Justiz

E-Scooter: Verkehrsrowdy in Hamburg vor Gericht

| Lesedauer: 6 Minuten
Daniel Herder
Ein E-Scooter-Fahrer fährt vorschriftsmäßig auf dem Großen Burstah in Hamburg. Er benutzt die Fahrbahn.

Ein E-Scooter-Fahrer fährt vorschriftsmäßig auf dem Großen Burstah in Hamburg. Er benutzt die Fahrbahn.

Foto: Michael Rauhe

Körperverletzung, Sachbeschädigung: 22-Jähriger soll Radler attackiert und dessen neues Trekkingbike demoliert haben.

Hamburg. Seit Juni kann man sie mieten. Doch mit den E-Scootern als zusätzlichem Akteur hat sich das raue Hamburger Verkehrsklima nicht gerade entspannt. So erwischt die Polizei immer wieder Tretrollerfahrer, die betrunken Schlangenlinien oder über rote Ampeln fahren, die einen Beifahrer an Bord haben oder auf dem Geh- statt wie vorgeschrieben auf dem Radweg unterwegs sind. Als „Problemfeld“ hätten sich vor allem Konfliktsituationen zwischen Rollerfahrern, Radfahrern und Fußgängern herauskristallisiert, sagt Polizeisprecherin Evi Theodoridou. Ein gewaltsam eskalierter Streit zwischen einem Tretrollerfahrer und einem Radfahrer beschäftigt jetzt sogar die Hamburger Justiz.

In dem Fall, der sich bereits am 29. Juli ereignete, soll ein 22 Jahre alter E-Scooter-Fahrer an der Schröderstiftstraße einen Radler (39) angegriffen und danach noch dessen Rad auf die Straße geworfen haben. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung erhoben.

Neuer Prozesstermin

Eigentlich sollte am Dienstag die Verhandlung gegen Denis S. beginnen. Allerdings setzte die Amtsrichterin den Prozess aus, weil das Verfahren mit einem weiteren Verfahren gegen den Angeklagten verbunden werden soll. Möglicherweise soll ein Gutachten eingeholt werden. Erst vor wenigen Wochen hatte der mehrfach vorbestrafte Mann eine Drogentherapie abgebrochen. Das Gericht hat jetzt einen neuen Prozesstermin für den 17. März anberaumt. Dann soll auch Per R., der geschädigte Radfahrer, über das Geschehen berichten.

Er sei an jenem Tag gegen 16 Uhr auf der Schröderstiftstraße in Richtung Fernsehturm geradelt, sagte der 39-Jährige dem Abendblatt am Dienstag. Plötzlich habe ihm an der Kreuzung Rentzelstraße der von links kommende Rollerfahrer die Vorfahrt genommen. „Er schnitt mir buchstäblich den Weg ab, sodass ich voll in die Bremsen gehen musste“, erzählt der Tonmeister. In der Vorbeifahrt habe ihn der jetzt Beschuldigte auch noch angespuckt. Um ihn zur Rede zu stellen, habe er den Mann verfolgt.

Schaden von rund 600 Euro

Sie seien abgestiegen, und „dann hat er schon auf mich eingeprügelt“, sagt Per R. Die Schläge habe er zwar mit den Händen abwehren können, allerdings habe ihn der Angreifer noch „in einen Blumenkübel reingetreten.“ Er sei dann in eine nahe gelegene Kneipe geflüchtet.

„Dann hat er auf mein Fahrrad eingetreten und es vor lauter Wut auf die Straße geschmissen“, sagt Per R. Als der Rollerfahrer flüchtete, habe er mit seinem beschädigten, aber noch fahrtüchtigen Rad die Verfolgung aufgenommen. Währenddessen habe er mit der Polizei telefoniert, die Denis S. schließlich an der Quickbornstraße habe stellen können. „Der Rahmen war verzogen, die Felge kaputt, die Bremse funktionierte nicht mehr richtig und die Gangschaltung war defekt“, sagt er. An seinem erst eine Woche alten Trekkingbike sei ein Schaden von rund 600 Euro entstanden.

