Hamburg

Falscher Psychologe soll 1800 Patienten betrogen haben

Ein Psychotherapeut im Gespräch mit einer Patientin (Symbolbild). Ein falscher Psychologie soll mehr als 1800 türkische Patienten in Hamburg und dem Norden betrogen haben.

Ein Psychotherapeut im Gespräch mit einer Patientin (Symbolbild). Ein falscher Psychologie soll mehr als 1800 türkische Patienten in Hamburg und dem Norden betrogen haben.

Foto: imago images / Panthermedia

Ein Türke hat Landsleute offenbar um bis zu 20.000 Euro gebracht. Mit seiner Masche richtete er nicht nur finanziellen Schaden an.

Hamburg. Der Mann, der sich als „Professor“ ausgab, machte nur Hausbesuche, denn eine Praxis hatte er nicht. Bis zu 450 Euro kassierte der diplomierte Familien- und Kinderpsychologe, der keiner war, pro Therapiestunde von seinen türkischen Landsleuten in Hamburg und Umgebung. Sie hatten sich an ihn gewandt, weil es in ihrer Ehe kriselte, weil sie sich um ihre Kinder sorgten, weil sie unter seelischen Problemen litten.

Ihre Nöte waren echt – der Professor war es nicht: Offenbar hatte Mehmet Y. (Name geändert) nur eines im Sinn: so viel Geld zu scheffeln wie irgend möglich. Der Journalist Zafer Özpolat hat den Fall vor wenigen Tagen aufgedeckt. Mehr als 1800 mutmaßliche Betroffene hätten sich bei ihm gemeldet, sagte Özpolat dem Abendblatt. Die Opfer des falschen Psychologen hätten bis zu 20.000 Euro für die „Therapie“ bezahlt. In bar.

Falscher Psychiater "hat Familien auseinandergebracht"

Im besten Fall erleichterte Mehmet Y. sie nur um Geld, im schlechtesten Fall richtete er zusätzlich immensen Schaden an. „Der hat Familien auseinandergebracht“, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Kemal Su. Er betreut vier Opfer, weitere fünf haben sich bei ihm gemeldet. Bei einer Paarberatung soll Mehmet Y. etwa einer Ehefrau psychische Probleme attestiert und ihrem Mann geraten haben, sie „in ein Frauenhaus zu schicken“. So sei es dann auch passiert.

Bei einem Bremer Polizeibeamten, der Mehmet Y. ebenfalls wegen Eheproblemen konsultiert hatte, folgte kurz darauf die Scheidung – und eine Rechnung über 5000 Euro. In einem weiteren Fall habe Mehmet Y. mit einem zu Gewaltausbrüchen neigenden Jungen Playstation gespielt. „Eine Frau hat mir außerdem erzählt, dass er sie während einer Sitzung sexuell belästigt hat“, so Özpolat.

Betroffen sind ausschließlich Angehörige der türkischen Community in Hamburg, Hannover und Bremen. Nach Abendblatt-Informationen haben in Hamburg 22 Betroffene Anzeige erstattet, mindestens eine weitere liegt in Bremen vor. Im Raum stehe nicht nur der Verdacht des Titelmissbrauchs und der Urkundenfälschung, sagt Kemal Su. So soll der selbst ernannte Psychologe auch Krankschreibungen ausgestellt haben. Vor allem gehe es hier um gewerbsmäßigen Betrug und Steuerhinterziehung.

Der Fall ist den Ämtern schon länger bekannt

Am Donnerstag durchsuchten Ermittler die Räumlichkeiten des Mannes am Valentinskamp. „Es wurden Unterlagen sichergestellt“, sagte Polizeisprecher Florian Abbenseth. Das Abendblatt hat mehrmals versucht, Mehmet Y. telefonisch zu erreichen – ohne Erfolg. Pikant: Der Fall ist den Ämtern lange bekannt. Wie aus einer E-Mail hervorgeht, die dem Abendblatt vorliegt, wollte die Gesundheitsbehörde bereits vor zwei Jahren Anzeige erstatten. Zuvor hatte eine Betroffene dem Amt ihren Verdacht mitgeteilt.

Der Hochstapler, der laut Kemal Su einst in einem Döner-Laden arbeitete, köderte seine Opfer, indem er sich in den sozialen Medien als Koryphäe inszenierte. Zusätzlich legte er in Moscheen und Vereinsheimen Broschüren aus. Besonders aktiv war Mehmet Y. auf Instagram. Dort soll er auch mit angeblichen Kontakten zum HSV und Werder Bremen geprahlt haben. Eines der vielen Videos zeigt ihn (angeblich) in einem kanadischen Krankenhaus. Er habe gerade geholfen, siamesische Zwillinge zu trennen. Er steht da in OP-Kleidung, auf dem Kopf ein Fahrradhelm, an dem Helm eine Fahrradlampe. Allein dieser skurrile Auftritt hätte stutzig machen können – dennoch gingen ihm Hunderte Menschen auf den Leim. Wie ist das möglich?

Mangel an türkischsprachigen Psychotherapeuten

„Es gibt einen großen Mangel an türkischsprachigen Psychotherapeuten in Hamburg und Umgebung“, sagt Strafverteidiger Kemal Su. „Generell haben viele Türken in Deutschland sprachliche Barrieren. Und niemand hat Lust seine Sorgen und Ängste zu erklären, wenn noch ein Dolmetscher dabei ist.“

Mitte vergangener Woche löschte Mehmet Y. seine Accounts bei Instagram und Facebook, kurz nachdem Zafer Özpolat den Skandal in der Online-Zeitung „Gazete Hamburg“ öffentlich gemacht hatte. Eine frühere Patientin von Mehmet Y. hatte den Fall ins Rollen gebracht. Sie zweifelte an seiner Kompetenz und wandte sich an Özpolat. Der Journalist konfrontierte darauf Mehmet Y. mit dem Verdacht. Der entgegnete: Er habe sein Diplom in Hamburg abgelegt. Özpolat überprüfte die Angaben – doch ein Mehmet Y. war an der Uni Hamburg nie eingeschrieben. Als der Journalist nachhakte, teilte ihm Mehmet Y. mit, er habe in Bursa (Türkei) studiert. Wie sich herausstellte, war auch das gelogen. Unter der Anschrift seiner im Internet gelisteten angeblichen Praxis in Ottensen stieß Özpolat auf eine Praxis für Ergotherapie.

Nachdem sich schließlich ein von Mehmet Y. vorgelegtes Diplom als plumpe Fälschung entpuppte, habe ihm der Mann offenbart: Seine Frau habe Krebs, er benötige noch sechs Monate, um Geld für ihre Behandlung aufzutreiben, dann werde er Hamburg verlassen. Ob Özpolat bis dahin stillhalten könne? Wie der Journalist herausfand, war auch die Krebs-Geschichte falsch. Am Mittwoch machte er den Fall öffentlich. Mehmet Y. soll inzwischen untergetaucht sein.