Monte Cervantes

Hamburger Geheimnis über die "Titanic des Südens"

Héctor Monsalves mit dem Schiffshorn der "Monte Cervantes". Er sammelt alles über das 1930 vor Ushuaia (Feuerland) untergegangene Hamburger Schiff der Reederei Hamburg Süd.

Héctor Monsalves mit dem Schiffshorn der "Monte Cervantes". Er sammelt alles über das 1930 vor Ushuaia (Feuerland) untergegangene Hamburger Schiff der Reederei Hamburg Süd.

Foto: Berndt Röttger

Vor 90 Jahren sank das Hamburger Schiff "Monte Cervantes" vor Ushuaia. Taucher sammelt alles über das Schiff und verfolgt einen Traum.

Hamburg/Ushuaia. Héctor Monsalve hat einen großen Traum – der reicht einmal um die halbe Welt, vom südlichsten Zipfel Argentiniens bis hoch nach Norddeutschland. Also kurz gesagt: von Ushuaia bis nach Hamburg. Héctor Monsalve ist knapp 70 Jahre alt, er war jahrzehntelang Berufstaucher. Und ein Traum ist ein kleines Museum in Ushuaia­, das an einen Teil Hamburgs erinnert – und an eine rätselhaft dramatische Geschichte.

Der kräftige, durchtrainierte und braun gebrannte Mann begrüßt seinen Besuch aus Deutschland freudestrahlend. Hereinspaziert ins Wohnzimmer! Héctor Monsalve beginnt sofort zu erzählen: Denn der Raum ist voller Erinnerungsstücke an ein vor 90 Jahren versunkenes Schiff der Reederei Hamburg Süd – die „Monte Cervantes“ oder, wie sie hier unten am südlichen Ende der Welt genannt wird: die „Titanic des Südens“.

„Monte Cervantes“-Sammlung im Wohnzimmer

Auf dem Boden liegt das mehr als 50 Kilogramm schwere Schiffshorn. Die Glaslampen an der Decke stammen aus dem Schiffsrestaurant. In einem Regal neben Héctors riesiger Pfeifensammlung stehen Gläser von Bord der MS „Monte Cervantes“. An einer Wand stehen ein paar Kacheln, mit denen einst der Boden des Salons belegt war.

Das Wohnzimmer ist ein kleines Museum. Der Stolz und die Begeisterung Héctor Monsalves sind nicht zu übersehen. Auf einem Tisch in der Ecke des Wohnzimmers ist ein Notebook aufgeklappt. Mehrere Kartons stehen daneben. Zeitungsausschnitte und Fotos sind auf dem Tisch ausgebreitet. Héctor hat alles für den Besuch aus dem fernen Hamburg vorbereitet.

Hamburger Geschichte im Beagle-Kanal

Aber der Reihe nach: Héctor Monsalve kam 1976 aus Venezuela nach Ushuaia, als Berufstaucher. Sein Ururgroßvater habe in Hamburg gelebt, erzählt der heute 70-Jährige. In Ushuaia hörte Héctor erstmals von dem im Beagle-Kanal versunkenen Schiff. Aber niemand wusste etwas Genaues. Nichts über die exakte Lage, nichts über die dramatische Geschichte, nichts über Tote.

Also begab sich Héctor, wann immer er neben seinem Job Zeit hatte, auf die Suche. Im März 1977 wurde er fündig und entdeckte erste Teile des Wracks. Der Taucher fand viele Kleinigkeiten von Bord des Schiffes auf dem Grund des Beagle-Kanals – und das riesige Schiffshorn der „Monte Cervantes“. Doch er suchte nicht nur am Meeresgrund. Er hörte sich weiter in der Stadt um, kaufte alte Bilder, Zeitschriften und Bücher auf – und durchforstete (als es das endlich gab) das World Wide Web.

Erkenntnisse über die „Monte Cervantes“

Mittlerweile hatte er einiges herausgefunden: Das gesunkene Schiff lief am 25. August 1927 als MS „Monte Cervantes“ in Hamburg bei Blohm & Voss vom Stapel. Das Schiff der Hamburg Südamerikanischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft (kurz Hamburg Süd) war 159,7 Meter lang und 20,1 Meter breit. 1750 Passagiere fanden auf der „Monte Cervantes“ Platz. Eigentlich sollte die „Monte Cervantes“ im Liniendienst zwischen Hamburg und Rio de Janeiro und Buenos Aires verkehren. Doch ihr Einsatz wurde schnell erweitert, und die „Monte Cervantes“ fuhr als Kreuzfahrtschiff. Besonderheit für die damalige Zeit: Die Reederei warb mit „volkstümlichen Fahrten mit Vermeidung von Luxus und großen Standesunterschieden“. Alle Reiseteilnehmer waren gleichberechtigt, und die öffentlichen Teile des Schiffes waren allen ohne Unterschied zugänglich.