Befahren des Gehwegs häufigster Verstoß

Zahlen zu Unfällen im Zusammenhang mit E-Scootern liegen zwar noch nicht vor, aber in rund 50 Prozent der Fälle seien der Rollerfahrer, sein Mitfahrer, ein Fußgänger oder ein Radfahrer verletzt worden. Häufig seien allerdings auch Eigenunfälle „aufgrund mangelhafter Beherrschung des Scooters“ die Ursache für Verletzungen. „Auffällig ist auch, dass sich die Fahrer außerordentlich oft unerlaubt vom Unfallort entfernen, auch wenn es zu Verletzungen kam“, sagt Theodoridou.

Konkrete Zahlen zu Verstößen und Unfällen wird die Polizei erstmals im Februar bekannt geben. In mehr als der Hälfte der bekannten Unfälle habe die Polizei den Rollerfahrer als Verursacher eingestuft, so Theodoridou. „Bei unseren Schwerpunkteinsätzen haben wir festgestellt, dass das Befahren des Gehwegs beziehungsweise der Fußgängerzone den häufigsten Verstoß darstellt. In weiteren Fällen wurde das Rotlicht missachtet, die falsche Radwegseite genutzt oder eine weitere Person mit­genommen.“

Sieben betrunkene Rollerfahrer gestoppt

Bisher habe die Polizei außerdem sieben betrunkene Rollerfahrer gestoppt, darunter einen 22-Jährigen, der Anfang November 2019 in Schlangenlinien über die Lombardsbrücke fuhr. Festgestellter Atemalkoholwert: 2,1 Promille. Während für Radfahrer eine Promillegrenze von 1,6 Promille gilt, sind bei Tretrollerfahrten – wie bei Autofahrten – nur maximal 0,5 Promille zulässig. Betrunkenen Scooter-Fahrern droht somit der Verlust ihres Führerscheins.

Unklar ist, ob sich das Geschäft mit dem Rollerverleih rechnet, zumal in Hamburg gleich fünf Anbieter mit einem Gesamtbestand von mehr als 3000 E-Scootern für ein Überangebot sorgen. Im Schnitt werden, so der Senat Ende Oktober, mit jedem E-Scooter durchschnittlich drei Fahrten pro Tag absolviert – in Karlsruhe sind es fünf. Pro Fahrt legen sie etwa zwei Kilometer zurück.

Viele Verletzte landen in der Notaufnahme der Asklepios Klinik St. Georg

Die durchschnittliche Dauer beläuft sich auf elf Minuten. Zumindest im September lag die Zahl der Ausleihvorgänge bei E-Scootern nur geringfügig unter der von StadtRad (244.140). In der Masse, so die Polizei, werden E-Scooter von Touristen ausgeliehen. Und die fahren offenbar so, wie es ihnen gerade passt, und zwar „häufig auf nicht freigegebenen Verkehrsflächen, überwiegend im Innenstadtbereich“, so Theodoridou.

Viele der durch Rollerunfälle Verletzten landen in der Notaufnahme der Asklepios Klinik St. Georg. Seit Juni erfasst die City-Klinik die Zahl der verletzten Rollerfahrer, aktueller Stand: 73. Nur zwei hätten zum Zeitpunkt des Unfalls einen Helm getragen. Fünfmal stellten die Ärzte ein „relevantes Schädel-Hirn-Trauma mit Blutung oder Fraktur des (Gesichts-)Schädels“ fest. In 18 Fällen mussten Knochenbrüche operativ behandelt werden.

Das könnte Sie auch interessieren:

Eine Entspannung auf den Straßen deutet sich nicht an. Die E-Tretroller stehen den Kunden auch im Winter zur Verfügung. Die Anbieter Circ und Tier haben angekündigt, nur bei extremen Wetterverhältnissen keine Fahrten mehr zuzulassen. Auf Anfrage teilte der Anbieter Voi mit, dass man „keine Winterpause“ in Hamburg mache. Es gebe immer so viele E-Scooter, wie für die Nachfrage nötig seien. „Obwohl wir uns im Januar befinden und die Temperaturen ziemlich gesunken sind, ist diese noch immer sehr hoch“, so Voi weiter.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg