zahl der Überlebenden: 1239.

Auch das Schiff "Steuben" wird versenkt

Am 10. Februar 1945 versenkt der U-Boot-Kommandant vor Stolpmünde auch noch das Passagierdampfschiff „Steuben“. Er hat es mit dem Leichten Kreuzer „Emden“ verwechselt. Mehr als 4000 Menschen kommen ums Leben. Für die beiden Abschüsse möchte Marinesko als „Held der Sowjetunion“ anerkannt werden, doch weil er öfter durch mangelnde Disziplin aufgefallen ist, wird ihm diese höchste Auszeichnung verwehrt.

Nach dem Krieg wird der Kommandant sogar unehrenhaft aus der Marine entlassen. Später muss er wegen Diebstahls zwei Jahre in ein Straflager. 1963 stirbt er in Leningrad. 1990 aber, 27 Jahre nach seinem Tod, wird er plötzlich rehabilitiert und doch noch zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt vom damaligen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow, der in jenem Jahr den Friedensnobelpreis erhält.

Zusätzlich ehren den Kommandanten, der 15.000 Menschen in den Tod bombte, ein Denkmal am Schlossteich von Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. Außerdem wird eine Boeing 737-300 der Kaliningrader Fluggesellschaft KD Avia auf den Namen „Alexander Marinesko“ getauft. Die Firma geht allerdings 2009 bankrott.