Bereits ein halbes Jahr nach der Jungfernfahrt kam es zu einem dramatischen Zwischenfall vor Spitzbergen. Der Rumpf der „Monte Cervantes“ wurde von Eis aufgeschlitzt, Wasser drang ein, und das Schiff drohte zu sinken. Der Kapitän steuerte ans Ufer, die Passagiere wurden in Sicherheit gebracht, und dank eines Eisbrechers konnte das Schiff gesichert und notdürftig repariert werden.

Kapitän wählt direkten Kurs ins Unglück

Am 22. Januar 1930 verließ die „Monte Cervantes“ den Hafen von Ushuaia­. Der Hamburger Kapitän Theodor Dreyer gab Anweisung, statt der sicheren Route um den Leuchtturm auf den Les-Éclaireurs-Klippen einen direkten Kurs durch diverse Untiefen und kleine Inseln zu nehmen. Auch der Lotse erhob dagegen keinen Einspruch. Gegen Mittag fuhr das Schiff mit hoher Geschwindigkeit auf einen Felsen unter Wasser auf. Wasser drang ein, die Schotten wurden geschlossen. Doch dann rutschte das Schiff vom Felsen ab zurück ins Meer. Noch mehr Wasser drang ein. Zunächst brach unter den Passagieren Panik aus. Die Schlagzeilen der 1912 gesunkenen „Titanic“ waren allen präsent.

Doch Kapitän und Besatzung konnten die Passagiere beruhigen: An Bord der „Monte Cervantes“ gab es mehr als ausreichend Rettungsboote. Binnen 55 Minuten hatten alle 1117 Passagiere sowie 255 Besatzungsmitglieder das Schiff mit den 30 Rettungsbooten verlassen. Kapitän Dreyer und die an Bord verbliebenen 70 Mann der Besatzung setzten das Schiff auf ein Riff, um ein Sinken zu vermeiden. Die Nacht verbrachten Kapitän und Besatzung sicherheitshalber in dicke Decken eingehüllt an Land.

Am nächsten Tag wurden weiteres Gepäck und Wertgegenstände der Passagiere in Sicherheit gebracht und auf einen herangeeilten Frachter umgeladen. Am Abend gingen wieder alle Mann von Bord. Nur Kapitän Dreyer wollte allein auf seinem Schiff die Stellung halten. Als sich nur noch zwei Offiziere und der Kapitän auf dem Schiff befanden, rutsche die „Monte Cervantes“ vom Riff ab. Es gab einen heftigen Ruck, und die „Monte Cervantes“ versank mit dem Bug voraus im Beagle-Kanal. Die beiden Offiziere sprangen von Bord und wurden von einem wartenden Boot aufgefischt. 1442 Passagiere und Besatzungsmitglieder wurden gerettet. Einzig Kapitän Theodor Dreyer starb beim Untergang der MS „Monte Cervantes“ am 23. Januar 1930.

Bergungsversuch der Schiffsteile

In den 50er-Jahren – Stahl war nach dem Zweiten Weltkrieg knapp und teuer – gab es einen Versuch, die „Monte Cervantes“ zu bergen. Wracktaucher aus Italien und Deutschland arbeiteten mehr als drei Jahre daran, den Schiffsrumpf wieder zum Schwimmen zu bringen, um das Metall weiterzuverwenden. Sie bauten eine Hütte auf dem aus dem Wasser ragenden Heck.

2010 fand Héctor den letzten lebenden deutschen Taucher, der an der Bergung der MS „Monte Cervantes“ in den 50er-Jahren beteiligt war: Er besuchte Heinz Steffens im Norden Argentiniens, wo sich der Taucher zur Ruhe gesetzt hatte. Drei Tage lang interviewte er den aus Hamburg stammenden Berufstaucher mit der Videokamera.

Hamburger Berufstaucher über Passagierschiff

Steffens, damals bereits mehr als 80 Jahre alt, erinnert sich in den Video-Interviews an die harte Arbeit im eiskalten Wasser und an den kurzen Moment des Triumphes: Im Oktober 1954 sollte das Wrack nach Ushuaia geschleppt werden. Es schwamm für 20 Minuten. Dann riss ein Tau, ein Auftriebskörper platzte, und die „Monte Cervantes“ versank vollständig im Beagle-Kanal.

Steffens erzählte Héctor Monsalve in diesen Interviews auch ein spannendes Detail über Kapitän Theodor Dreyer – über dessen Tod sich nach dem Untergang wildeste Gerüchte verbreiteten: „Ein Taucher fand seine Leiche in einer Ecke der Brücke, berichtete Steffens. Die Leiche hatte ein Loch im Kopf. Vielleicht war Theodor Dreyer in einer Blase gefangen und hat sich dann selbst erschossen“, sagt Héctor Monsalves. Vielleicht wurde er aber auch verletzt oder ist beim Ruck des Schiffes gestürzt. Ins Reich der Legenden verbannt der Sammler hingegen jene Theorien, nach denen Kapitän Theodor Dreyer sich ans Ruder festband, um mit dem Schiff unterzugehen, oder gar aus Furcht vor einer Strafe für den Untergang von Bord flüchtete und noch lange in einem entlegenen Fischerdorf auf Feuerland weiterlebte. Auch diese Geschichte kursierte lange auf Feuerland.

Das Hamburger Seeamt verhandelte den Untergang der „Monte Cervantes“ am 6. März 1930. Es sprach die Besatzung und Kapitän Theodor Dreyer von jeder Schuld für den Untergang frei. Sowohl in Ushuaia als auch in seiner Heimat, dem Hamburger Stadtteil Blankenese, sind in Erinnerung an den verunglückten Schiffsführer Straßen nach Kapitän Theodor Dreyer benannt.

Ausstellung über "Titanic des Südens"

Héctor Monsalve hat Hunderte von Dokumenten und Bildern von und über das Hamburger Schiff in seinen Kartons und auf seinen Festplatten. Sein großer Traum ist es, eine Ausstellung über die Geschichte der „Titanic des Südens“ in Ushuaia aufzubauen. Unten am Hafen in einem alten Holzhaus. In dem unscheinbar aussehenden Gebäude war in den 50er-Jahren die Bergungsfirma Salvamar untergebracht, die versuchte, den Stahl der „Monte Cervantes“ wiederzuverwerten. „Dort wäre Platz für eine kleine Dauerausstellung.“ Das Museum soll auch eine Erinnerung an die Männer sein, die in den 50er-Jahren unter Einsatz ihres Lebens versuchten, die „Monte Cervantes“ zu bergen.

„Die argentinische Regierung denkt, ich bin ein Pirat. Aber ich will die Sachen nicht für mich. Ich will sie retten für die Öffentlichkeit“, sagt Héctor Monsalve. Dafür will er eine kleine Stiftung gründen, die an dieses dramatische Ereignis erinnert. Für seine Idee hat Héctor Monsalve Kontakte in alle Welt aufgenommen: Die Reederei Hamburg Süd und die Werft Blohm+Voss hat er in Hamburg angeschrieben. Leider sind bei der Sturmflut 1962 die Pläne und Unterlagen vom Bau der „Monte Cervantes“ zerstört worden. Die Reederei Hamburg Süd hat weniger Material über die „Monte Cervantes“ als der leidenschaftliche Taucher und Sammler im Süden Argentiniens.

Monsalve darf Schiffsglocke nicht bergen

Héctor kann stundenlang Geschichten über „sein Schiff“ erzählen: „Einer der beiden Motoren der ,Monte Cervantes‘ wurde in den 50er-Jahren geborgen. Er läuft noch heute in einer Fa­brik in Santa Fe, im Norden von Argentinien.“ Das Schiffshorn hat Héctor Monsalve in monatelanger Arbeit restauriert. Es sieht aus wie neu. Und: Es funktioniert nach wie vor. „Die Feder im Horn arbeitet auch nach Jahrzehnten im Salzwasser perfekt.“ Den Klang des Schiffshorns ließ Monsalve nach der Restaurierung noch einmal mit Pressluft im Garten erklingen. Jetzt liegt das riesige Horn in Decken eingewickelt auf dem Fußboden seines Wohnzimmers.

Heute ist das Tauchen zum Wrack verboten. Es ist zu gefährlich. Ein besonderes Detail des Hamburger Unglücksschiffes würde der auch mit seinen 70 Jahren noch sportlich kräftige Taucher aber gern noch bergen: „Ich weiß, wo die Schiffsglocke am Meeresgrund liegt.“

Nach mehr als zwei Stunden voller spannender Geschichten über die „Monte Cervantes“ verlassen die Gäste aus dem fernen Hamburg Héctor Monsalve. Ich verspreche ihm, in der Hansestadt von seiner Sammlung und seinen Recherchen zu berichten. Vielleicht ergeben sich 90 Jahre nach dem dramatischen Unglück der „Titanic des Südens“ neue Hinweise, neue spannende Details für den leidenschaftlichen Sammler und Forscher. Der wettergegerbte Taucher steht am Tor seines Grundstücks und winkt uns hinterher. Wir gehen. Héctor Monsalve und sein Traum von einem kleinen Museum für ein Hamburger Schiff am anderen Ende der Welt – die bleiben.