Heimfeld

BUND kritisiert Daimler für Pläne zur Werkserweiterung

Direkt neben dem Werk soll auf einer Moorfläche an der A 7 das Logistikzentrum entstehen.

Direkt neben dem Werk soll auf einer Moorfläche an der A 7 das Logistikzentrum entstehen.

Foto: Daimler

Firma will Logistikzentrum in Heimfeld auf geschütztem Moorboden bauen. SPD und Grüne dafür – unter Auflagen.

Hamburg.  In Heimfeld bahnt sich ein Konflikt um eine von Daimler geplante Erweiterung seines Werkes an. Das Unternehmen möchte von einem Investor auf einer benachbarten Moorfläche ein neues Logistikzentrum bauen lassen. Das Problem: Das rund 21 Hektar große Areal zwischen Fürstenmoordamm und A 7 Höhe Auffahrt Hausbruch liegt größtenteils in einem Landschaftsschutzgebiet, besteht aus ökologisch hochwertigen Niedermoorböden, die viel CO2 speichern und somit für den Klimaschutz wichtig und zudem von geschützten Pflanzen- und Tierarten besiedelt sind. Gleichwohl hat die Bezirksversammlung mit Stimmen von SPD und Grünen der Einleitung des Planverfahrens zugestimmt – unter Auflagen und der Bedingung, dass für umfassenden Ausgleich gesorgt wird.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) übt dennoch scharfe Kritik an der Planung. „Krasser kann der Widerspruch zwischen klimapolitischen Sonntagsreden und realer Politik nicht sein“, sagte der BUND-Geschäftsführer Manfred Braasch. „Wertvollster Moorboden soll ausgerechnet für einen Autokonzern geopfert werden. Rot-Grün im Bezirk und im Senat machen in altbewährter Wachstumsgläubigkeit so weiter, als gäbe es keine Klimakrise. Die Planung muss umgehend eingestellt werden.“

Senat hofft auf Abnahme des Lkw-Verkehrs

Das Bezirksamt selbst hatte in einer Stellungnahme des Fachamtes zum betreffenden Bebauungsplan Heimfeld 54 darauf hingewiesen, was die Umsetzung der Daimler-Pläne bedeuten würde. „Die ausgesprochen hohen ökologischen Wertigkeiten, die sehr wertvollen und umfangreichen Vorkommen besonders und streng geschützter Tier- und Pflanzenarten und der gesetzlich geschützten Biotoptypen, die wertvollen Niedermoorböden, die orts- und landschaftsbildprägenden Entwässerungsgräben und die großflächigen Baum- und Gehölzbestände im Plangebiet werden im Zuge der Umsetzung der Planung vollständig zerstört“, heißt es in einer Stellungnahme, die dem Abendblatt vorliegt.

Mit den Belangen des Naturschutzes allerdings konkurrieren, wie so oft, auch in diesem Fall ökonomische Interessen und der Erhalt von Arbeitsplätzen. Zudem erhoffen sich Daimler und Senat durch das direkt am Werk liegende Logistikzentrum eine Optimierung der Lieferketten und eine deutliche Abnahme des Lkw-Verkehrs – auch weil eine Anbindung an das Schienennetz geplant ist.

Arbeitsplätze sichern

„Nachdem Daimler bereits 500 Millionen Euro in das Werk investiert hat, um es zu einem Hightech-Standort für Antriebskomponenten der Elektromobilität zu entwickeln, ist dieses Vorhaben ein weiteres Bekenntnis der Daimler AG zum Standort Hamburg“, sagte Wirtschaftsbehörden-Sprecherin Susanne Meinecke. „So werden 2742 bei Mercedes Beschäftigte gesichert und rund 360 weitere Arbeitsplätze in dem ,Plant Consolidation Center‘ entstehen.“

Der städtische Industrie-Koordinator Torsten Sevecke betonte, dass Hamburg „unter industriepolitischen Aspekten ein hohes Interesse an der Verwirklichung dieses Projektes“ habe. „Wir wollen nicht nur einem traditionsreichen Industrieunternehmen am angestammten Standort zu Wachstum verhelfen, um Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen und den Industriestandort Hamburg in seinen Kompetenzen im Fahrzeugbau stärken“, sagte Sevecke dem Abendblatt. „Wir wollen mit diesem Projekt zeigen, dass Industriepolitik in Verbindung mit ökologischen Zielen sehr gut funktionieren kann.“

Erhalt von Moorflächen

Dafür sollen nicht nur die Neubauten hohen ökologischen Standards entsprechen. Laut SPD und Grünen werden auch 55 Hektar Ausgleichsfläche entstehen. „Der Bebauungsplan sichert viele Arbeitsplätze“, sagte die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete und Umweltpolitikerin Monika Schaal. „Gleichzeitig ist der Ausgleich sichergestellt: Maßnahmen wie der Erhalt von Moorflächen, Fassaden- und Dachbegrünung sowie Fotovoltaik-Anlagen auf den Hallen tragen zum Klimaschutz bei“, so Schaal. „Im Bezirk gibt es für Ausgleichsmaßnahmen bereits konkrete Vorschläge – etwa eine Vernässung von zu trockenen Moorflächen südlich des Neuländer Baggersees oder im Moorgürtel.“

Grünen-Umweltpolitikerin Ulrike Sparr sprach von einem „Dilemma“ für die Grünen. „Der Wunsch des Unternehmens, sich im Dreieck zwischen Autobahn und Gleisen zu erweitern, ist nicht nur aus Betriebssicht nachvollziehbar“, so Sparr. „Es ist auch umweltfreundlicher, wenn Ware gleich aufs Gleis verladen werden kann und Lkw-Ladungen sofort auf der Autobahn sind, ohne lange Fahrten durch Dörfer und Landschaft.“ Vor diesem Hintergrund habe man viel herausgeholt und für Ausgleich gesorgt. „Auf diese Weise können wir am Neuländer See und im Moorgürtel ungefähr das Doppelte der in Anspruch genommenen Fläche neu vernässen“, so Sparr.

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Nach Aussage von Daimler-Sprecherin Bettina Buchholz kann durch das Logistikzentrum „der Lieferverkehr über die Straße um fast 850.000 Kilometer pro Jahr verringert werden“. Durch den direkten Gleisanschluss würden „jährlich etwa 9200 Lkw-Transporte zum Verladebahnhof Billwerder sowie Verkehr und Lärm im Ellernweg für die Siedlergemeinschaft vermieden“.

Aus der Umweltbehörde von Jens Kerstan (Grüne) hieß es: „In der Interessenabwägung zwischen Landschaftsschutz und Arbeitsplätzen kann die Logistikfläche genutzt werden, wenn ein umfassender und vollständiger Ausgleich der durch den Eingriff beeinträchtigten Naturwerte garantiert wird.“

Ob sich der BUND damit zufriedengibt oder es zu Klagen kommt, wird das weitere Verfahren zeigen.